Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Seit die ersten Kameras anrollten, hat es auf den Kinoleinwänden Vampire gegeben. Warum? Weil es sie auch in der Menschheitsgeschichte schon immer gab. Von Max Schreck über Bela Lugosi bis Robert Pattinson - hier sind die berühmtesten Blutsauger.
Jede Kultur hat irgendeine furchterregende Figur vorzuweisen, die ihren Opfern die Lebensenergie aussaugt. Dabei: Es muss nicht immer Blut sein. Erst in der Literatur des 19. Jahrhunderts und in den cineastischen Darstellungen des 20. Jahrhunderts wurde der Vampir etabliert, wie er heute aus der Horrorlandschaft nicht mehr wegzudenken ist. Aber auch da hat der Blutsauger eine Evolution durchgemacht.
Immer wieder haben Vampire im Kino euphorische Trendwellen ausgelöst, um dann eine Weile im Dunkel zu verschwinden und neue Kräfte zu sammeln. Bis zum nächsten Angriff, der seit jeher geprägt ist von einer verführerischen Mischung aus Sex und Tod.
Der derzeit überschwängliche Enthusiasmus für das Genre begann mit züchtigen vegetarischen Vampiren, deren sehnsüchtig verliebter Edward Cullen, gespielt von dem androgynen Robert Pattinson, in der Twilight-Saga die Fans zu wahren Kreischkonzerten inspiriert. Dabei ist der schöne Edward mit der gequälten Seele und dem fast naiven schlechten Gewissen im Vergleich zu seinen cineastischen Vorvätern ein langweiliges Weichei.
Es begann mit Schreck
Am Anfang war Max Schreck. Auch wenn der deutsche Schauspieler 1922 nicht die erste Vampirrolle des noch jungen Kinos übernahm, so gilt er für seinen Auftritt als Graf Orlok in Nosferatu, eine Symphonie des Grauens doch als Urvater des Genres. Dem seltsam hässlichen Mimen verpasste Regisseur F.W. Murnau nur spitze Ohren und Zähnchen. Das reichte, um eine der gruseligsten Gestalten der Filmgeschichte zu schaffen. Schrecks entrückte Darstellung gab noch Jahre später Anlass zu Spekulationen. Der Film Shadow of the Vampire (2000), in dem Willem Dafoe den Schauspieler mimt, stellt die These auf, Schreck selbst sei ein Vampir.
Nosferatu ist zwar die erste Verfilmung von Bram Stockers 1896 erschienenen Erfolgsromans Dracula. Aber weil Stokers Witwe die Rechte nicht herausrücken wollte, musste Murnau alle Namen ändern und später sogar nach einem Gerichtsurteil die Filmrollen vernichten. Zum Glück überlebten Kopien. Wie stark diese von dem Original abweichen, ist nicht bekannt.
Bereits neun Jahre nach dem juristischen Desaster um die Dracula-Rechte trat der Ungar Bela Lugosi die Rolle seines Lebens an. 1931 kam Dracula in die Kinos. Damit war die archetypische Horrorfigur erschaffen, die anschließend nur von Frankensteins Kreatur jemals ernstzunehmende Konkurrenz bekam. Noch heute gilt Lugosis Darstellung als die einzig richtige und Vampirkostüme aus aller Welt orientieren sich an seinem langen schwarzen Umhang.
Das Dracula-Erbe Lugosis trat 1958 Christopher Lee an. Der hochgewachsene Brite schlüpfe bis 1972 sechsmal in die Rolle des Grafen. Nicht alle diese Streifen erfüllen Lee heute noch mit Stolz. Über Blut für Dracula (1966) sagte er, die Dialoge seien so schlecht gewesen, dass er sich geweigert habe, auch nur ein Wort zu sprechen. Die schweigende, zähnebleckende Darstellung Lees wirkt aber nicht nur vor diesem Hintergrund unfreiwillig komisch. Sein Engagement in der Serie trug zum Ende hin so seltsame Früchte wie Dracula jagt Mini-Mädchen, sodass Lee sich in den 1970ern von dem berühmten Beißer verabschiedete.
Zeit für Parodien
Das Genre hatte sich zwischenzeitlich so sehr etabliert, dass es Zeit für eine Parodie war. Roman Polanski schuf mit Tanz der Vampire (1967), in dem er einem gefährlich naherückenden Blutsauger eine Bibel zwischen die Zähne schiebt, einen urkomischen Klassiker, der es auf die Musical-Bühnen geschafft hat.
Auch Liebe auf den ersten Biss (1979) hatte viel Freude daran, den Dracula-Mythos auf die Schippe zu nehmen. Nicht nur, dass der ewig braungebrannte George Hamilton so gar nicht in das Vampir-Klischee passte. Es wurden auch berühmte Zitate ad absurdum geführt und der Graf ganz unelegant vom Sozialismus aus dem Schloss gejagt. Die Turner-Mädchen brauchen schließlich einen Trainingsort. Der Vampir war damit in der Gegenwart angekommen, die ihm und seinen altmodischen Verführungskünsten so gar nicht in den Kram passten. Zwischenzeitlich wurde der Nosferatu-Look in Gestalt von Klaus Kinski noch zweimal (Nosferatu: Phantom der Nacht, 1979 und Nosferatu in Venedig, 1988) aufgewärmt.
In den 1980er Jahren glänzten die Blutsauger im Mainstreamkino durch Abwesenheit. Lediglich Nicolas Cage hielt sich nach einer bissigen Liebesnacht in Vampire's Kiss (1988) für einen Vampir und Kiefer Sutherland macht mit seiner spitzzähnigen Gang in The Lost Boys (1987) das Horrorgenre teeniegerecht unsicher.
Die 1990er Jahre erlebten dagegen eine Frischzellenkur, die mit einer Rückorientierung zu den Wurzeln begann. Francis Ford Coppola warf jedes Dracula-Bild und jede Konvention rund um den Grafen über den Haufen, nahm sich das Original von Bram Stoker vor und nannte sein Werk auch Bram Stoker's Dracula. Opulent, fast opernhaft inszeniert brachte er 1992 mit Hauptdarsteller Gary Oldman den Vampir, fast so wie ihn Stoker erdacht hatte, auf die Leinwand und löste damit die Evolution des Genres aus.
Während Anne Rice in der Literatur schon lange die gekrönte Horrorkönigin war, machte die Verfilmung des Auftakts ihrer Vampir-Chroniken, Interview mit einem Vampir (1994), einen großen Perspektivensprung. Erstmals wurde aus der Sicht der Monster erzählt. Die Opfer wurden zu nahrhaftem Beiwerk degradiert. Tom Cruise als grausamer Lestat und Brad Pitt als von Gewissensbissen geplagter Louis bissen sich als sexy Dreamteam gemeinsam durch weiße Hälse.
In The Addiction (1995) wird der Hunger nach Blut der Drogensucht gleichgesetzt, während Lili Taylor und Christopher Walken ästhetisch verschlüsselt über das Leben und den Tod philosophieren. Auch Jude Law zückt in Die Weisheit der Krokodile (1998) ganz intellektuell und dezent die Zähne.
Willkommen im Actionfach
Aber nicht jeder geht so sensibel und kopflastig zur Sache. Mit Wesley Snipes landete der bis dato schleichend langsame Horror im Actionkino. In Blade (1998) und seinen zwei Fortsetzungen, Blade II (2002) und Blade: Trinity (2004) spritzt das Blut literweise, fliegen die Köpfe und explodieren verquollene Körper. Nur nicht zimperlich und bitte möglichst rasant, heißt die gewalttätige Devise.
Im Jahr 2000 erweckt Horrormeister Wes Craven Vampiropa Dracula erneut in Dracula 2000 zum Leben und führt ihn in die High-Tech-Welt ein. Dargestellt wurde er besonders sexy, muskulös und freizügig von Gerard Butler, der damals noch völlig unbekannt war, sich inzwischen aber als Superstar etabliert hat.
In den Jahren dazwischen blamierte sich Eddie Murphy in der gerne verschwiegenen Lachnummer Vampires in Brooklyn (1995), und Stuart Townsend machte sich in Queen of the Damned (2002) als Vampir Lestat und Nachfolger von Tom Cruise zum Klops. Auch John Carpenter's Vampires gehört zu den Peinlichkeiten des Genres, über die lieber der Mantel des Stillschweigens gehängt wird.
Mit Lack, Leder und spitzen Zähnen
2003 trat Kate Beckinsale im Latexdress auf die Kinobühne und machte mit Underworld den Männern erstmals weiblich ernstzunehmende Konkurrenz, ohne dabei ein üppiges Dekolletee zum Einsatz bringen zu müssen. Es folgten bisher zwei Fortsetzungen – Underworld: Evolution (2006) und die Vorgeschichte Underworld: Aufstand der Lykaner (2009). Ein vierter Teil ist in Planung.
Nun hat die Twilight-Saga das zwielichtige Kino im Sturm erobert und den Weg freigemacht, um auch andere Vampirfilme und Fernsehserien im Bluttaumel mitzureißen. So kommt in diesem Jahr noch Daybreaker mit Ethan Hawke auf die Leinwände, in dem die Welt so sehr von Vampiren überrannt wurde, dass das Futter langsam knapp wird, und in diesem Monat gibt sich John C. Reilly als rothaariger Beißer in Mitternachtszirkus die Ehre.
Auch im Fernsehen können die Vampire an die Erfolge von Buffy - Im Bann der Dämonen (1997 bis 2003) und Angel - Jäger der Finsternis (1999 bis 2004) anschließen. Während Moonlight (2007) schnell wieder abgesetzt wurde, heimste True Blood im vergangenen Jahr Kritikerlob, Auszeichnungen und Einschaltquoten ein. Vampire Diaries flimmert ab dieser Woche auch über die deutschen Mattscheiben. Es wird nicht die letzte Trendwelle gewesen sein, die die Vampire über das Publikum hereinbrechen lassen.
ham/nbr/news.de