Von Susanna Gilbert-Sättele
Die neuen Programme der Buchverlage versprechen ein abwechslungsreiches Frühjahr. Vor allem Romanleser dürften sich auf die neuen Bücher freuen. Auffallend ist auch die wachsende Zahl der Romane deutschsprachiger Autoren.
Romanleser dürfen sich auf ein abwechslungsreiches Frühjahr freuen. Die Verlagsprogramme kündigen sowohl jede Menge neuer Werke international renommierter Autoren an als auch ein buntes Potpourri aus Büchern von weniger bekannten und noch zu entdeckenden Schriftstellern.
Als einer der internationalen Autorenstars greift Philip Roth in Die Demütigung wieder einmal sein Lieblingsthema auf: Altern als tiefgreifende Identitätskrise. Mit Ironie und Eindringlichkeit schildert der hochdekorierte amerikanische Erzähler einen Theaterschauspieler um die Sechzig, der der Selbstauflösung mit der Beziehung zur lesbischen Tochter eines Jugendfreundes zu entgehen sucht. Auch Roths Landsmann John Irving meldet sich mit einem opulenten, wie immer fabelhaften Werk, Die letzte Nacht am Twisted River, zurück. Eine tragische Verwechslung zwingt in den 1950er Jahren einen Koch und seinen 12-jährigen Sohn zur Odyssee durch halb Amerika.
Geheimnisse birgt der neue Roman der gefeierten US-Autorin Joyce Carol Oates. Denn ihre Heldin, die einst auf einem Schiff auf der Flucht vor den Nazis geboren wurde und ein depressives Elternhaus sowie einen demütigenden Ehemann hinter sich gelassen hat, beschließt, mit allem zu brechen und sich neu zu erfinden. Nobelpreisträgerin Toni Morrison, eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der afroamerikanischen Literatur, legt ihren in den USA hochgelobten Roman Gnade vor. Meisterhaft erzählt sie vom Schicksal der jungen Sklavin Florens, die sich mit anderen auf sich gestellten Frauen im 17. Jahrhundert durchzuschlagen bemüht.
Das Wetter als Waffe
Dennis Lehane (Mystic River) beschreibt in seinem Buch Im Aufruhr früher Tage die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen einem reichen Weißen und einem Schwarzen und stellt sie vor die Kulisse der kriegserschütterten US-Gesellschaft im Jahr 1918. Zu den bekannten englischsprachigen Autoren zählt auch Giles Foden (Der letzte König von Schottland), der mit Die Geometrie der Wolken nun einen hochspannenden Wissenschaftsthriller präsentiert: Im Weltkriegsjahr 1944 versuchen Militärs an die meteorologische Formel eines pazifistischen Wissenschaftlers zu kommen, um den günstigsten Zeitpunkt für den Angriff der Alliierten ermitteln zu können.
Die erste Garde der deutschen Autoren ist in diesem Frühjahr unter anderem mit Christa Wolf vertreten. Ihren neuen Roman Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud versteht sie erneut als «ein Anschreiben gegen das Vergessen». Wolf folgt den Spuren der Künstler und Wissenschaftler, die auf der Flucht vor den Nazis im kalifornischen Exil ein «Weimar unter Palmen» fanden. Liebe und Ehe hat Erfolgsautor und Deutscher Buchpreisträger Arno Geiger (Es geht uns gut) in seinem neuen Werk Alles über Sally unter die Lupe genommen. Dabei ist das Werk als ein großer Roman über Liebe und Betrug in der Ära der Lebensabschnittspartnerschaft angelegt.
Ingeborg-Bachmann-Preisträger Thomas Lang (Am Seil) taucht in seinem neuen Roman Bodenlos in die widerstreitende Gefühlswelt eines 18-Jährigen in den 1980er Jahren ein. Das wohl autobiografisch angehauchte Werk lebt von der präzisen und dennoch feinfühligen Sprache des bemerkenswerten Autoren. Zum Wohnquartett mit Querflöte lädt Wolfgang Rüb seine Leser ein. In seinem nach Meinung von Elke Heidenreich «lebensklugen und witzigen» Buch prallen ein ost- und ein westdeutsches Paar aufeinander, woraus sich etliche Parabeln auf deutsche Befindlichkeiten zwanzig Jahre nach der Wende ergeben. Stilistisch überzeugt auch der junge Kristof Magnusson mit seinem zweiten Roman Das war ich nicht: Die Lebensfäden eines Nachwuchsbankers, einer überdrüssigen Übersetzerin und eines international gefeierten Schriftstellers verheddern sich hier zu einem abenteuerlichen Wirrwarr.
Eine dramatische Familiengeschichte hat Andreas Schäfer mit Wir vier geschrieben. Mit «glanzvoller Sprödigkeit» (Die Welt) fasst er in Worte, wie der Mord an einem Jungen dessen Eltern und den Bruder in einen Strudel sprachloser Verzweiflung stürzt.
In Frankreich ein monatelanger Bestseller und bereits verfilmt, wird Claudie Gallays berührender Roman Die Brandungswelle nun bald auch deutsche Bücherregale schmücken. Gallay entführt ihre Leser an die raue normannische Küste, wohin sich eine Frau im Schmerz um den Verlust des Mannes zurückgezogen hat und auf einen Fremden trifft, der einst seine Familie verloren hat.
Es wird italienisch
Die italienische Literatur ist in diesem Frühjahr mit einem neuen Werk von Milena Agus (Die Frau im Mond) vertreten. In Die Gräfin der Lüfte begleitet sie drei Schwestern aus einer verarmten sardischen Adelsfamilie auf ihrer Suche nach dem großen Glück. Ebenfalls aus Sardinien stammt Michela Murgia, die mit den Heldinnen ihres Romans Accabadora - einer alten Frau und einem kleinen Mädchen - die Zerrissenheit Italiens zwischen Archaik und Moderne darzustellen versteht.
Wie ein Film von Pedro Almodóvar kommen die Erzählungen des Istanbulers Murathan Mungan daher. In Städte aus Frauen zeichnet der hochgelobte Autor der jüngeren türkischen Generation ein Panorama der Gesellschaft seines Heimatlandes. Mit Meister der Wünsche, einer verzweigten Familiengeschichte aus Pakistan, will Ali Sethi die deutschen Leser überzeugen. Im Mittelpunkt stehen Zaki und seine rebellische Cousine, die in Lahore die stürmische politische Entwicklung ihres Landes erleben. Für sein Debüt Die Informanten über die Schattenjahre nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez von Mario Vargas Llosa mit viel Lob bedacht. Ein junger Journalist deckt ein dunkles Geheimnis auf, als er mit seinem Buch über eine deutsch-jüdische Familie auf Ablehnung stößt.
Zurück vom Lachsfischen im Jemen stellt der Brite Paul Torday nun Charlie Summers vor, einen naiven Pechvogel mit geringem Feingefühl und dickem Ego. Mit seinem trockenen Humor, Gespür für die Absurditäten des Lebens und beißender Gesellschaftskritik nimmt Torday die Hysterie der Finanzwelt am Vorabend der Krise auf die Schippe. Reichlich skurril geht es auch in dem Roman Vatermord und andere Familienvergnügen des Australiers Steve Toltz zu. Jasper, der Held, steht zwischen seinem Vater, einem unerträglichen Moralisten, und dessen bewunderten Bruder, der zwar ein Mörder, aber auch ein Volksheld ist. Ihn zu begleiten kommt einem vergnüglichen Ausflug an den Rand des Wahnsinns gleich.
voc/bla/nbr/dpa/news.de