Mo., 13.02.12

«Gier» Mit Glanz und Gloria in den Abgrund

Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein

Artikel vom 15.01.2010

Ein Mann kratzt an seinem Mythos. Dieter Wedels Zweiteiler Gier karikiert die ewige Jagd nach dem Mammon und ist doch nichts anderes als das, was er vorführt: Tand und Blendwerk ohne tiefere Bedeutung.

Die Jubel-Perser haben wieder den roten Teppich ausgerollt. «Hochaktuell» sei dieser Film, lässt sich ARD-Degeto-Chef Jörn Klamroth zitieren. Als «bestechende und analytische Arbeit» zur Finanzkrise lobt er den neuen Wedel. Die Rhetorik des Überschwangs weckt Hoffnungen, nur um sie später umso bitterer zu enttäuschen.

Keine Frage: Dieser Mann weiß sich zu inszenieren. Wedel hier, Wedel da. Kaum eine Zeitung oder Zeitschrift, die dieser Tage ohne ein Interview mit dem unbestrittenen Meister des TV-Mehrteilers auskommt. Der Macher von Der große Bellheim oder Der Schattenmann bringt seine Weisheiten unter die Leute - und pünktlich zur Ausstrahlung von Gier die eigene Autobiografie auf den Markt. Bei Beckmann war Wedel schon, zu Frank Plasberg kommt er noch. In Hart aber fair wird der Regisseur mit Experten über Gier in der Finanzwelt diskutieren. Und auch ein Filmporträt des TV-Granden, der im November das 70. Lebensjahr vollendete, steht an.

Welch ein Brimborium um Sonnenkönig Wedel und seinen Hofstaat! Ist Gier wirklich der nächste große Wurf, ein Epos für die deutsche Fernsehgeschichte? Zunächst einmal ist Gier vor allem ein Tanzfilm. Eigentlich schade, dass Wedel aus dem Stoff nicht gleich ein Musical gemacht hat. Ein Krisen-Musical, das wäre etwas gewesen.

Die Symbolik, so subtil wie ein Schlag in die Magengrube

Doch auch so wird in Gier unablässig herumgehopst. Die Party-Meute lässt die Hüften kreisen, Dirty Dancing für den Hamburger Finanzadel. Ist natürlich alles symbolisch gemeint. Nur: Die Symbolik ist bei Wedel diesmal so subtil wie ein Schlag in die Magengrube. Beim Tanz um das goldene Kalb hofft die Raffke-Gesellschaft auf den großen Reibach. Finanz-Magier Dieter Glanz (Ulrich Tukur), der neue König Midas, hat die wunderbare Geldvermehrung schließlich fest versprochen.

Die Figur des Dieter Glanz ist nach dem Vorbild des Finanzbetrügers Jürgen Harksen gestaltet. In den 1990er-Jahren leierte der dem Hamburger Geldadel Millionenbeträge aus den Taschen ihrer Maßanzüge. Seine Masche basierte auf dem klassischen Schneeballsystem - eine Methode, weniger raffiniert als die Tricks der Hütchenspieler. Harksen sammelte Millionenbeträge ein und zahlte Anlegern kleinerer Summen satte Renditen aus. So ließen sich die richtig dicken Fische ködern. Die vollmundig angekündigten Investments existierten natürlich nur in Harksens Phantasie. Die versprochenen Mega-Renditen kamen nie zur Auszahlung.

Der blonde Glanz von der Waterkant ist allenfalls ein begabter Blender. Der Zuschauer weiß das nach den ersten fünf Minuten. Das ist aber nur eines der Probleme in Wedels Film. Fünf Jahre will er recherchiert haben. Umso enttäuschender, dass sich das Ergebnis auf eine einzige These reduzieren lässt: Finanzjongleure verhalten sich nicht viel anders als religiöse Heilsversprecher und Sekten-Gurus. Um den Preis bedingungsloser Gefolgschaft wird den Anhängern Glück und Reichtum in ferner Zukunft versprochen.

Purer Namensfetischismus

Das ist eigentlich schon der Clou von Gier. Mehr ist da nicht. Glanz und seine Gloria (Jeanette Hain) scharen die Schranzen um sich. Erst in Hamburg, dann auf Mallorca und in Kapstadt. Um die Auszahlung der Rendite drückt sich Glanz immer wieder mit den verwegensten Lügen herum. Egal, das Spekulanten-Volk hat auch so seinen Spaß, vertreibt sich die Zeit mit Partyspielchen und Sex.

Eine Parallelgesellschaft ist es, die vor malerischer Kulisse ihrem Guru huldigt. Das hat ein bisschen was von Thomas Mann und Zauberberg reloaded. Das Sanatorium ist die Glanz’sche Villa, das Schweizer Hochgebirge, Kapstadts Tafelberg. Und noch ein wenig Bildungs-Philisterei der Marke Wedel: Der hessisch babbelnde Proll-Unternehmer (Uwe Ochsenknecht) hört auf den Namen Grünlich - genau wie der betrügerische Gatte von Tony Buddenbrook. Auch der war ein Bankrotteur, löste seine Finanzprobleme allerdings nicht mit Schlagring und Messer wie der schmierige Glanz-Apostel.

Was Wedel treibt, ist purer Namensfetischismus. Ein skrupelloser Schweizer Treuhänder (Peter Lerchbaumer) heißt - wie originell! - Oelig, ein tumorzernagter Ex-General (Dieter Laser) Habenicht. Von Glanz einmal abgesehen, scheint sich Wedel für seine Charaktere jedoch nicht zu interessieren. Vor allem die Frauen taugen gerade noch zum schmückenden Beiwerk. Selbst Pappmaché-Figuren atmen mehr Leben.

Schauriger Synthesizer-Soundtrack

Da ist Glanz-Gattin Gloria, die sich im unablässigen Tanz nur um sich selbst dreht, ein Funkenmariechen aus der Luxusboutique. «Geiler Body, aber kalt wie eine Schlange», urteilt Grünlich und liegt ausnahmsweise richtig. Die blonde Isa (Isa Haller) wiederum lässt sich vom reichen Erben Novak (Harald Krassnitzer) aushalten und von Schnösel Alfie (Kai Wiesinger) auf der Toilette flachlegen.

Bleibt noch Starlet Nadja (Sibel Kekilli), die Glanz als Hetäre für die erotischen Bedürfnisse seiner Anleger bereithält. Eine heimliche Liebe bindet sie an ihren Schwager Andy Schroth (Devid Striesow), einen kleinen Bankangestellten, der bei Glanz neben seinem eigenen Vermögen auch noch das seines Vaters (Heinz Hoenig) sowie seiner Kollegen durchbringt und darüber Frau und Tochter verliert.

Trotz alledem lässt Wedels Panoptikum menschlicher Gier den Zuschauer herzlich kalt. Sein Spötter-Blick auf die Charakter-Karikaturen vertreibt jeden Anflug von Sympathie. So hangelt sich der Film von Szene zu Szene. Harold Faltermeyers schauriger Synthesizer-Soundtrack sorgt dabei für ungewollte Flashbacks in die 1980er Jahre. Und Wedigo von Schultzendorffs Kamera filmt in polierter Hochglanz-Optik am liebsten weiße Strände und touristischen Firlefanz.

Selbst Wedels berühmter Wortwitz funktioniert nicht mehr. Ein Beispiel: In einer Szene klettert Schroth zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd. «Ich kriege meine Beine gar nicht so weit auseinander», jammert der Mann, als er das Ross endlich erklommen hat. Darauf Schwägerin Nadja: «Wir Frauen sind da geübter.» Altherrenwitze hatte Wedel bisher nicht im Portfolio. Dafür legt der Meister einen Cameo-Auftritt in bester Hitchcock-Manier hin. Mit dunkel getönten Brillengläsern steht er unter den geprellten Glanz-Jüngern und spricht kein Sterbenswort. So ist Gier. Viel Blendwerk, nichts zu sagen - nur dafür hätte es keine 180 Minuten gebraucht.

Gier, beide Teile am Freitag, 15.1., ab 20.15 Uhr bei Arte. Außerdem am 20. Und 21.1. jeweils um 20.15 Uhr im Ersten.

bla/news.de
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Leserkommentare (3)
  • Kommentar: 3
  • 17.01.2010 16:21
von
Hans 100 Meiser

Abgewedelt. Gier ist wohl der schlechteste Wedel. Ein Zweiteiler ohne Dramaturgie, ohne storry, langweilig und fast schon tragisch. Die Schauspieler werden wie Komparsen inszeniert. Das erstaunt, da in anderen Wedelwerken gerade die Charaktere der Figuren präzise herausgearbeitet wurden. Der Zweiteiler ist - kurz gesagt - miserabel. Wedel sollte sich und uns allen einen Gefallen tun: aufhören. Bereits der König von St. Pauli konnte nicht mehr so glänzen wie der Schattenmann. Gier ist jetzt der absolute Absturz. Aber wir werden ja sehen. Nach Unten gibt es keine Grenzen.

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  • Kommentar: 2
  • 15.01.2010 12:32
von
Carlos Wolf

"Chapeau, Tobias Köberlein." Endlich mal einer der die Wahrheit schreibt. Wedels Filme waren immer das Seichteste und Schwächste was je im TV gelaufen ist. Ausufernde Langweiligkeit - ein Regiseur der seinen Filmstoff nicht auf neuzig Minuten verdichten kann ist ein Schwätzer. Allein die Namensgebung der Akteure in diesem Machwerk zeigt die Schwäche. Oder ist es bereits altersbedingte Senilität?

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  • Kommentar: 1
  • 15.01.2010 11:46
von
Toni Ka

Da hatte man ja im Vorfeld wirklich mehr erwartet. Bin mal sehr gespannt. Auf jeden Fall eine tolle und geistreiche Kritik - Lob an den Autor!

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