Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Über das Drama der Messner-Brüder am Nanga Parbat ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert und gestritten worden. Jetzt bringt Regisseur Joseph Vilsmaier die Tragödie auf die Kinoleinwand. Leider bleibt das filmische Drama im Ansatz stecken.
Die erste Himalaya-Expedition der Messners sollte für Reinhold nicht nur den entscheidenden ersten Höhepunkt einer beispiellosen Bergsteigerkarriere markieren: Sie war zugleich auch ihr bitterster Tiefpunkt. Gemeinsam mit seinem Bruder Günther bezwang er die Rupalwand und schließlich den Gipfel des 8125 Meter hohen Nanga Parbat. Aber wie so oft bei Bergsteigergeschichten lagen auch 1970 Triumph und Tragödie eng beisammen: Günther kam beim Abstieg ums Leben. Wie und warum, weiß nur Reinhold Messner.
Regisseur Joseph Vilsmaier hat aus diesem Drama einen Kinofilm gemacht, der reißerisch angekündigt wird: «Zwei Brüder. Ein Berg. Ihr Schicksal.» Das lässt einiges erwarten, denn das Schicksal am Berg, das hier mit viel Aufwand und an den Originalschauplätzen rund um den berüchtigten Nanga Parbat inszeniert wird, hat seit der tragischen Expedition von 1970 Medien und Öffentlichkeit immer wieder beschäftigt.
Vilsmaier erzählt das Bergdrama aus zwei Perspektiven: Die eine gehört Reinhold Messner, der den Film angeregt und an der Realisierung beteiligt war, die andere dem deutschen Arzt und Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer (1916-1991), den der genial spielende Karl Markovics als steifen Altnazi mit Hang zum frakturdeutschen Schwadronieren gibt. Besessen rekrutiert er eine «schlagkräftige Mannschaft» und plant «den Angriff auf den Berg». «Reinhold», fleht er Messner an, «die Wand muss fallen». Bis ins Absurde ist diese Rolle aufgebläht; besonders deutlich wird das in jenen Szenen, in denen Herrligkoffer seiner Sekretärin (Jule Ronstedt) in einem Zelt im Basislager seine Sicht der Geschehnisse diktiert, ganz so, als würde er viel lieber im Führerbunker sitzen.
Die brav abgefilmten Berge bleiben Kulisse
In solchen Szenen wird auch Vilsmaiers Affinität zum Dritten Reich deutlich. Ständig ist in Nanga Parbat vom Schicksalsberg der Deutschen die Rede. Bis Ende der 1930er Jahre war hier fast die gesamte deutsche Bergsteigerelite ums Leben gekommen, darunter Herrligkoffers Halbbruder Willy Merkl. Herrligkoffer leitete nach dem Krieg acht Nanga-Parbat-Expeditionen, auch jene von 1953, als der Österreicher Hermann Buhl erstmals den Gipfel erreichte.
Bis auf sein Idol Buhl interessierte den damals 25 Jahre alten Reinhold Messner diese Vergangenheit ziemlich wenig. Und was er von Herrligkoffer hält, der wahnhaft von Sieg und Niederlage spricht, ist im Film in einen Dialog gepackt, an dessen Ende Messner über den Nanga Parbat sagt: «Wir müssen ihn ja nicht gleich besiegen. Mir reicht es schon, ihn zu besteigen».
Den Berg setzt Vilsmaier bildgewaltig in Szene. Hier zeigt sich der gelernte Kameramann. Bis zu einer Höhe von 7100 Metern wurde gefilmt, um spektakuläre Aufnahmen zu gewährleisten. Oft hatte Vilsmaier die Kamera selbst in der Hand. Er lässt sie die Rupalwand des Nanga Parbat hoch klettern, ganz unten im Tal beginnend und langsam durch Fels und Eis immer weiter nach oben steigend, 4500 Meter überwindend und erst in einer Höhe endend, in der für gewöhnlich Passagierflugzeuge verkehren. In diesem Moment wird auch jedem Nichtalpinisten klar, dass dieser vertikale Superlativ, die höchste Felswand der Erde, eine ganz besondere Anziehungskraft und Ästhetik besitzt. Dennoch: Die Berglandschaften wirken insgesamt zu brav abgefilmt. Der West-Himalaya mit seinen Bergvölkern bleibt Kulisse.
Vor allem können die Zuschauer die existenzielle Anstrengung des Bezwingens von Bergen dieser Höhe nie wirklich spüren. Auch die komplexe Beziehung zwischen den Brüdern und Reinholds schwieriges Verhältnis zu Herrligkoffer werden nicht entsprechend beleuchtet. Zu knöchern sind die Dialoge, zu grob gezeichnet die Charaktere. Dem Spiel der beiden Hauptdarsteller ist dies nicht anzulasten. Im Gegenteil: Florian Stetter verleiht Reinhold Messner eine mitreißende Selbstgewissheit und gibt sich so eitel und selbstgerecht, wie man Messner in der Öffentlichkeit gewöhnlich wahrnimmt.
Ein alter Streit könnte wieder aufflammen
Andreas Tobias als Bruder Günther ist daneben der ewige Hinterherkletterer, der unzufriedene Banker, der als Ersatzmann nach Pakistan reist: Anhängsel eines Bruders, der keine Seilschaft braucht – 1978 wird Reinhold Messner den Nanga Parbat ganz allein, ohne Sauerstoffflasche und Höhenlager erneut besteigen. Günthers Tod kommt wegen der schwachen Charakterzeichnung eher beiläufig daher. Auch ist der Zeitraum des Abstiegs nicht greifbar, ebenso wenig wie die Entfernung, welche die beiden noch zusammen zurücklegen.
Größtes Manko des Films ist aber, dass sämtliche anderen Expeditionsteilnehmer Statisten bleiben, wohl auch, um mögliche Klagen zu umschiffen. Denn der Kinofilm könnte einen alten Streit wieder aufflammen lassen: Seit 2001 kämpft Messner mit seinen damaligen Teammitgliedern Gerhard Baur, Hans Saler und Max von Kienlin um die allerletzte Wahrheit, mittels Büchern, Klagen und Interviews. Er beschuldigt sie der unterlassenen Hilfeleistung. Die Gegenseite vermutet, er habe durch seinen extremen Ehrgeiz zumindest indirekt den Tod seines jüngeren Bruders verursacht – zumal er den Expeditionsteilnehmern Felix Kuen und Peter Scholz zurief, es sei alles in Ordnung, bevor er den Abstieg über die Diamirwand antrat.
Ob Vilsmaier in Nanga Parbat tatsächlich die Wahrheit über die Bergtour erzählt, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Seine Version der Geschichte, die auf Reinhold Messners Perspektive reduziert ist, aber zündet den Zuschauer nicht an. Sie lässt ihn nicht schaudern, und sie lässt ihn nicht das tiefe Gipfelglück empfinden.
Titel: Nanga Parbat
Regisseur: Joseph Vilsmaier
Darsteller: Florian Stetter, Andreas Tobias, Karl Markovics, Jule Ronstedt
FSK: 6 Jahre
Filmlänge: 100 Minuten
Kinostart: 14. Januar 2010