Zukunft der Presse (4)

Operation Zuversicht

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Wie überleben Medien in der Krise, trotz Anzeigeneinbruch und der Konkurrenz durch das Netz? Für Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo scheint die Antwort einfach.

Lester Maul (Was ist das?)

Das Fazit: Keiner weiß was die Zukunft bringt. Voraussagen lässt sich nur: Sie kommt. Oh, schon vorbei. Aber da kommt schon die nächste. Oh, auch schon wieder vorbei!

Die deutsche Medienlandschaft gleicht derzeit einem düsteren Wald mit einer kleinen Lichtung in der Mitte. Während im Sonnenschein – trotz Anzeigenkrise und Konkurrenz durch das Internet kommen nur selten Wolken auf – die Platzhirsche wie Spiegel, Zeit oder Süddeutsche Zeitung noch friedlich grasen können, sucht das Rudel aus Lokal- und Regionalblättern zwischen den Bäumen sein Futter, immer öfter ohne Erfolg. Noch ist hier niemand verendet, doch einzelne Tiere werden schwächer.

Es wäre spannend zuzusehen, wie einzelne der Platzhirsche miteinander umgingen, doch noch grast jeder für sich. Mathias Döpfner etwa, den Vorstandsvorsitzenden von Axel Springer, und Georg Mascolo, neben Mathias Müller von Blumencron Chefredakteur des Spiegel, würde man nur zu gerne einmal im Gespräch erleben. Döpfner auf der einen, der die Krise, die nicht enden will, als eine Krise des Journalismus an sich betrachtet, und Mascolo auf der andere Seite, der sie auf den Rückgang an Werbeeinnahmen zurückführt.

Mascolo, als vierter im Bunde nach Günther Nonnenmacher (FAZ), Rüdiger Ditz (Spiegel Online) und Peter Matthias Gaede (Geo) eingeladen, vor Leipziger Journalistikstudenten seine Ideen für den Journalismus der Zukunft vorzustellen, gibt sich optimistisch. Zu oft schon habe man die Presse totgesagt, Fernsehen und Radio ebenso, «mit Prognosen wäre ich vorsichtig. Uns geht es auch gar nicht so schlecht».

«Wir werden ein Jahrzehnt der Unübersichtlichkeit erleben»

Dabei könnte es auf den ersten Blick so einfach sein, auch beim Spiegel eine massive Krise auszumachen. Man müsste nur den Umfang der Hefte miteinander vergleichen und würde feststellen: Das Nachrichtenmagazin aus Hamburg wird dünner. Doch Mascolo entlarvt solche Rechenspielchen schnell: Ganz gleich, wie umfangreich der Spiegel insgesamt sei, der redaktionelle Inhalt sinke nie unter eine festgelegte Grenze. Auch bei anderen Qualitätsmedien wie der Zeit oder der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sehe die Situation gut aus, die Auflagen stiegen oder stagnierten wenigstens, der Spiegel verdiene selbst mit seinem Onlineangebot Geld, überhaupt sei guter Journalismus keine Frage des Formats, sondern der Form.

Die Prognosen für die Zukunft sehen jedoch auch bei Mascolo nicht rosig aus: «Wir werden ein Jahrzehnt der Unübersichtlichkeit erleben», prophezeit er. Die Vertriebswege würden differenzierter, die Einnahmequellen unsicherer, das iPhone, für das auch der Spiegel in Kürze eine eigene Anwendung anbieten wolle, sei da nur der erste Schritt: «Für das Internet werden Bezahlinseln entwickelt werden müssen». An eine großflächige Lösung, um Nachrichten im Internet kostenpflichtig anzubieten, glaubt Mascolo nicht mehr: «Dieser historische Fehler, die Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen, ist nun einmal gemacht worden.» Auch auf die Nachfrage, ob er sich einen runden Tisch der großen Verlage vorstellen könnte, um eine gemeinsame Lösung zu finden, zögert er mit einer Antwort: «Ich weiß es nicht», sagt er schließlich.

Dennoch sieht Mascolo das Internet nicht als verloren an und räumt mit einer Behauptung auf, die ihn sichtlich zu stören scheint: «Nachrichten und Fakten sind nicht frei verfügbar.» Engagement, Leidenschaft und Liebe seien für einen Journalismus nötig, der mehr biete, als nur umgeschriebene Agenturmeldungen. «Echte Nachrichten sind der Rohstoff unserer Branche.» Und der lasse sich nunmal nicht künstlich vermehren.

Verdrängen wird das Netz die klassischen Medien nicht

Mascolo spricht als Vertreter eines Platzhirschs, eines Vorreiters, der 1994 bereits ein Onlineangebot hatte, einen Abend vor dem Time Magazine, wie er stolz berichtet. Er spricht als einer, dem es gut geht. «Es hat und wird beim Spiegel keinen Personalabbau geben», kündigt er an. Wem aus der Branche ginge solch ein Satz derart leicht über die Lippen? Doch die Printauflage des Spiegels ist stabil, im Onlinebereich streitet sich das Blatt mit der Bild-Zeitung um die Vorherrschaft. Der Gesamtumsatz der Spiegel-Gruppe lag 2009 bei rund 330 Millionen Euro, 332 redaktionelle Mitarbeiter arbeiten derzeit für die Printprodukte, 98 für die Onlineangebote.

Von Crossmedia hingegen hält Mascolo offensichtlich nur so viel wie nötig. Die Redaktionen von Print und Online blieben auch zukünftig getrennt, die Zusammenarbeit zwischen beiden Bereichen sei jedoch in den vergangenen Jahren deutlich verbessert worden, auch wenn Rüdiger Ditz, Chefredakteur von Spiegel Online, sich kürzlich an selber Stelle zum Problem, Printkollegen für die Onlinearbeit zu bewegen, äußerst kritisch geäußert hatte: «Stellen Sie sich vor, Sie müssen einen Tanker umsteuern, der einen Wendekreis von mehreren Kilometern hat», so das Bild, das Ditz bemühte. Für Mascolo bleibt Online eine Ergänzung zu Print. Verdrängen werde das Netz die klassischen Medien nicht.

Tortz der komfortablen Situation, auch der Spiegel steht vor Problemen, der Anzeigenrückgang etwa ist deutlich. Von einstmals 5500 Anzeigenseiten pro Jahr seien heute noch etwa «2000 plus X» übrig. Eine Prognose für 2010 mag Mascolo nicht wagen, nur dass der Spiegel, wie auch andere Qualitätsmedien, künftig teurer werde. «Billiger als einen Latte Macchiato bei Starbucks müssen wir uns auch nicht verkaufen.»

«Operation Zuversicht»

Auch der Spiegel muss also sparen und er hat es schon getan, wie Mascolo erzählt: Der Druckvertrag für das Magazin sei kürzlich erst neu verhandelt worden, zudem trete die Redaktion bei Reisen und Spesen kürzer. Man überlege sehr genau, in welchen Hotels man übernachte, auch der Chefredakteur ist in der Bahn nur noch zweiter Klasse unterwegs. «Ich kann keinem meiner Mitarbeiter etwas abverlangen, was ich selbst nicht vorlebe», sagt er. Nur bei der Recherche, da mache er keine Abstriche. «Ich halte es für sehr gefährlich, bei den Redaktionen zu sparen.» Auch deshalb blicke er mit Sorge auf die Lage der Lokal- und Regionalzeitungen, bei denen er die Gefahr sehe, dass nicht mehr in die Qualität investiert werde.

Und dann erzählt er auch noch, warum er die Medienkrise dennoch für keine Krise des Journalismus hält: «Guter Journalismus muss nicht mehr erfunden werden», sagt Mascolo. «Wir müssen ihn nur machen.» Das ist es wohl, was Georg Mascolo, der seine Karriere bei Spiegel TV begann und schnell zu einem der wichtigsten investigativen Journalisten der Spiegel-Gruppe wurde, als «Operation Zuversicht» bezeichnet. Er würde seinen Beruf ohne zu zögern wieder ergreifen, sagt er. Und auch jungen Journalisten würde er niemals davon abraten. «Denn in keinem anderen Beruf können sie ihr Leben lang dazulernen, interessante Menschen treffen und immer wieder ihre Neugierde befriedigen.» Noch scheint die Sonne auf der Lichtung im düsteren Wald.

 

Der Vortrag von Georg Mascolo war Teil 4 einer Ringvorlesung der Leipziger Universität. Es folgen Termine mit dem Verleger Konstantin Neven DuMont (20.1.2010) und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (angefragt, Februar 2010).

che/news.de
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