Der Bolero als intensivster Ausdruck von Liebe und Verlust, Chansons ohne pathetische Überzeichnung, Gitarrenriffs, die eines King of Pop würdig sind und entpannender Synthie. Vier Alben, die in ihrer eigenen melodischen Klasse spielen.
Luz Casal: La Pasión
In ihrer Heimat Spanien ist Luz Casal seit den 1980er Jahren eine feste Größe als Rock- und Popsängerin. Insbesondere in den 1990ern veröffentlichte sie mehrere extrem erfolgreiche Alben. Schon damals kam sie aber auch mit Boleros in Berührung: Regisseur Pedro Almodóvar bat sie, zwei davon für seinen Film High Heels aufzunehmen. Vor allem Piensa en mi erwies sich als echter Hit. Nun greift die heute 51-Jährige diesen Stil wieder auf und widmet ihm mit La Pasión ein ganzes Album. Es ist ihr zwölftes. Ein zeitloses Werk voll Nostalgie und Romantik ist daraus geworden, mit Boleros als «dem intensivsten Ausdruck von Liebe und Verlust», wie die Sängerin selbst sagt. Casal wählte klassische Boleros aus - vor allem aus Mexiko und Kuba, aber auch aus anderen Ländern Lateinamerikas - von denen viele in die 1940er und 1950er Jahre zurückreichen. Um die elf Titel vor jeglichen harten Klängen der Neuzeit zu bewahren, nutzte sie historische Aufnahmegeräte und achtete auf Arrangements mit viel Gefühl. Und so nimmt einen die Sängerin mit ihrer hier so gar nicht nach Rock klingenden Stimme und einer Begleitung aus lateinamerikanisch schmetternden Bläsern, sanftem Piano und zarten Streichern mit auf eine musikalische Reise in warme Gefilde einer vergangenen Zeit.
Interpret: Luz Casal
Titel: La Pasión
Plattenfirma: Blue Note/EMI
Spielzeit: 43 Minuten
Erscheinungsdatum:27. November 2009
Orianthi: Believe
Steve Vai. Carlos Santana. ZZ Top. Prince. Michael Jackson. Mit ihren fast 25 Jahren hat die aus Australien stammende Gitarristin Orianthi schon mit den ganz großen Pop-Heroen zusammengearbeitet. Ihr Stil ist melodischer Mainstream-Rock mit einer großen Bandbreite und Intensität, die ebenso zu Prince wie dem verstorbenen King of Pop passt, der sie als Gitarristin für seine nicht mehr zustande gekommene Comeback-Tournee This Is It engagiert hatte. Im gleichnamigen Probenfilm ist sie noch zu sehen. Mit ihrem Debütalbum Believe tritt Orianthi Panagaris nun an, aus dem Schatten der arrivierten Nutznießer ihrer Musikalität herauszutreten. Die zwölf Lieder sind von hoch professioneller Qualität, auf der Langstrecke eines Albums wirken sie allerdings einen Tick zu glatt und routiniert. Das kann aber auch schlicht daran liegen, dass die Australierin mit griechischen Wurzeln in den USA und Asien lebt und sich an den dortigen Märkten orientiert. Sie hat mehr Potenzial, als sie auf ihrem Debüt zeigt. Songs, die das andeuten, sind According To You, Feels Like Home, Think Like A Man und das wilde Instrumental Highly Strung.
Interpret: Orianthi
Titel: Believe
Plattenfirma: Geffen/UMG
Spielzeit: 41 Minuten
Erscheinungsdatum: 27. Januar 2010
Owl City: Ocean Eyes
Dieser Ozean mit seinen Ocean Eyes ist unaufgeregt wie ein Dorfweiher, zum Stillstand gekommen, aber auch entspannt und von einfacher melodischer Schönheit. In Fireflies besingt Adam Young, der seinen Elektropop als Owl City eingespielt hat, seine Schlaflosigkeit (Tired of Counting Sheep) und führt so in eine subtile Doppeldeutigkeit, die Ocean Eyes über den Durchschnitt hebt. Besonders fein ist die Ironie in Dental Care - was macht man nicht alles, um den Zahnarzt zu vermeiden und sein natürliches Lächeln zu erhalten. Das ist Synthie-Pop zum Entspannen und zur Ruhe kommen.
Interpret: Owl City
Titel: Ocean Eyes
Plattenfirma: Universal Republic
Spielzeit: 53 Minuten
Erscheinungsdatum: 5. Februar 2010
Dominique A: La Musique
Das neue Album von Dominique A beginnt mit schlichten Computerbeats, gefolgt von einer girlandenartigen kleinen Melodie auf der Orgel, es dauert 20 Sekunden, bis die Stimme erklingt, an der man dieses neue Songdutzend wird messen können. Bei dem wunderbar melancholischen Eröffnungsstück Le Sens hört Dominique A sich leicht verkratzt im Hals an, eine von den zahlreichen ganz persönlichen Duftnoten, die der Franzose diesem in Heimproduktion entstandenen Spitzenwerk verpasst hat. Knapp 20 Jahre ist es her, dass Dominique A mit seinem Debüt La Fossette die heimische Musikwelt nachhaltig veränderte, mit Homerecording-Elementen, Elektrobeats und Gitarrensounds, die an Rock und New Wave erinnerten. Ob man das nun «Nouvelle Chanson» oder «Nouvelle Pop francaise» nennt, ist nicht von Bedeutung, der Künstler spielt längst in seiner eigenen Liga, positioniert hat er sich abseits des Radio-Quoten-Pop, aber auch der Folk-Kuscheligkeit und Daft-Punk-Discomania, der Vorhersehbarkeit dessen, was aus Frankreich kommen darf. Diesen Standard hält er mühelos auf La Musique . Mit Immortels, dem Stück, das er ursprünglich für den kürzlich verstorbenen Alain Bashung geschrieben hat, geht Dominique A einmal gar in der Tradition des klassischen Chansons in die Vollen, ohne dessen Pathos zu kopieren. Der Song bleibt damit merkwürdig in der Schwebe. Und er erzählt davon, dass große Musik auch aus dem Zwiespalt entstehen kann, den verspürt, wer sich weder Vergangenheit noch Gegenwart verschließt.
Interpret: Dominique A
Titel: La Musique
Plattenfirma: Le Pop Musik/Groove Attack
Spielzeit: 2 CDs, 86 Minuten
Erscheinungsdatum: 22. Januar 2010