Mi., 22.05.13

«Charlie Summers» Hedgefonds und Hundefutter

Buch «Charlie Summers» (Foto)
Im Durchlauferhitzer der Finanzkrise: Charlie Summers von Paul Torday. Bild: Berlin Verlag

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Ein Hallodri verkauft Hundefutter japanischer Kampfmönche und Hedgefond-Jongleur Eck fragt sich am Vorabend der Finanzkrise, in welchen Film er da eigentlich geraten ist. Paul Torday hat ein kurzweiliges Finanzkrisenbuch geschrieben.

Charlie Summers ist ein Taugenichts. Ein Mann, vor dem uns unsere Mütter immer gewarnt haben: Liederliches Äußeres, immenser Alkoholkonsum, und wo immer er eine neue Geschäftsidee verwirklicht, hinterlässt er verprellte Kunden, enttäuschte Damen und horrende Kreditkartenrechnungen.

Doch im Leben des Brokers Hector «Eck» Chetwood-Talbot soll dieser Herumtreiber eine Schlüsselrolle spielen. Der britische Autor Paul Torday erzählt die Geschichte von Charlie und Eck in seinem neuen Roman Charlie Summers. Nebenbei erklärt das Buch auch noch, wie es zur Finanzkrise kommen konnte und das so wunderbar leichtfüßig, dass man kein Wirtschaftswissenschaftler sein muss, um zu verstehen, warum der überhitzte Markt kollabiert ist.

Bücher zur Krise
Vom Drama bis zum Arztroman

Bekannt geworden ist Paul Torday mit seinen Debütroman Lachsfischen im Jemen. Dabei ist Torday ein Spätzünder in Sachen Literatur: Erst mit 59 Jahren schrieb er sein erstes Buch. Davor hat er als Unternehmer im Ingenieurwesen gearbeitet.

Diesmal hat er sich in den Londoner Finanzsumpf gestürzt. Torday jongliert mit «multistrategischen Hedgefonds», Nachrangdarlehen, Hypotheken und Aktien und lässt seine Helden jämmerlich ins Verderben rennen. Der Protagonist der Geschichte ist nicht Charlie Summers, sondern Eck, der dank seiner vielen Kontakte bei Mountwilliams Partners arbeitet.

Weichklopfen mit Drinks und Angelausflügen

Im Prinzip besteht sein Job darin, seine Freunde abzuschröpfen, sie zu überreden, ihr Geld in die Hände des Unternehmens zu geben, das schwindelerregende Rendite verspricht. Bei Drinks und opulentem Dinner oder auf Angelausflügen klopft Eck die potenziellen Kunden weich und reicht sie dann an seine Kollegen weiter, die sie zu riskanten Anlagen überreden. Anfangs läuft alles wunderbar und das Geld fließt in Strömen. Wie das alles funktioniert, begreift Eck jedoch selbst nicht so richtig.

Torday verknotet die Geschichten von Eck und Summers zunächst nur lose: Eine kurze Begegnung und dann hat erst einmal Ecks Freund Henry den Herumtreiber an der Backe.

Charlie wanzt sich an alleinstehende Frauen heran und fährt ein windiges Unternehmen nach dem anderen gegen die Wand: Erst recycelt er Druckerpatronen mit einer grünen, stinkenden Masse, dann vertreibt er eine Spezialformel, die angeblich den Bezinverbrauch von Autos um die Hälfte reduziert – dass sie auch einen Motorschaden herzaubert, verschweigt er, so lange es geht.

Genauso zum Scheitern verurteilt ist sein neuestes Projekt: Japanisches Hundefutter, hergestellt nach der Tradition der Kampfmönche von Yokohama. Eine spezielle Algenart soll für gesunde Waldis mit glänzendem Fell sorgen. Charlie mixt das Futter allerdings heimlich in der Garage zusammen, statt es aus Japan zu importieren und statt Algen bröselt er ein Gemüsepulver darunter. Das Ergebnis: Das Hundefutter ist – nun, ja – nicht gerade bekömmlich. Stammkundschaft gewinnt er damit jedenfalls nicht.

Verpulvern satt göbeln

Auch wenn Charlie Summers über weite Teile des Buchs einen Nebenpart spielt, bekommt er am Ende eine Schlüsselrolle. Die Fäden von Charlies und Ecks Geschichte kreuzen sich immer wieder lose, um sich schließlich heftigst miteinander zu verknoten. Eck, der erst abfällig auf den heruntergekommenen Charlie herabblickt, muss bald erkennen, dass es besorgniserregende Parallelen zwischen Charlies haarsträubenden Geschäftsideen und der Hedgefonds-Jonglage seines Arbeitgebers gibt – nur dass hier keine Hunde die Empfangshalle vollgöbeln, sondern das Vermögen von Ecks Freunden verpulvert wird.

Charlie fasziniert den jungen Engländer und das nicht nur, weil der Kleinganove eine verstörende Ähnlichkeit mit Eck hat. Als Eck Freunde, Chef und sogar die Taliban gegen sich aufbringt, kommt Charlie wieder auf den Plan und übernimmt eine Rolle in Ecks Leben, mit der keiner gerechnet hätte. Eine romantische Frauengeschichte darf natürlich nicht fehlen. Die ist zwar schön verschroben, am Ende aber doch recht eindimensional und dick aufgetragen.

Paul Torday versteht es, mit gut beobachteten Details seine Figuren plastisch herauszuarbeiten und schafft mit Charlie Summers ein Sittengemälde von der Geldgier des britischen Mittelstandes. Er macht deutlich, wie Habsucht den Blick für das Risiko trübt: Anleger hauen blindlings die Millionen raus, weil der Nachbar schon die Grube für den Zweitpool aushebt. Im Zentrum bleibt die große Frage der Finanzkrise: Wer trägt eigentlich die Schuld, wenn die Anleger Millionen verlieren? Sie selbst, weil sie zu gierig waren? Oder die Anlageberater, weil sie gutgläubige Kunden hinters Licht geführt haben?

Torday gibt darauf keine Antwort, aber er erklärt uns, wie Eck in den Mechanismus geraten konnte. Und am Ende einer spannend erzählten Geschichte wird klar, dass auch auf dem Finanzmarkt nicht mit so einfachen Kategorien wie «gut» oder «böse» gehandelt werden kann.

Titel: Charlie Summers
Autor: Paul Torday
Verlag: Berlin Verlag
Seiten: 271 Seiten
Erscheinungsdatum: 9. Januar 2010
Preis: 22 Euro

bla/reu/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • tomahawk1204
  • Kommentar 1
  • 08.02.2010 16:23
 

Na ja, ungefähr so isses mit der Abzockerei an der Börse, aber wiederum isses auch etwa ganz so nicht. Wenn ich mich mit dem Leben des Haupabzockers Richard Fuld beschäftige. 800 Milliarden $ noch am Vorabend der Pleite von Estate Bank abgezockt. Die Hedgefonds? Ein paar Morde, die dann ebend mal als Selbstmord dargestellt wurden. Na klar war das Geld verschwunden. Bei wem wohl wars gelandet ? Tja, Kriege sind teuer und nur von Jaffaorangen kann man so etwas nicht bezahlen.

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