Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Die Krise hat sich zum Wort der Nullerjahre gemausert und die ersten Autoren machen sich daran, sie literarisch zu verarbeiten. So wie Kristof Magnusson, der mit seinem dritten Roman Das war ich nicht ein großartiges Porträt unserer Zeit und einer Generation abliefert.
In der Regel sprechen wir, so wir denn überhaupt davon sprechen, immer nur von «der Krise». Das klingt herrlich fluffig, irgendwie wenig greifbar, und schon gar nicht nach etwas, das uns angeht. Uns selbst. Dabei müssten wir doch eigentlich von «Krisen» im Plural sprechen, und gleichzeitig dezidiert von jeder einzelnen dieser Krisen. Wir müssten auf sie eingehen und sie analysieren, sie zumindest aber beschreiben, um ihnen beizukommen. «Die Krise» lässt sich nicht lösen. Krisen an sich aber schon.
Kristof Magnusson nimmt uns diese Arbeit ab. Da macht es auch nichts, dass die Protagonisten seines Romans Das war ich nicht allesamt erfunden sind. Jasper, der smarte Investment-Banker, Meike, die Literatur-Übersetzerin, die die Bücher von Henry ins Deutsche übersetzt, eines alternden, aber mit einem Pulitzerpreis dekorierten Helden der Literatur-Szene. Ihnen allen gemein: Sie stecken in einer Krise. Jeder für sich.
Am Ende haben die Krisen gesiegt und doch ist alles gut
Sie alle kommen beruflich nicht so recht voran, Meike, die auf Henrys nächsten Bestseller wartet, der aber nicht kommen wird, weil Henry in einer Schaffenskrise steckt. Jasper, dem die Finanzkrise zu schaffen macht und der von Beginn des Buches eigentlich nur darauf wartet, dass ihm gekündigt wird. Am Ende wird es soweit sein. Am Ende wird auch der Verlag pleite sein, für den Meike und Henry arbeiten, am Ende hat sich die Krise als Ahnung zu einer Krise der Tatsachen gewandelt. Und doch ist alles gut.
Bis dahin allerdings wirft Magnusson seine Protagonisten einfach in die Welt hinaus, die, wie wir wissen, keine Gnade kennt, und lässt sie erleben, was man erleben muss, will man schlussendlich etwas gelernt haben. Fast wie im Film schneidet er Szene an Szene, beschreibt, wie der Zufall Jasper, Meike und Henry zusammenführt, wie er ihre Einzelschicksale in einen größeren Zusammenhang bettet, und zeichnet dabei auch so etwas wie ein Sittengemälde der Nullerjahre, ihm gelingt eine Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft, einer Generation.
«Wann war mein Leben eigentlich so entgleist?»
Doch Magnusson wäre nicht Magnusson, gelänge ihm das nicht mit so viel Witz und Tempo, dass man zwischendurch schlicht vergisst, dass hier gerade drei Lebensläufe den Bach runterzugehen drohen. Es gelingt ihm mit so leichter Sprache, dass man nicht merkt, wie tief man in die Seelen und Köpfe seiner Figuren eintaucht, in ihre Krisen. «Wann war mein Leben eigentlich so entgleist?», will Henry mittendrin wissen. Und der Leser fragt sich unweigerlich: «Ja, wann eigentlich?» Eine Antwort bekommt er nicht, genau wie Henry. Nur den Titel, der einem immer wieder einfällt, diese plumpe Rechtfertigung: Das war ich nicht.
Auch in seinem dritten Roman hat Magnusson längst nicht den Spaß verloren, den Überblick ohnehin nicht. Bei aller Rasanz der Erzählung, sie bleibt durchdacht und wohlkonstruiert, bei allem Witz, es bleibt eine Ernsthaftigkeit, die aus der Krise keine Pointe herausquetschen will, wo keine ist. Magnussons Roman zeigt ohne Zweifel, dass hier ein Autor - auch sprachlich - erwachsen geworden ist.
Autor: Kristof Magnusson
Titel: Das war ich nicht
Verlag: Kunstmann
Seitenzahl: 320 Seiten
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsdatum: 11. Januar 2009