Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Eine frische, aber schon geschaffte Arbeitsministerin und ein fehlender roter Faden ergeben eine unglückliche Wiederkehr. Der Arbeitsmarkt blieb auch nach der Fünferrunde bei Anne Will unreformiert.
«Hartz IV wird fünf.» Vier Worte, zwei Zahlen. Diese Quote wurde in der ersten Ausgabe von Anne Will gestern fast durchgängig erreicht. Die großen Fragen der Arbeitswelt Deutschland standen zur Debatte, sie wurden wie so häufig in Zahlen ertränkt. Die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 sollten begutachtet werden, mögliche Reformen, wie sie ganz aktuell vom sozialdemokratischsten CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers aus NRW angeregt wurden, diskutiert werden. Doch es blieb eine Annäherung, eine Annäherung mit Zahlen, die der Lebenswirklichkeit von mehreren Millionen Deutschen, die Hartz IV beziehen, nicht gerecht werden konnten.
Das große Zahlenspiel war gleichzeitig eine Art Bewährungsprobe für die neue Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die sie mit einer Art telemedialem Erschöpfungszustand erledigte. Strategisch ungünstig war von der Leyen druckfrisch von der Bild in die Bredouille gebracht worden. Sie konnte sich nur unter großer, deutlich sichtbarer Anstrengung aus dieser befreien. Sie tat dies, indem sie bei jeder Gelegenheit auf das Thema Kinderbetreuung auswich, ein Steckenpferd ihres vorherigen Ressorts und damit sicheres Terrain. Doch im Angesicht der vielen und zudem tiefgreifenden Probleme des deutschen Arbeitsmarktes gab sie keine gute Figur ab.
Unglücklich war auch ihre Reaktion, als es um Lohndumping mit Zeitarbeit am Beispiel ging. Mit ihrer gutgläubigen Feststellung, dass man in Deutschland doch «nicht im wilden Westen» sei, erntete sie heftigen Widerspruch von ihren Widersachern. Um dann ein windelweiches «Wir werden uns das genau anschauen» hinterher zu schieben, dass ihr wiederum sehr überzeugend gekontert wurde. Die Fälle seien seit Jahren bekannt und eben keine Einzelfälle, so Gewerkschafter Klaus Wiesehügel.
Moderatorin Will schien unterdessen noch ein wenig ihrem Urlaub hinterherzutrauern, etwas uninspiriert geriet ihr die Choreografie dieser 60 Minuten Zahlenwirbel. Ihre Redaktion hatte zuvor alles getan, die Probleme von Geringverdienern und Hartz-IV-Empfängern kompakt mit Beispielen greifbar zu machen, die Konstellationen in der Fünferrunde ließen die Diskussion aber immer wieder ausfransen, so richtig festhalten konnte man sich an einem roten Faden nicht. Er war immer in der Nähe, der dünne rote Faden, es blieb auch nur eine Annäherung.
FDP-Jungspund Johannes Vogel gab derweil sein Debüt in großer Runde, wie man es wohl von einem eloquenten Jungliberalenvorsitzenden erwartet: Viel Rauch um nicht gar zu viel. Aus fünf Jahren Kreistag wollte er gleich seine Kompetenz in Sachen Kommunalfinanzen ableiten. Der Gewerkschafter und der Wohlfahrtsverbandschef in der Runde ließen es ihm gnädig durchgehen.
Die Quadratur des Kreises ist aber noch keinem gelungen. Auch Anne Will nicht. Die große Frage, ob es in Deutschland denn überhaupt genug erfüllende und sinnvolle Arbeit für alle Erwerbsfähigen gibt, wurde nicht gestellt. Die gute Frage, ob Unternehmen im Moment mit der Angst vieler vor Hartz IV Reibach machen, wurde gestellt. Die Runde ließ sie durchrutschen, vielleicht auch, weil keiner der Fünf alle Aspekte des Arbeitsmarktes aus dem Eff-Eff parat hatte und deren fünf Ausschnitte sich nicht zu einem schönen Puzzle zusammenfügen ließen. Allein mit Zahlen war jedenfalls niemandem geholfen, auch wenn das der neueste Trend ist.
So blieb vor allem der finale Ausbruch des IG -Bau-Vorsitzenden Klaus Wiesehügel, der mitten in den Abmoderationsversuch von Will polterte: «Hier wird das ganze Volk verarscht.» Zwischen Tatort und Tagesthemen war Vorsatz dazu jedenfalls nicht zu erkennen, allein Fahrlässigkeit.
reu/news.de