Von Patrick T. Neumann
«Du baust nur Scheiße in Deinem Leben», wirft Schenk seinem Kollegen Ballauf an den Kopf. Doch hat der wirklich so viel Scheiße gebaut und einen alten Schulfreund getötet?
Es ist nicht leicht, dieses Klassentreffen für Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt). Rund 30 Jahre nach dem Abitur kommen die Schulfreunde in einem Hotel zusammen, um über alte Zeiten zu sinnieren. Viele von ihnen haben Familie, einen Freundeskreis, sich etwas aufgebaut. Und was hat eigentlich Ballauf, der Lonesome Cowboy? Nicht nur Selbstzweifel und die Erinnerung an die enttäuschte Jugendliebe nagen an ihm, über Nacht steckt er auch bis zum Hals in einem Mordfall - allerdings nicht als Ermittler, sondern zunächst als Verdächtiger.
Sein alter Schulkumpel, der arrogant-herablassende Stiftungsgeschäftsführer Stefan Dorn (Oliver Stritzel), liegt nach einem handfesten Streit mit dem Tatort-Kommissar nämlich tot in seinem Hotelzimmer - erschlagen mit einer Statue, während Dorns Frau Katja (Karoline Eichhorn) und Ballauf im Hotelbett nur wenige Türen weiter ihre alte Liebe wieder aufleben ließen. Eine alte Abrechnung unter Liebesrivalen, eine Eifersuchtstat der vielfach betrogenen Ehefrau oder eine Affekthandlung der von Dorn beleidigten Schulfreunde? Weit gefehlt - im Kölner Tatort mit dem Titel Klassentreffen geht es heute (20.15 Uhr, Das Erste) um weit mehr.
Der Kölner ist eigentlich ein Essener Tatort
Denn es gibt in diesem Krimi der erfahrenen Tatort-Macher Kasper Heidelbach (Regie) und Jürgen Werner (Drehbuch) noch einen weiteren Mord - mit dem der Film auch anfängt: Bauunternehmer Tarrach wird in Köln tot aus dem Rhein gefischt. Ballauf ist schon auf dem Weg in Richtung Essen zu seinem Klassentreffen, also machen sich Kollege Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt) an den Fall. Schnell wird beiden klar: Tarrach war nicht nur ein Baubetrüger im großen Stil, sondern auch drauf und dran, seine Komplizen an die Polizei zu verraten, um selbst glimpflich aus der Sache rauszukommen.
Doch der Tod des Ballauf-Schulfreundes Dorn zieht die Ermittlungen schnell vom Rhein an die Ruhr, macht aus dem Kölner eigentlich einen Essener Tatort - mit einer Kommissar-Entdeckung, die ausbaufähig erscheint: Angelika Bartsch fühlt als bärbeißige Essener Hauptkommissarin Vossbeck ihrem Kölner Kollegen Ballauf mächtig auf den Zahn. Unnahbar und tough, mit einem leicht zynischen Blick auf das Leben ist sie der gelungene Kontrapunkt zum Männerbund Ballauf/Schenk und den männlichen Kollegen in jeder Hinsicht gewachsen. Nach den Ruhrpott-Ermittlern Haferkamp und Schimanski in den 1970er bis 1990er Jahren könnte eine Kommissarin Vossbeck das Tatort-Portfolio des Westdeutschen Rundfunks (WDR) durchaus bereichern. Doch vielleicht wäre die auch eine zu große Konkurrenz für Schimanski (Götz George), der ab 2011 wieder in Duisburg ermitteln soll.
Und zunächst einmal muss Vossbeck auch - wohl oder übel - mit den Kölner Kollegen zusammenarbeiten, denn es gibt eine Verbindung zwischen den beiden Mordopfern Dorn und Tarrach: Der Bauunternehmer bekam Aufträge von Dorns Stiftung Ruhr.2010, die sich komplett dem Großprojekt Kulturhauptstadt verschrieben hat. War etwa der als überkorrekter Geschäftsmann geltende Dorn auch in den Baubetrug verwickelt und gehen die beiden Morde auf das Konto einer Baumafia? Oder hängen die Taten gar nicht zusammen und Dorns Tod geht auf das Konto einer geschassten Geliebten? Und welche Rolle spielt eigentlich die Stiftungsvize Bettina Hartmann, auch eine Ex-Schulkameradin von Ballauf?
«Du baust nur Scheiße in Deinem Leben»
Am Ende werden die Fälle zwar gelöst, doch bleiben viele Fragen offen: Was geschieht eigentlich mit unseren Jugendträumen? Wie sehr verleugnen wir auf der Suche nach Geld, Status und Anerkennung unsere Ideale? Und was bedeutet Erfolg? Es ist ein Tatort, in dem auch die Hauptfiguren weiter ausgelotet werden, vor allem die von Ballauf. «Du baust nur Scheiße in Deinem Leben. Und Du hörst nicht auf damit (...) Werd' endlich mal erwachsen», sagt ihm Schenk einmal - und erntet als Replik: «So wie Du?»
Für die beiden Kölner Tatort-Ermittler bleibt dieser 45. gemeinsame Fall wohl noch lange in Erinnerung, stammen sie doch beide aus dem Pott: «Dieser Tatort-Dreh war für mich in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes. Tatsächlich habe ich hier mein erstes Klassentreffen überhaupt erlebt. Und das ganz in der Nähe meiner Heimat, mitten im Ruhrpott», sagte Behrendt. Und Bär freut sich besonders: «Ich als Kind des Ruhrgebiets darf für den WDR als Kölner Kommissar in meiner alten Heimat ermitteln. Wenn mir das früher einer vorhergesagt hätte ...»
bla/juz/news.de/dpa