So., 27.05.12

Terry Gilliam 07.01.2010 «Mir sind Oscars egal»

Regisseur Terry Gilliam. (Foto)
Regisseur Terry Gilliam. Bild: dpa

Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald

Seine Filme sind alles andere als gewöhnliche Kinokost. Mit Doktor Parnassus unterstreicht Regisseur Terry Gilliam seinen eigenwilligen Ruf. Im Interview spricht er über die Dreharbeiten und darüber, was Heath Ledgers Tod für ihn bedeutet.

Mit der britischen Komikertruppe «Monty Python» hat Terry Gilliam einst seine anarchistischen Späße im Leben des Brian und als Ritter der Kokosnuß getrieben. Es folgten die Fantasy-Spektakel Time Bandits und Brazil - beim Streit um Kürzungen seines Kultfilms lehrte er die Universal-Studios das Fürchten. Nach dem oscarprämierten Erfolg mit der poetischen Großstadttragödie König der Fischer setzt Gilliam erneut auf kreatives Risiko: In 12 Monkeys schickt er Bruce Willis in surreale Welten, mit Fear and Loathing macht er Johnny Depp zum Junkie. Nun gibt es mit Das Kabinett des Dr. Parnassus die nächste Wundertüte, ein wahnwitziges Projekt allein schon deshalb, weil Hauptdarsteller Heath Ledger während der Dreharbeiten starb. Um den Film zu retten, übernahmen seine Star-Kollegen Colin Farrell, Johnny Depp und Jude Law gemeinsam seine Rolle.

«Warum hat Gilliam nie aufgegeben» fragte unlängst die ehrwürdige Times – was würden Sie antworten?

Gilliam: Die Antwort ist relativ einfach: Ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte, wenn ich keine Filme machen würde. Die Arbeit wird schwieriger, weil mir langsam schon etwas die Kraft ausgeht. Es gab so viele Probleme und Auseinandersetzungen, dass ich mich bisweilen schon gefragt habe: «Warum mache ich das alles überhaupt noch?». Aber wie gesagt: Was sollte ich sonst tun?

Hatten Sie nie einen Plan B?

Gilliam: Mein Plan war eigentlich immer, aufzuhören und danach Öl-Bilder zu malen. Aber das scheint nicht zu funktionieren und ich mache noch immer Filme. Es gibt noch einen zweiten, geheimen Plan: Wenn ich für meine Filme kein Geld mehr bekomme, werde ich zu Pixar gehen und Animationsfilme machen.

Wie viel Gilliam steckt in Dr. Parnassus? So manches erinnert an Ihre Karriere ...

Gilliam: Ich war in einer Phase, wo die Dinge nicht so liefen, wie ich wollte. Viele Leute gaben auf und überall sah ich nur Bilder, aber nirgendwo Visionen. Darüber wollte ich etwas erzählen, der Film ist mein Fanny und Alexander und mein Amacord - ein Sammelsurium all dessen, was ich mag und was ich tue. Dieser Dr. Parnassus hat also durchaus viel mit mir zu tun. Wenn deine Figur von Christopher Plummer gespielt wird, wirkt das natürlich unglaublich elegant und intelligent. (lacht)

Was halten Sie vom Prädikat «Brazil reloaded»?

Gilliam: In Parnassus steckt mehr Time Bandits und Münchhausen als Brazil. Brazil war ein verstörender Film, in den ich meine ganze Wut über die Welt gepackt hatte. Diese Wut gibt es diesmal nicht mehr, es geht nun eher um meine Frustration und meine Müdigkeit mit der Welt.

Welchen Pakt mit dem Teufel haben Sie geschlossen? Wie oft und wie teuer haben Sie Ihre Seele an Hollywood verkauft?

Gilliam: Der Teufel steckt immer in einem selber und er verlangt ständig nach Kompromissen. Auch ich mache natürlich Zugeständnisse, aber ich hoffe, dass ich dabei nie den Kern der Geschichte verrate. Ein anderer Teufel hört auf den Namen Erfolg, wir alle wollen schließlich erfolgreich sein. Und wer war noch nie in Versuchung, für Erfolg die eigenen Ansprüche zu opfern?

Wie wichtig ist Erfolg für Sie?

Gilliam: Erfolg sehe ich ganz pragmatisch: Dadurch lässt sich mein nächstes Projekt leichter finanzieren. Gleichzeitig möchte ich natürlich schon möglichst viele Menschen mit meinen Filmen erreichen und nicht ausschließlich nur für Gilliam-Fans arbeiten. Nach König der Fischer ist eine New Yorkerin stundenlang verwirrt durch die Stadt geirrt, nach Brazil hat sich ein Anwalt drei Tage in seinem Büro verbarrikadiert - das sind für mich Erfolge, die schon auch wichtig sind.

Was ist das Schönste, was das Schlimmste an der Fantasie?

Gilliam: Es gibt nichts Schlimmes an der Fantasie – so lange sie einen Bezug zur Wirklichkeit behält. Wenn Fantasie völlig abhebt, wie es in ganz vielen Filmen der Fall ist, dann kann ich nichts mehr damit anfangen. Das wird zur bloßen Flucht und hat nichts mehr damit zu tun, was Menschen bewegt. Das schlimmste Beispiel dafür ist Spielberg – er ist völlig unfähig zur Fantasie. Man muss sich ja nur A.I.  anschauen! (lacht)

Wie verspielt fällt das Fantasieren aus?

Gilliam: Fantasieren ist harte Arbeit. Wenn man einmal Einfälle hat, dann kommen sie geballt. Es ist eine wahre Flut von Ideen, die man dann möglichst ordentlich aufschreibt und sich einige Tage später nochmals anschaut – meist mit dem Ergebnis, dass man es inzwischen gar nicht mehr so toll findet wie beim Aufschreiben.

Haben Sie ein Notizheft neben dem Bett, damit Sie Ihre Träume stets notieren können?

Gilliam: Ich habe so ein Heft neben meinem Bett, aber nicht um Träume aufzuschreiben, sondern um meine beste Tagesform auszunutzen – und das ist morgens, wenn ich erst halbwach bin. In diesem Zustand kann ich mir einen kompletten Film vorstellen. Mittlerweile schreibe ich gar nicht mehr alles sofort auf. Ich habe entdeckt, dass die Sachen, woran man sich später noch erinnert, meist die besten Ideen sind.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Gilliam auf die Oscars pfeift

Kein Regisseur erzählt öffentlich so viel über seine Katastrophen und Niederlagen wie Sie – erspart das den Therapeuten?

Gilliam: Niederlagen hat jeder. Aber nur wenige werden dabei von einem Dokumentarfilmer begleitet. Nach dem Fiasko mit La Mancha erzählten mir sehr viele Kollegen, dass sie ähnliche Probleme schon erlebt hätten, sie hatten eben einfach weniger Publicity. Mit dem Tod eines Hauptdarstellers stehe ich allerdings schon ziemlich alleine da ...

Wie oft haben Sie danach an das Aufhören gedacht?

Gilliam: Als Heath starb, hatte ich sofort ans Aufhören gedacht, für mich war der Film vorbei. Zum Glück umgebe ich mich mit tollen Menschen, die mich davon abhielten, alles hinzuwerfen. Es ist ein bisschen so, als wenn der Bergführer beim Aufstieg aufgeben will, aber sein Team spielt da nicht mit.

Wie hat man Sie nach seinem Tod zum Weitermachen überzeugt?

Gilliam: Mein Kameramann und meine Tochter Amy, die zugleich Produzentin ist, haben einfach nicht aufgegeben. Nach dem Tod von Heath wollte ich von dem Film nichts mehr wissen, mir war alles gleichgültig. Ich hatte drei Leute auf einmal verloren: einen Sohn, einen Freund und einen Lehrer. Er war erst 27 Jahre alt, aber er war so voller Weisheit. Eigentlich ist er nicht jung gestorben, sondern Heath müsste schon mindestens 200 Jahre gewesen sein.

Hatten Sie nicht überlegt, Ihren toten Star virtuell weiter für den Film leben zu lassen?

Gilliam: Wir hatten natürlich alle Möglichkeiten diskutiert. Aber mir hätte die Vorstellung digitaler Tricks nicht gefallen, das haben wir schnell abgehakt. Die Versuche von Gladiator sahen für mich sehr seltsam aus. Natürlich arbeiten auch wir mit einigen Tricks und mit Doubles: Aber immer, wenn man Heath sieht, dann ist er es auch selber.

Wie kam diese Liste der Freunde zustanden, die seine Rolle gemeinsam übernehmen?

Gilliam: Ich wollte nur Leute fragen, die mit Heath befreundet waren. Johnny habe ich als erstes angerufen und er war sofort zu allem bereit. Zum Glück war Public Enemy um eine Woche verschoben, so hatte Johnny zwei Tage für uns Zeit. So kurzfristig Stars zu verpflichten, ist enorm schwierig. Mit Matt Damon war das Terminproblem beim besten Willen nicht zu lösen.

Stimmt es, dass die Stars auf ihre Gage verzichtet haben?

Gilliam: Die Versicherung wollte den Erben von Heath nur die halbe Gage zahlen, weil er nur die halbe Arbeit geliefert hatte, genau sollten es 45 Prozent sein. Als seine Freunde davon hörten, beschlossen sie, alle umsonst aufzutreten, damit die volle Gage an seine Tochter gehen konnte. So eine Geste spricht schon Bände, wie viel Heath den Leuten bedeutet hat.

Was war die besondere Qualität des Heath Ledger?

Gilliam: Heath war ein Genie. Er besaß eine Größe, die wohl nur jene wirklich spüren konnten, die mit ihm arbeiteten. Heath war ein Star und ein Schauspieler – das findet man nicht häufig. Er war ehrlich, furchtlos und er konnte Wahrhaftigkeit zeigen. Es ist absolut schade, dass wir nicht mehr erleben können, was Heath hier noch alles geboten hätte.

Aussehen und Charisma haben der Karriere sicher kaum geschadet ...

Gilliam: Es gibt verschiedene Formen von Charisma. Humphrey Bogart sah nicht gut aus, aber er war charismatisch. Das Aussehen ist in den letzten zwanzig Jahren immer wichtiger geworden, heute machen die schönen Typen Karriere. Umso erfreulicher ist, wenn Morgan Freeman, Robert Duvall oder Philip Seymour Hoffman erfolgreich sind. Heath allerdings hatte einfach alles.

Wie sehen Sie Oscar-Chancen?

Gilliam: Wen interessiert das schon? Mir sind Oscars egal, nützlich sind sie nur, um ein neues Projekt zu finanzieren. Oscars werden aus politischen Gründen vergeben, nur manchmal erwischt es den besten Film.

Wie viel Geld bringt Ihnen «Monty Python» 40 Jahre später noch ein?

Gilliam: Wir müssen das Geld ja immer durch sechs Personen teilen. Deshalb macht uns das nicht reich, aber es macht uns wohlhabend. «Monty Python» ist meine Altersversorgung.

voc/bla/news.de
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