Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Er taucht eines Nachts einfach auf, ohne Namen, ohne Erinnerung an die eigene Vergangenheit. Da sind nur die Träume von Rebecca - aus ihrer Vergangenheit und Zukunft. Isabel Abedi macht der Bis(s)-Reihe von Stephenie Meyer mit Lucian starke Konkurrenz.
Eigentlich ist Rebecca ein ganz normales Mädchen. Sie lebt mit ihrer Mutter und deren Lebensgefährtin in Hamburg, während es den Vater nach Los Angeles gezogen hat, besucht das Gymnasium und ist sich ihrer Gefühle zu Sebastian nicht ganz sicher.
Nichts an ihrem Leben ist spektakulär. Bis eines Nachts ein fremder Junge unter der Laterne vor ihrem Zimmerfenster steht, ihr auf dem Flohmarkt über den Weg läuft und schließlich auch in der U-Bahn auftaucht. Doch was hat es mit ihm auf sich? Und warum ist da diese seltsame Ruhe, wenn sie ihm begegnet?
Doch vor allem: Wer ist er? Dass er das selbst nicht weiß, macht die Schülerin unsicher. Noch mehr aber schafft er das mit den Träumen, die er von Rebecca hat, und Erinnerungen, die sie selbst schon fast vergessen hat. An eine eigene Familie oder aber Freunde kann er sich hingegen nicht erinnern. Und seine Hände sind so glatt wie eine künstliche Oberfläche.
Wie zwei Magnete, die sich gegenseitig anziehen, treffen Rebecca und Lucian immer wieder aufeinander. Sehr zur Unruhe von Suse, die den neuen Schatten ihrer besten Freundin für einen Stalker hält.
Nicht besser wird die Situation, als Rebecca herausfindet, dass Lucian bei ihrer Mutter in Therapie ist und die in den Träumen und Erinnerungen des jungen Mannes die eigene Tochter wiedererkennt. Kurzerhand verfrachtet sie das Mädchen zur ihrem Vater und treibt sie damit ungewollt in eine Spezialklinik. Nur langsam findet sie in Los Angeles ins Leben zurück. Doch ausgerechnet dort löst sich das Rätsel um Lucians Herkunft.
Spiel mit den Vermutungen
Wer schon einmal so richtig Durst hatte, weiß, wie sich Lucian liest: Nämlich in einem Ritt weg. Dabei ist Rebeccas Leben, das aus der Feder der deutschen Autorin Isabel Abedi stammt - abgesehen von Lucian - nichts, das spektakulär wäre: keine Vampire und Werwölfe, keine sportlichen Helden, Zauberer oder Unfälle.
Vielmehr ist es der Alltag, der mit Reminiszenzen fremder Erinnerungen zum Spannungsbogen gesponnen wird, der ein Stück weit etwas über die Familiengeschichte erzählt und der gerade deshalb so reizvoll ist, weil Lucian als Figur nicht so recht greifbar wird. Doch auch deshalb, weil die so offene, unbeschwerte Mutter-Tochter-Beziehung zu eskalieren droht.
Der Jugendroman lässt Raum zum Grübeln, Platz für spekulative Theorien über die Herkunft des jungen Fremden. Abedi spielt mit den Gedanken ihrer Leser, freilich ohne auch nur in Ansätzen Hinweise zu geben, was das Geheimnis Lucians sein könnte. Seite um Seite lässt Rebeccas lesende Beobachter im Trüben fischen.
Die Auflösung des Geheimnisses erweist sich dann allerdings als Bruch in der Stringenz der Geschichte. Weil die Lebensnormalität, die dem Roman zugrundeliegt, im krassen Gegensatz zu Lucians Ursprung steht und fast ein bisschen zu platt daherkommt. So sehr, dass mancher Leser geneigt sein wird, das Buch an dieser Stelle wieder ins Regal zu stellen.
Leben ist mehr als die eigene Geschichte
Es lohnt sich jedoch, auch den übrigen Seiten ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Denn letztlich ist Lucian nicht das einzige Rätsel, das sich auflöst. Es zeigt sich auch, dass Rebeccas Leben im weitesten Sinne mit Schuld und Sühne eines ihrer Urahnen zu tun hat. Und so gelingt der Autorin ein zweiter Spannungsbogen, der sich wesentlich sanfter entwickelt, als der, der Rebeccas verlorene Normalität darstellt.
Dabei spielt die Autorin viel mit menschlichen Unzulänglichkeiten. Da ist beispielsweise Rebeccas kräftigere Statur, die im Schwimmteam zu Sticheleien geführt hat; oder aber Suse, die sich ihrer zu kleinen Brust schämt; Rebeccas Stiefmutter, die selbst keine Kinder bekommen kann und deshalb mit der leiblichen Tochter ihres Mannes auf Kriegsfuß steht; und nicht zuletzt die Mutter der Protagonistin, die als Therapeutin Menschen helfen muss, mit ihren Problemen zu leben.
Lucian wird damit zu einem Buch, das sich nicht vorrangig der Wahrheitsfindung verschreibt, sondern zeigt, dass Identität auch etwas mit der Umwelt zu tun hat, in der sich Menschen bewegen. Aber auch, dass der Wunsch etwas zu sein, das Schicksal unabdingbar verändern kann.
Titel: Lucian
Autorin: Christiane Thiel
Verlag: Arena Verlag
Seitenzahl: 560 Seiten
Preis: 18,95 Euro
Erscheinungsdatum: September 2009
Weiterlesen: Isola, Wer bin ich