Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Götterdämmerung am Main. Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schütauf) lösen ihren vorletzten Fall. Kein Grund, sentimental zu werden. In Weil sie böse sind stiehlt den beiden ein anderes Duo auf grandiose Weise die Show.
«Heute wird die Welt ein bisschen besser werden», sagt sich Rolf Herken (Milan Peschel). Grotesk, wie sich Menschen irren können. An dem Tag, an dem alles besser werden soll, wird Herken seinen Job verlieren und einen Menschen töten. Mit einem Morgenstern. Und obwohl noch mehr Blut fließt, wird Herken auf eine gewisse Weise doch Recht bekommen. Die Welt wird tatsächlich ein Stück besser geworden sein. Einfach, weil ein paar Menschen keinen Schaden mehr anrichten können.
Dieser Tatort aus Frankfurt stellt die Dinge auf den Kopf. Die scheinbar unverrückbaren Bastionen von Gut und Böse werden geschleift. Und die Krimi-Dramaturgie gleich mit. Das Beste daran: Wir, die Zuschauer, sind Zeugen. Das alles geschieht vor unseren Augen. Wir kennen den Mörder, wissen, was er denkt und fühlt. Und wir sind der Polizei immer voraus, haben einen Informationsvorsprung, den wir bis zum Ende behalten werden.
Zerrieben im Mahlstrom der Welt
Die Idee dahinter ist nicht neu. Das alles gab es schon. Sogar in einem Tatort. Neu ist etwas anderes: die Sympathielenkung. Um die Opfer ist es nicht schade. Wer in diesem Tatort stirbt, hat es verdient. Aber der Mörder, dieser Rolf Herken, dieser brave Angestellte, Witwer und Vater eines autistischen Sohnes, den sollen sie nicht kriegen. Der soll davonkommen, seiner Strafe entgehen. Denn: Der Täter ist das Opfer. Und das ist diesmal kein Sozialarbeiterjargon. Rolf Herken ist so etwas wie der reine Tor, das Lamm unter Wölfen. Einer von denen, die ganz schnell zerrieben werden im Mahlstrom der Welt da draußen.
Diese Welt ist Frankfurt am Main. Zu den Klängen von Robert Schumanns Rheinischer Sinfonie tastet die Kamera die Silhouette der Stadt ab. Und diesmal ist es sicher nicht Smog, der an den Bankentürmen hochkriecht. Das ist etwas anderes – Schwefeldampf, der direkt aus der Hölle kommt. Schon allein der Filmtitel: Weil sie böse sind. Er stammt aus Jean-Jacques Rousseaus Traktat Emil. Das vollständige Zitat ist dem Film als Motto vorangestellt. «Wir hassen die Bösen nicht, weil sie uns schaden, sondern weil sie böse sind.»
Ein Philosophen-Zitat als Türöffner für den Film – klingt nach Bildungsprotzerei. Tatsächlich ist es das überhaupt nicht. Das Zitat sagt, was der Zuschauer 90 Minuten lang sieht. Rousseau, Emil – im Buch ging es um Erziehung. Im Film nur noch um Auslöschung. Dieser Tatort zeichnet schwarz-weiß. Und er bekennt sich dazu. Das Böse bleibt nicht abstrakt, es ist identifizierbar, hat einen Namen: Staupen, degenerierter Frankfurter Geldadel, Kotzbrocken allesamt. Typen, die buchstäblich aus Scheiße Geld machen.
Der Weg, gepflastert mit Leichen und bösem Humor
Mehr braucht über den Fall nicht gesagt werden. Jedes Wort zum Plot wäre zu viel und würde den Genuss dieses glänzend inszenierten Tatort (Buch: Michael Proehl, Regie: Florian Schwarz) beeinträchtigen. Nur dies: Balthasar Staupen (großartig: Matthias Schweighöfer) – dem Sohn des ersten Mordopfers – kommt eine Schlüsselrolle zu. Es geht um Sühne, um Wiedergutmachung der Herren an ihren Knechten. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Leichen und bösem Humor, der in einer galligen Schlusspointe gipfelt.
Die eigentlichen «Stars» geraten dabei glatt ins Hintertreffen. Den Kommissaren Dellwo und Sänger bleiben nur Statistenrollen. Das nahende Ende für dieses Ermittler-Duo wirft seine Schatten voraus. Fast den gesamten Film über beharken sich die beiden wie Kinder, streiten erbittert darum, wer Nachfolger von Dezernatsleiter Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer) werden soll. Weil sie böse sind ist aber noch kein Schwanengesang auf eines der unbestritten besten Tatort-Teams. Es ist nur ein Film, der innerhalb der Reihe neue Maßstäbe setzt. Dürften wir in diesem Jahr nur einen einzigen Tatort sehen, es müsste unbedingt dieser sein.
Tatort: Weil sie böse sind, Sonntag, 3.1., 20.15 Uhr, Das Erste
bla/news.de
Ihr Kommentar zu diesem Tatort ist total zutreffend. Lange gab es solch einen Tatort nicht. Die Bildregie war tadellos gut. Noch mehr von solchen Krimis.
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