Verlagsgrafik Marktschreier auf dem Büchertisch

Buchcover (Foto)
Klare Farben und Formen ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Bild: Fischer Verlag, C.H. Beck, C.Bertelsmann

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Buchcover sollen Appetit auf den Text machen. Bevor der Umschlag in den Druck geht, stehen erst einmal eine Menge Konferenzen bevor. Ob das Bild auf dem Buch den Verkauf ankurbelt, ist allerdings ein Glücksspiel.

«Mama findet deinen Entwurf scheußlich», musste sich Daniel Keel, Gründer des Diogenes Verlags und Gestalter der Buchcover, anfangs von seinem Vater anhören. Heute ist die Verpackung der Diogenes-Bücher legendär: Eine Vignette auf weißem Grund, ein an den Ecken abgerundeter Rahmen und die Schrifttype Didot sind das Markenzeichen von Diogenes.

Nicht nur der eigenen Mutter, sondern vor allem dem Käufer müssen es Verleger mit der Gestaltung des Buchcovers recht machen. Gut verpackt verkauft sich ein Text besser. Aber was ist gut verpackt? «Was sich gut verkauft und was nicht, erfährt der Verlag leider oft erst im Nachhinein. Nämlich dann, wenn das Buch liegen bleibt. Das sind oft recht subjektive Kriterien, die sich ständig ändern können», erklärt Renate Stefan von der Herstellungsleitung des Berlin Verlags.

Buchcover
Blickfang im Regal
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Auch für Dieter Brumshagen, Grafiker beim Deutschen Taschenbuchverlag dtv, ist es ein Glücksspiel, welche Buchdeckel gut ankommen: «Da gibt es keine Vorgaben. Die Gründe dafür, ob sich ein Buch verkauft oder nicht, sind sehr unterschiedlich. Das hängt auch davon ab, ob und wie es in den Medien besprochen wird und ob eine Rezension in den Printmedien oder im Fernsehen erscheint.»

Cover sollen Appetit auf den Inhalt machen

Und so fährt jeder Verlag seine eigene Politik: Manche, wie Diogenes oder Reclam, setzen auf den Wiedererkennungwert und verkaufen das Cover als Marke. Andere Verlage gestalten jedes Buch anders. «Wir haben kein Logo. Jedes Buch ist ein Solitär», beschreibt Art-Direktorin Konstanze Berner die Linie des Verlags C.H. Beck.

Jedes Jahr erscheinen etwa 100.000 Bücher, die um die Aufmerksamkeit der Leser buhlen. Da spielen bei der Covergestaltung vor allem Mechanismen der Werbung eine große Rolle: Die Bilder sollen Appetit auf den Inhalt des Buchs machen, Marktschreier auf dem Büchertisch sein. Sach- und Fachbücher werden anders gestaltet als Belletristik. «Bei einer Biografie sollte die Person vorne drauf sein. Bei Literatur ist die Covergestaltung meist emotional assoziativ», erklärt Art-Direktorin Berner. Manche Grafiker lesen jedes Buch, das sie gestalten, oft bekommen sie ein Exposé des Buchs oder sprechen mit den Lektoren.

Der Weg zum druckfertigen Cover ist mühselig, die Abstimmung aufwendig: Die recht unterschiedlichen Vorstellungen von Verlegern, Lektoren, Grafikern, Autoren, Vertriebsleitern und Vertretern müssen zufrieden gestellt werden. Beim Verlag C.H. Beck reichen die Grafiker mindestens drei verschiedene Ansätze ein, die in Konferenzen diskutiert werden, erzählt Berner.

Nach der Vertreterkonferenz bekommen die Autoren den Favoritenentwurf per Mail. «Wenn wir einen Autoren hätscheln und der fühlt sich mit dem Bild nicht wohl, müssen wir nach einer Lösung suchen. Die größte Hürde ist: Man kann es nicht allen recht machen», sagt die Art-Direktorin. Das «absolute Nonplusultra» sei, wenn Grafiker und Autor miteinander arbeiten: «Da geht es manchmal wie beim Ping-Pong hin und her».

Lesen Sie weiter auf Seite 2, welche Trends es auf dem Buchcovermarkt gibt ...

Besonders leicht hat es der Verlag dtv mit dem Autor Christian Kracht: «Der sucht die Bilder selbst aus», verrät dtv-Grafiker Dieter Brumshagen. Aber nicht jeder Autor kann so einfach bestimmen, wie der Umschlag seines Werks aussieht. Nach stundenlangen Konferenzen kommt es nicht gut an, wenn der Autor auch noch ständig anruft und sich einklinken will. «Der Verlag hat das letzte Wort und ein Neuling würde es sich wohl auch nicht erlauben wollen, sich in die Covergestaltung einzumischen», sagt Brumshagen.

Bei Diogenes hat Verlagsgründer Daniel Keel anfangs alles selbst gemacht – auch die Cover. Als Kunstliebhaber greift Keel gern zu Gemälden, zum ersten Mal machte er das 1954 und wählte für die Bücher Die Prinzessin von China von René Clair und für Am Rande von Mario Sandoz Gemälde von Picasso und Salvador Dalí. Der Kunst tut das gut, denn so graben sich die Bilder, die in hoher Auflage in den Buchläden liegen, ins Gedächtnis des Publikums. Die großen Künstler auf dem Umschlag seien eindrucksvoll für die Deutschen, «weil sie mit historisch eindeutig abgesicherten Werten ein wenig eingeschüchtert werden», habe Keel einmal zu dem italienischen Regisseur und Autoren Federico Fellini gesagt. Doch Keel sollte sich irren – das Publikum verschmähte die Gemäldegalerie im Bücherregal.

«In der Kunst plündern wir nicht. Künstlerische Umschläge schrecken die Kunden ab. Da bekommen wir ein Problem mit den Buchvertretern», sagt Berner vom Verlag C.H. Beck. Ein Patentrezept gibt es nicht: Wenn plötzlich alle impressionistische Gemälde auf den Buchdeckel drucken, fällt ein pinkfarbenes Büchlein mit einem Pflaster drauf auf. Das nutzt sich aber wieder ab, wenn plötzlich die Regale voll mit Büchern in Bonbonfarben sind.

Innerhalb der Genres haben sich Klischees festgesetzt: Schmetterlinge für den Liebesroman und blutige Messer auf dem Krimi. «Inflationär werden Mädchen von hinten im Wasser oder Frauen in Stöckelschuhen abgebildet», seufzt Konstanze Berner vom Verlag C.H. Beck.

Alles glitzert, schillert

«Vor zwei Jahren gab es einen extremen Trend an weißen Umschlägen und eine Zeitlang waren es Veredlungstechniken: Die Verlage haben mit Folien und Lack gearbeitet oder die Umschläge beflockt. Alles glitzert, schillert. Das lässt jetzt nach», beobachtet Berner. Das mag auch daran liegen, dass die Herstellung aufwendig und kostspielig ist. «Diese Techniken behindern den Produktionsablauf, wir brauchen zwei bis drei zusätzliche Arbeitstage», erzählt Brumshagen von dtv.

Zurzeit liegen in den Buchläden viele Schmöker, die grafische Umschläge zieren – klare Farben, zum Teil luftig verspielt. Was sich auf dem englischsprachigen Markt schon durchgesetzt hatte, stieß hier erst einmal auf Skepsis. Konstanze Berner hat das Experiment mit dem Cover des Buchs Der weiße Tiger von Aravind Adiga gewagt und sich gegen den Widerstand des Verlags durchgesetzt: Beim Publikum kommt das luftig-grafische Cover gut an, sagt Berner.

Der Druck auf die Grafiker steigt, wenn sich abzeichnet, dass ein Buch Bestseller werden könnte. Als Das Parfum von Patrick Süskind bei Diogenes einging, gab es lange Diskussionen um ein geeignetes Cover. Der Umschlag mit einer Zeichnung von Grandville lag schon in der Druckerei, als Keel im Pariser Grand Palais durch eine Antoine-Watteau-Ausstellung flanierte und das Motiv seiner Träume fand: Das Gemälde «Nymphe et Satyre ou Jupiter et Antiope». Das Motiv wird im letzten Augenblick geändert - Patrick Süskind ist begeistert.

In der Regel sind die Wege vom Manuskript zum Cover aber nicht so kurz und dazwischen hetzen die Grafiker zwischen Verlegern, Vertretern und Autoren hin und her. Dabei ist es gar nicht so einfach, den eigenen künstlerischen Anspruch zu verteidigen: «Wünsche aus dem Haus nach einem «emotionalen» Cover oder «einer schönen, interessanten Straßenszene» kann ich nicht mehr hören», seufzt der Grafiker Brumshagen.

car/nbr/news.de

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