Ein Buch verzaubert die Branche
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Von news.de-Redakteur Christian Vock
Artikel vom 29.12.2009
Das vergangene Literaturjahrzehnt war reich an Leckerbissen, genauso wie an Kantinenfraß. Doch ein Buch stahl allen anderen die Show.
Eine Übersicht über die Bücher des Jahrzehnts besticht vor allem durch eines: Unvollständigkeit. Nur ein Scharlatan würde behaupten, er könne die wichtigsten Bücher eines ganzen Jahrzehnts nennen. Wer kann denn sagen, welches Buch wichtiger war als ein anderes? Ist Tintenherz wichtiger als Die Korrekturen, Martin Suter wichtiger als Frank Schätzing? Daher kann die Absicht, Bücher zu finden, die im vergangenen Jahrzehnt in besonderem Maße unsere Aufmerksamkeit auf sich zogen, nur in einem Versuch enden.
Das vergangene Buchjahrzehnt steht an seinem Beginn ganz im Zeichen der Terroranschläge des 11. Septembers. Jeder, der sich auch nur im entferntesten als Experte bezeichnen kann, versuchte die Attentate zu erklären und wie bei allen Ereignissen, die auf der ganzen Welt Wellen schlagen, sind die Verschwörungstheoretiker nicht fern und wollen ihre eigene Version verkaufen.
Leicht verdaulich
Die Nullerjahre sind das Jahrzehnt der Besserwisser. Bastian Sick haut mit seinem Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod ganz kräftig auf den Grammatik-Tisch. Richard David Precht fragt populärwissenschaftlich Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? und an allen Ecken und Enden wird man darüber aufgeklärt, welchen Irrtümern man bisher aufgesessen ist.
Das Fernsehen hat in den Nullerjahren eine ganz eigene Art von Star hervorgebracht: den TV-Koch. Auf dem Buchmarkt schlägt sich das in einer Fülle an Kochbüchern nieder. Ob Jamie Oliver, Tim Mälzer oder Horst Lichter - wer vor der Kamera den Löffel schwingt, greift mit großer Wahrscheinlichkeit auch zur Tastatur, um der Nation die Welt jenseits von Tiefkühlpizza und Mikrowelle zu zeigen.
Auf Augenhöhe mit den TV-Köchen und vielleicht noch ein wenig höher haben sich die Comedians in den Bücherregalen breit gemacht. Eckart von Hirschhausen ließ die Leber mit ihren Aufgaben wachsen, Susanne Fröhlich entdeckte ihr Moppel-Ich , Mario Barth fuhr mit seinem Wörterbuch durch die Klischeekisten von Mann und Frau, Florian Illies durch die der Generation Golf und Hape Kerkeling war dann mal weg.
Dem Klamauk entgegen zu wirken, versuchte auch in den Nullerjahren die Riege der gestandenen Schriftsteller: Amos Oz erzählte Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Philip Roth erzählte von Jedermann, Günter Grass häutete Zwiebeln und Jeffrey Eugenides holte sich für Middlesex den Pulitzer-Preis.
Im Bereich der Kriminalliteratur erlebte Deutschland ein Jahrzehnt der Regionalkrimis. Schweden fand wieder mit den Büchern von Henning Mankell Beachtung, ebenso wie das kleine Island mit den Krimis von Arnaldur Indriðason und von Frankreich aus mischte Fred Vargas die Branche auf. Ansonsten ist zu bemerken, dass nicht nur die Morde immer blutrünstiger wurde, sondern vor allem die Titel der Bücher. Kaum ein Titel, der ohne Blut auskam.
Hör Buch!
Was bleibt noch im Gedächtnis? Das Hörbuch erlebte einen ungeahnten Höhenflug. Früher nur in Verbindung mit den Drei ??? und Co., bietet es in der Zwischenzeit selbst gestandenen Schauspielern ein nettes Zubrot. Ebenfalls angesagt waren Mangas, die japanische Variante des guten alten Comics. Bleibt noch ein weiteres Phänomen: Frauen und der Literaturnobelpreis. Im Laufe seiner Geschichte wurde der Preis 106 mal verliehen, aber nur 12 mal waren Frauen die Gewinner. Die Nullerjahre stechen dabei ganz besonders hervor, denn mit Elfriede Jelinek, Doris Lessing und zuletzt Herta Müller hat diese Dekade gleich drei Preisträgerinnen hervorgebracht. Bereits die 1990er konnten mit drei Gewinnerinnen aufwarten, vielleicht kann man hier sogar schon einen Trend ablesen.
Zu guter Letzt sind da noch die Megaseller der vergangenen zehn Jahre. Hier hat sich vor allem die fantastische Literatur als wahre Goldgrube für Autoren und Verlage erwiesen. Cornelia Funke ließ uns in ihre Tintenwelt eintauchen und Stephenie Meyer machte das verstaubte Vampirgenre zu einem Kassenknaller. Den erschrieb sich auch Charlotte Roche. Doch ihre Feuchtgebiete entführten uns nicht in fantastische Welten, sondern in eine Anatomiestunde, während Dan Brown mit seinem Sakrileg die Fans des Okkulten erfreute.
Aber irgendetwas war da doch noch. Ach ja. Ende der 1990er erblickte ein kleiner Junge das Licht der Literaturwelt. In den folgenden Jahren überstrahlte Harry Potter dann die gesamte Buchbranche. Selten zuvor hat ein Buch Erwachsene wie Kinder gleichermaßen in seinen Bann gezogen. Wir alle erinnern uns an Massenhysterien vor Buchläden, Kostüm-Märchenstunden und höchste Geheimhaltungsstufen vor dem Erscheinen jedes neuen Bandes.
Natürlich ist im vergangenen Bücherjahrzehnt noch viel mehr passiert: Skandale, Aufreger und Rohrkrepierer. Aber darüber könnte man, der Kalauer sei verziehen, Bücher schreiben. Ende.
jan/news.de
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