Von news.de-Redakteurin Julia Zahnweh
Fatih Akin hat sich nach seinen eher schweren Dramen eine Auszeit gegönnt und sich an einer Komödie probiert. Rausgekommen ist Soul Kitchen, ein Hommage an seine Heimat Hamburg und der vielleicht bisher beste Akin-Film.
Die griechische Taverne von Kumpel Adam Bousdoukos in Hamburg-Ottensen war für Fatih Akin und seine Freunde immer mehr als nur ein Restaurant. «Es war ein Abenteuerspielplatz, ein Auffangbecken, ein Ort zum Feiern, ein Zuhause», sagt der türkischstämmige deutsche Filmregisseur. Die Taverne gibt es heute nicht mehr - ihr Besitzer ist jetzt Schauspieler und könnte dank Soul Kitchen die Entdeckung des Jahres sein - und Akin zieht nicht mehr täglich um die Hamburger Häuser. «Man wird älter».
Aber dieses Lebengefühl sei es wert gewesen, darüber einen Film zu drehen. Und das hat der Regisseur von Gegen die Wand dann auch getan - zusammen mit seinen Freunden Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu und Birol Ünel in den Hauptrollen. Entstanden ist Akins erste Komödie Soul Kitchen, die einen wirklich überrascht, weil sie vielleicht das Beste ist, was Akin bisher gelungen ist. Was wiederum umso mehr überrascht, ist Akins bisherige Filmografie doch schon eine einzige Erolgsgeschichte.
Doch mit Soul Kitchen ist Akin etwas Neues gelungen: Er bringt sein Pubklikum zum Lachen - von der ersten Szene an durchgängig bis zum Abspann. Eine astreine Komödie hat er abgeliefert, ein erfrischendes Gegenstück zu den sonstigen typisch deutschen Komödien, die einen eher selten wirklich herzhaft und ausdauernd lachen lassen. Komödiantisches Talent hat man Akin, der eher für seine nachdenklichen und schweren Dramen bekannt ist, zwar zugetraut, aber Soul Kitchen übertrifft diese Erwartungen.
Ein Film über den Zustand Heimat
Denn der Film ist eine deutsche Komödie, in der alles und nichts typisch deutsch ist. Akin hat die «Multi-Kulti-Heimat» Deutschland filmisch umgesetzt, ohne Klischees zu bedienen oder ein politisches Statement zu setzen - eine Art filmisches Gegenstück zur momentanen schwarz-gelben Koalition. Der Film bildet die deutsche Realität ab, so wie Akin und seine Freunde sie erleben. Es geht nicht um Nationalitäten, sondern um Liebe, Freundschaft , Familie und den Spaß am Leben. Ein «Heimatfilm der neuen Art», wie sein Regisseur ihn beschreibt, ein Film über Hamburg, über den Zustand Heimat, nicht über den Ort Heimat.
Anders als der Zuschauer es vom Genre Heimatfilm her kennt, ist die Welt in Soul Kitchen aber nicht heile, auch wenn in dem Film ständig die Party abgeht. Zinos (Adam Bousdoukos), der in Hamburg-Wilhelmsburg das Restaurant «Soul Kitchen» besitzt, scheint vom Pech verfolgt zu sein: Während seine Freundin Nadine (Pheline Roggan) als Zeit-Korrespondentin nach Shanghai zieht, erleidet er nicht nur einen Bandscheibenvorfall, sondern wird auch noch von seinem Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) heimgesucht, der im Gefängnis sitzt und ihn um Hilfe bittet. Und als wäre das noch nicht genug, vergrault der exentrische Spitzenkoch Shayn (Birol Ünel), den Zinos in seiner Not eingestellt hat, mit seinen neuen ausgefallenen Speisen seine Stammgäste.
Während Zinos überlegt, wie oder wem er den Laden überlassen kann, um Nadine nach China nachzureisen, entwickelt sich das «Soul Kitchen» zum Szene-Treff - dank der neuen Speisekarte und dem Soul und Funk, der in der ehemaligen Industriehalle aufgelegt wird. Der Ärger mit dem Finanzamt, dem Ordungsamt, einem skrupellosen Immobilien-Investor und dem kleinkriminellen Bruder wird aber immer größer. Doch eine Komödie, auch eine von Fatih Akin, wäre keine Komödie, würde das vermeintlich aussichtslose Schicksal nicht doch noch eine positive Wendung nehmen.
Mit Soul Kitchen hat Erfolgsregisseur Fatih Akin bei seiner ersten Teilnahme am Festival von Venedig auf Anhieb einen Preis geholt. Die Jury am Lido sprach dem 36-Jährigen ihren Spezialpreis zu. «Nachdem ich zuvor mit zwei ernsthaften Filmen so erfolgreich war, dachte ich schon, ich könnte mit einer Komödie auf den Arsch fallen, dass mir das voll um die Ohren gehauen wird», sagte Akin in einem Interview über seine größte Angst. Doch er ist nicht auf seinem Hinterteil gelandet, am Ende des Filmes hat das Publikum mehrmals herzhaft gelacht und Lust, Akins Hamburg und das seiner Freunde zu entdecken.
Dem «alten» Hamburg ein Denkmal gesetzt
Doch dieses Hamburg gibt es so nicht mehr. Bewusst hat Akin und sein Filmteam an Orten in der Hansestadt gedreht, die mittlerweile nicht mehr existieren oder bald verschwunden sein werden: Das Mandarino-Casino an der Reeperbahn, der ehemalige Mojo-Club, die Astrastube an der Sternbrücke oder der Club im alten Karstadt-Gebäude in Altona. Auch Hamburg-Wilhelmsburg entwickelt sich immer mehr vom alten Industrieviertel zu einem Szeneviertel. Damit ist Akin mit Soul Kitchen nicht nur eine Hommage an seine Heimat Hamburg gelungen, sondern er hat fast ungewollt seiner «alten» Heimat Hamburg ein Denkmal gesetzt.
Eigentlich wollte Akin Soul Kitchen nur produzieren und die Regie jemand anderem überlassen. Nach seinen erfolgreichen Dramen Gegen die Wand und Auf der anderen Seite wollte er aber kein Sklave seines Erfolges sein und sich mit der Komödie auch ein wenig erholen, bevor er den dritten Teil der Liebe, Tod und Teufel-Trilogie angeht. Dass dieser «leichte Film» aber der anstrengendste werden würde, hätte er nicht gedacht, wie er sagt. Doch die Mühe hat sich mehr als gelohnt.
Titel: Soul Kitchen
Regie: Fatih Akin
Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Pheline Roggan, Dorka Gryllus, Wotan Wilke Möhring, Monica Bleibtreu
Filmlänge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Filmstart: 25. Dezember 2009