Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Am 11. Februar beginnt die 60. Berlinale. Seit 2001 wird das wichtigste deutsche Filmfest von Dieter Kosslick geleitet. Im Interview spricht der 61-Jährige über Rekorde, Roman Polanski und die Frage, ob auf dem Roten Teppich im kommenden Jahr auch getwittert wird.
Herr Kosslick, zum 60. Jubiläum forderten Sie das Publikum auf, lustige oder gar erotische Berlinale-Erlebnisse einzusenden – welche Anekdoten traten dabei zu Tage?
Kosslick: Meine Lieblingsgeschichte ist die von der Dame, die sich jahrelang mit ihrem Hund immer in die erste Reihe setzte. Ein Stuhl für sie, einer für den Hund. Als die Klappstühle kamen, wurde das Tier eingeklemmt und sie musste die Kinobesuche aufgeben – das Ende eines wunderbaren Berlinale-Paares.
Was hätte der Festivaldirektor an denkwürdigen Erlebnissen zu bieten?
Kosslick: Da gibt es vieles. Etwa, dass ich den spanischen als portugiesischen Botschafter angesprochen habe und auch sonst bisweilen Leute falsch begrüße. Oder es gibt jenen Smalltalk mit der nordkoreanischen Delegation, der ich erzählte, dass die Berlinale nun 60 werde und ich selbst 61 Jahre wäre. Nach kurzer Pause folgte als Antwort: «Dann leiten Sie das Festival ja schon, seit Sie ein Jahr alt sind.» Da erkennt man die nordkoreanische Treue zum Kind als Führer ...
Wie feiert das Festival seinen 60. Geburtstag? Springt die «Berlinackte» Bai Ling aus der Torte?
Kosslick: Besonders freue ich mich auf die Welturaufführung des restaurierten und rekonstruierten Fritz-Lang-Klassikers Metropolis mit Orchester und etlichen Geburtstagsgästen. Außerdem werden wir mit der Aktion «Berlinale goes Kiez» unserem tollen Publikum danken und daran erinnern, dass Kinos wunderbare Orte der Kultur und Kommunikation sind. Die Zukunft des Kinos möchten wir gern zu einem zentralen Thema bei der 60. Berlinale machen. Zum Jubiläum erscheinen auch eine DVD-Edition mit 22 Berlinale-Filmen sowie zwei Bücher; ein großartiger Bildband und ein historischer Rückblick auf 60 Jahre Festival.
Vergangenes Jahr hatten Sie mit knapp 6000 Einreichungen tausend Bewerber mehr als im Jahr davor – gibt es neue Rekorde zum Jubiläumsjahr zu vermelden?
Kosslick: Die Zahlen sind wieder gestiegen, aber diese Rekorde machen eigentlich keinen Sinn mehr. Mit den Einreichungen vom letzten Jahr hätten wir theoretisch 13 Jahre lang Festival machen können – was wenig über die Qualität sagt. Viel bedeutender ist, dass sich unser «Talent Campus» mit über 4700 Einreichungen aus 145 Ländern über einen sprunghaften Zuwachs freuen kann. Das zeigt, wie gut dieses Engagement für den Nachwuchs inzwischen ankommt.
In Cannes gab es enorme Einbrüche bei der Teilnehmerzahl der Filmmesse – wie steht es in Berlin?
Kosslick: Berlin gehört mit Cannes und Los Angeles zu den drei größten Filmmärkten der Welt – das wird sich zum Geburtstag nicht ändern. Durch unsere Jubiläumsrabatte ist es gelungen, dass der Filmmarkt wieder ausgebucht ist. Allerdings wird die Lage der Filmmessen schwieriger, weil es überall immer mehr davon gibt.
Wie groß ist das Budget der Berlinale? Welchen Platz haben Sie im Vergleich zu Funkausstellung, Fashionweek oder Bread and Butter?
Kosslick: Die Berlinale kostet etwa 18 Millionen Euro, und die finanzieren wir auch. Was den wirtschaftlichen Faktor für die Stadt betrifft, liegen wir schon ziemlich vorne: Es kommen gut 4000 Journalisten und 16.000 Fachbesucher – für Bread and Butter sorgen also auch wir reichlich in Berlin.
Sie waren einst Frauenbeauftragter für Hamburg, mit welchen Gefühlen laden Sie Roman Polanski auf Ihr Festival ein?
Kosslick: Es läuft ein Gerichtsverfahren in der bekannten Sache gegen Roman Polanski. Verwunderlich dabei ist, dass Polanski seit vielen Jahren in der Schweiz wohnt und jetzt festgenommen wurde. Ich wünsche Polanski, dass die Gerechtigkeit siegen wird.
Mit der Anwesenheit des Regisseurs ist wohl kaum zu rechnen?
Kosslick: Wenn er freigesprochen wird, stünde der Sache nichts entgegen.
Wie sehr wird die alte Tante Berlinale «Web 2.0»-tauglich? Wird der Festivaldirektor twittern, falls er allein und verlassen auf dem roten Teppich steht?
Kosslick: Auf dem roten Teppich werde ich wie immer vor Kälte zittern, aber nicht twittern. Ich agiere noch nach dem alten Prinzip, dass ich analog und real am Berlinale-Palast stehe. Die Berlinale selbst ist natürlich voll im Netz dabei. Der gesamte «Talent Campus» wird online abgewickelt, man kann Tickets fürs Festival auf unserer Webseite bestellen, die Streamings der Pressekonferenzen und der Roten-Teppich-Galas ansehen.
Warum gibt es in Cannes und Venedig ständig Standing Ovations – und in Berlin so gut wie nie?
Kosslick: Es gab auch in Berlin schon Standing Ovations, etwa als Martin Scorsese mit den Rolling Stones auf die Bühne kam. Solche ehrlichen Ovationen sind mir eigentlich lieber, als wenn man ständig steht und klatscht.
Sie haben 2001 die Berlinale übernommen. Inzwischen fühlt der deutsche Film sich dort wohl wie nie, es gibt eine Reihe über Kino und Essen und sogar den Festivalkindergarten. Was steht als nächste Veränderung an?
Kosslick: In ihrer Struktur ist die Berlinale inzwischen so, wie ich sie mir immer gewünscht habe. Insofern ist der runde Geburtstag ein Abschied vom bisherigen «Immer wieder etwas Neues». Nach chinesischer Zahlenmystik ist mit 60 ein Zyklus abgeschlossen und ein anderer beginnt.
Werden Sie das 65. Jubiläum noch vom Chefsessel des Festivaldirektors aus regieren?
Kosslick: Wenn ich selbst 65 bin, werde ich jedenfalls noch da sein. Aber ich fühle mich noch nicht so, dass ich schon ans Ende denke. Ich denke jetzt erst einmal an die Eröffnung vom 11. Februar 2010.
Welcher Film Ihres Jury-Präsidenten Werner Herzog würde auf das Festival am besten passen?
Kosslick: Da schwanke ich zwischen Fitzcarraldo und Little Dieter needs to fly ...
bla/voc/reu/news.de