Wir sind alle ahnungslos
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Artikel vom 28.12.2009
Freunde treffen, einkaufen, Begriffe nachschlagen: Was wir im Internet tun, ist unser Leben. In den vergangenen zehn Jahren hat sich das Netz von der bloßen Technologie zum kulturellen Raum gewandelt. Eine Tatsache, die uns vor Probleme stellt.
«Mach doch mal das Internet an.» In den Ohren von Bloggern und Twitterati, den Menschen also, die im Internet zu Hause sind, klingt dieser Satz schief. Er klingt so, wie ein falsch geschriebenes Wort aussieht, wie, wenn jemand einen Vergleich mit «als wie» formuliert. «Das Internet» ist ein pauschaler Oberbegriff, der ein Paralleluniversum suggeriert, das es nicht gibt.
Das Netz existiert nicht als eine von uns losgelöste Technologie, die benutzt wird wie ein Löffel zum Suppe essen. Es liegt nicht brach, nur weil wir gerade nicht online sind. Wenn wir es sind, dann nutzen wir es ganz selbstverständlich, um Bücher zu bestellen, Nachrichten zu lesen und unsere Freundschaften zu pflegen. Dabei denken die meisten von uns nicht darüber nach, dass das, was sie gerade tun, möglich ist, weil Informatiker in den 1980er Jahren herausfanden, wie verschiedene Rechner in einem Netzwerk miteinander kommunizieren können.
Sprechen wir heute über das Internet, dann sprechen wir über ein Kommunikationswerkzeug, ein Nachschlagewerk oder ein riesiges Einkaufszentrum – über ein buntes Potpourri, gefüllt mit allerlei Dingen unseres Lebens. Das Netz hat sich also längst von seiner technischen Entwicklung emanzipiert. Der Gedanke, es «anzumachen» ist deshalb so abstrus, als würden wir jeden Morgen zunächst den Strom anschalten, bevor wir uns einen Kaffee kochen.
Nicht, ob wer «drin» ist zählt, sondern was er «drin» macht
Gerade zehn Jahre ist es her, da war das noch ganz anders. 1999 sagte Boris Becker in der AOL-Werbung die inzwischen legendären Worte: «Bin ich schon drin?» Das Internet nur dann anzumachen, wenn man es wirklich braucht, war völlig normal in einer Zeit, als man noch mit dem Schneckentempo eines 56K-Modems durch das Netz schlich und die Telekom die Minuten, die dabei zusammen kamen, am Ende des Monats fein säuberlich per Einzelverbindungsnachweis auflistete.
Die Entwicklung zum «Always On»-Status unserer Tage hat in den nur zehn Jahren dazwischen stattgefunden – rasend schnell, aber bei weitem nicht überall: Längst nicht jeder ist im VDSL-Flatrate-Zeitalter angekommen. Das offenbart die Tatsache, dass der Satz vom Anmachen des Internets noch nicht ausgestorben ist. Zwischen denen, die mit dem Internet umgehen können, und den anderen scheint es eine gesellschaftliche Demarkationslinie zu geben.
Deren Verlauf ist der Spott, der immer dann ausgeschüttet wird, wenn sich jemand zu einem Umgang mit dem Internet bekennt, der «ja so Web 1.0», also auf dem Stand von 1999 ist. Über den von Politikern zum Beispiel, die von Kinderreportern des ARD Morgenmagazin zum Netz befragt worden sind. «Ich war vielleicht zwei mal drin im Internet», sagte da zum Beispiel Hans-Christian Ströbele von den Grünen und die damalige Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) wusste nicht, was ein Browser ist. «Erbärmliche Kreaturen» tönte es in den Kommentaren bei Youtube und unzählige Blogbeiträge griffen das Video auf – oft nur zum bloßen Spott.
Gekommen, um zu bleiben
Es ist zweifellos ein bedenklicher Offenbarungseid, dass die, die über die Rahmenbedingungen unseres Lebens zu entscheiden haben, keinen Einblick in einen wichtigen Teil davon haben. Aber in einem sind wir alle, auch die Blogger, die Twitterati und YouTube-Kommentatoren, ahnungslos: Wir wissen nicht, wie die kulturelle Evolution weitergeht, die das Internet gerade erst begonnen hat.
Weil wir es nicht wissen, forschen wir. Auch das hat gerade erst angefangen, und wir sind uns alles andere als einig. Was ist die sogenannte Schwarmintelligenz im Stande zu leisten? Kann das Lexikon Wikipedia, geschaffen von tausenden Laien mit partikulärem Wissen, wirklich leistungsfähiger sein als Enzyklopädien, die von einem überschaubaren, aber gut ausgebildeten Expertenkreis geschrieben werden?
Wie funktionieren soziale Netzwerke? Ist das, was dort entsteht, eine neue virtuelle Gesellschaft oder ist es doch nur die digitale Erleichterung schon lange bestehenden sozialen Verhaltens? Sind wir überfordert mit der Informationsflut? Verlangt das Netz Multitasking, das unsere Gehirne nicht in der Lage sind zu leisten, wie es Frank Schirrmacher dieses Jahr in seinem viel beachteten Buch Payback meint erkannt zu haben? Oder müssen wir nur lernen, mit Filtermechanismen – unseren eigenen im Kopf und denen im Netz – umzugehen?
Es ist eine Illusion, dass wir die Kontrolle über die rasend schnellen Entwicklungen im Netz haben. Welche Dienste sich dort entwickeln, welche Webseiten angeboten werden, das also, was täglich passiert, das ist nicht immer eine Lösung für ein konkretes Problem, das wir vorher hatten. Aber alles in allem hat das Netz für uns vieles einfacher gemacht. Das Gute daran ist: Nicht jeder muss im einzelnen verstehen, was diese Maschine Internet genau macht. Aber jeder sollte verstehen, was er mit dieser Maschine machen kann. Und was er dafür können muss. Das ist die Herausforderung für die nächsten zehn Jahre Internet, der weder mit Spott auf der Seiten der Blogger und Twitterati, noch mit demonstrativem Desinteresse auf Seiten der Ströbeles und Zyprieses beizukommen ist.
voc/reu/news.de
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Doch nicht nur beim Kurznachrichtendienst findet das Web inzwischen in Echtzeit statt - schnell, aber vor allem sehr mehr ...
Der Wahlkampfauftritt von Angela Merkel in Hamburg könnte anders aussehen, als sich die Kanzlerin das mehr ...
F.A.Z.-Herausgeber Frank Schirrmacher sagt in seinem neuen Buch Payback der digitalen Informationsflut den Kampf mehr ...
Die Musikkonzerne sitzen nach Einschätzung des Schweizer Künstlers und Musikers Dieter Meier (Yello) auf einem Berg exklusiver mehr ...
Die ersten Reaktionen auf das «Internet-Manifest». mehr ...
Skurril und sinnlos? Ein Service in den USA ermöglicht für Menschen ohne Internet-Anschluss das Twittern per mehr ...
Anbieter müssen festhalten, wer mit wem wie lange telefoniert. Nun prüft das Verfassungsgericht die umstrittene mehr ...
Alle loben die IT-Technologie. Sie soll eine Million neue Jobs bringen und die Umwelt retten. Doof: Deutschland ist darin mehr ...
Keine Ahnung, was beim Surfen mir Ihren Daten passiert? Was sich mit der neuen EU-Telekom-Reform eigentlich mehr ...