Wie gern würde mancher einen Blick in die ein oder andere deutsche Profiküche werfen. Zwei Bücher machen das nun möglich: Vincent Klinks Erinnerungen und Gregor Webers Ermittlungen in zehn großen Küchen des Landes. Zwei Kochbücher der anderen Art.
Gregor Weber: Kochen ist Krieg!
Eigentlich ist Gregor Weber ja Schauspieler. Man kennt ihn, als Stefan Becker in der
Familie Becker etwa, als Theaterdarsteller und natürlich als Kriminaloberkommissar Stephan Deininger im saarländischen
Tatort. Vielleicht ist hier seine Leidenschaft für das Kochen entstanden, bei den Besuchen im fiktiven Lokal von Lea Linster. Es scheint zumindest nicht gereicht zu haben, vor der Kamera oder auf der Bühne zu stehen. 2006 hat Weber noch einmal eine Ausbildung gemacht, mit über 30 Jahren. Nun ist er Koch, und als solcher hat er sich im vergangenen Jahr auf eine Reise durch deutsche Profiküchen gemacht. Zehn Stationen, vom Dorfgasthaus bis zur Sterneküche, von der Bordkombüse bis zum Bundespräsidenten. Und Gregor Weber hat darüber geschrieben, das Buch
Kochen ist Krieg! – nun ist Weber auch noch Autor. Und ein guter dazu.
Ein wenig erinnern seine Abenteuer an die Reisen eines Anthony Bourdain in klein, noch mehr aber an das großartige
Hitze von Bill Buford, der sich einst ein Jahr lang als «Küchensklave» im Babbo verdingte, einem italienischen Restaurant der Superklasse in Manhattan. Und tatsächlich muss sich Weber literarisch vor den beiden nicht verstecken, auch wenn er das Niveau von Buford nicht ganz erreicht. Dafür reichert er sein Buch mit eigenen Fotos an, deren größte Qualität darin besteht, dass sie authentisch wirken.
Wie so viele Bücher über das Kochen, die keine Kochbücher sind, erzählt auch Weber mehr als nur Küchenlatein, ganz so abenteuerlich wie Bourdains oder Bufords Schilderungen aber klingt das alles nicht. Zum Glück. «Kochen ist Heimat», sagt er, nur eine von vielen kleinen philosophischen Weisheiten, nur einer von vielen Ausflügen wieder weg vom Herd, hinein in Herz und Seele eines kulinarisch Suchenden, der sich jedoch durchaus als Fachmann entpuppt, der über Essen schreiben kann, ohne Floskeln zu missbrauchen, der vermitteln kann, wie das schmeckt, was da gerade vor ihm auf dem Teller liegt. Irgendwie ist ein Gastrokritiker an Weber verloren gegangen, aber der Mann ist ja noch jung, weitere Ausbildungen sind denkbar.
Doch nicht nur das Geheimnis verschiedener Küchen entdeckt Weber, auch Deutschland entdeckt er neu, das Thema der Gastarbeiter etwa, der Großküchen, der Staatsempfänge und Sternelokale. Mit viel Respekt vor denen, die ihm da jene Einblicke gewähren, die so wohl nur die wenigsten Menschen je bekommen dürften, berichtet er von Strapazen und Erfahrungen, ganz nah dran, aber immer mit dem nötigen Abstand, um noch kritisch zu bleiben.
Autor: Gregor Weber
Titel:
Kochen ist Krieg! – Am Herd mit deutschen Profiköchen
Verlag: Piper
Seitenzahl: 288 Seiten
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: Dezember 2009
Vincent Klink: Sitting Küchenbull
Als junger Bursche war Vincent Klink zu nichts zu gebrauchen. Zumindest, wenn man den Menschen glaubt, die ihn damals gekannt haben. Dem Schlachter etwa, der ihn «faulr Spitz» schimpfte, oder dem Vater, der von ihm sagte: «Dumm auf d' Welt komme, nix dazug'lernt und d' Hälfte vergessa!» Der kleine Vincent, der davon in seinen «gepfefferten Erinnerungen» berichtet, scheint sich nicht viel daraus gemacht zu haben. Zum Glück. 1978, mit nicht einmal dreißig Jahren, erhält er seinen ersten Michelin-Stern, bis heute gehört er zu den großen Köchen Deutschlands, tritt im Fernsehen auf, einer, der zwar die Tradition hochhält, vor der Moderne aber nicht zurückschreckt.
Dabei ist der Start in sein Leben eigentlich eher holprig verlaufen, wie er in seinen Memoiren
Sitting Küchenbull schreibt. 1949 sei ein Spitzenjahrgang gewesen, seine Geburt ein Donnerschlag, nach dem in kurzer Folge jedoch so viel Bowle von der Familie versoffen wurde, dass «die Insassen des Narrenschiffs» alle dermaßen blau waren, «dass man das Baby vergaß.» Und so lag der kleine Vincent mit vollen Windeln einsam in seinem Zimmer und erbrütete sich den ersten Psychoschaden.
Es ist ein schwungvoller Auftakt, den Klink da gibt, ein Auftakt zu gut 200 Seiten voll mit Anekdoten, Erinnerungen und gedanklichen Ausflügen. Und wer glaubt, ein Koch wie Klink könne zwar kochen, aber nicht schreiben, der irrt. Nicht umsonst ist er seit Jahren schon für diverse Bücher und Zeitschriften verantwortlich, aktuell gibt er mit Wiglaf Droste das Magazin
Häuptling eigener Herd heraus.
Und so ist sein Küchenbulle auch ein äußerst unterhaltsames Buch geworden. Von Klinks harter Jugend- und Lehrzeit in Schwäbisch-Gmünd berichtet er da, vom ersten eigenen Restaurant, dem Wehrdienst oder von Ausflügen zu berühmten Zeitgenossen wie Paul Bocuse oder Alain Chapel. Und Klink schreibt, wie er sich gibt: locker, aber bestimmt, selten ohne Humor und immer mit Bodenhaftung, insbesondere, was seine Heimat angeht.
Vor allem scheut er sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. Lehrmeister oder Gast, jeder bekommt hier sein Fett weg, ohne wirklich vorgeführt zu werden. Ob Saufeskapaden im Münchener «Humplmayr», das recycelte Innenleben der Maultauschen von Rudolf Katzenberger, dem «badischen Küchengott», oder Klinks Kochexperimente im Schützenpanzer bei der Bundeswehr – obwohl man sich vom Schwergewicht Klink durchaus auf den Fuß getreten fühlen könnte, dürften selbst ehemalige Weggefährten sich das ein oder andere Schmunzeln nicht verkneifen können.
Dabei ist das Buch keineswegs zur Satire verkommen. Wenn er über die Lebensmittelindustrie schreibt, über seine Philosophie vom Kochen und Essen, über Leidenschaft und Akuratesse, dann ist das mehr als nur unterhaltsam. Es ist lehrreich, ohne dass Klink den Fehler vieler seiner Kollegen macht und belehrend wird. Klink ist keiner, der sich in großen Experimenten ergeht, weder kulinarisch, noch literarisch. Er weiß, was er kann und er weiß, wann er aufhören muss. Dass das am Schluss etwas zu plötzlich passiert, dass er fast schon hektisch wird auf den letzten Seiten, dass man sich noch ein paar mehr gewünscht hätte, etwas Gegenwart und nicht nur Erinnerung, schmälert das große Lesevergnügen nur wenig. Seine Erinnerungen, sie sind wirklich gepfeffert ausgefallen.
Autor: Vincent Klink
Titel:
Sitting Küchenbull – Gepfefferte Erinnerungen eines Kochs
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 219 Seiten
Preis: 19,90 Euro
Erscheinungsdatum: Dezember 2009
reu/news.de
Die Bücher kann ich echt empfehlen.
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