Von news.de-Mitarbeiterin Stephanie Bremerich
Die Temperaturen fallen, die Nächte werden länger und die Tage kürzer; Weihnachten steht vor der Tür. Auf der Straße jedoch fehlt von Besinnlichkeit jede Spur. In Unter Null zeigt Günter Wallraff den harten Überlebenskampf der Obdachlosen zur kältesten Zeit des Jahres.
Rund 300.000 Wohnungslose leben nach Schätzungen derzeit in Deutschland. Statt in den trauten vier Wänden Weihnachten zu feiern, müssen sie auch bei Minusgraden «Platte machen» oder in Notunterkünften übernachten.
Der Journalist Günter Wallraff hat sie, selbst getarnt als Obdachloser, begleitet: Sechs Wochen lang war er im Winter 2008/2009 undercover in Köln, Hannover und Frankfurt am Main unterwegs. In Zusammenarbeit mit Regisseur Pagonis Pagonakis, mit dem er auch seinen neuen Film Schwarz auf Weiß drehte, ist so ein eindringliches Porträt über den Rand unserer Gesellschaft und den Rand unserer Wahrnehmung entstanden, den das ZDF gestern abend ausstrahlte.
Schritt für Schritt…
Wie immer bei Wallraff beginnt es mit Maskerade: Perücke, Hornbrille, zerschlissene Kleidung – schon ist aus Günter Wallraff der Wohnungslose Wolfgang geworden
Wie schnell man auch im wirklichen Leben aus der Rolle fallen und auf der Straße landen kann, zeigt der Film anhand von Einzelschicksalen. Da ist zum Beispiel Frank, der ehemalige Unternehmer, der einst sechs Angestellte hatte und nach der Pleite seiner Firma alles verlor. Oder der insolvente Diplomingenieur Holger, der nach einem Strafvollzug keine Arbeit mehr bekam und dem man – akkurat gekleidet und frisiert – seine Armut äußerlich nicht ansieht. Geregelte Arbeitszeiten haben Holger und Frank, der HIV-Kranke Benno und die Stadtstreicher Micha und Helmut sowie all die anderen, die Wallraff in den sechs Wochen traf, nicht mehr – dafür einen 24-Stunden-Tag, der von körperlicher Entkräftung, Kälte und Kriminalität geprägt ist.
Zwischen Ethos und Pathos
Wallraff ist nicht objektiv. Wallraff ist parteiisch. Er will nicht darstellen, sondern vorführen, und zwar nicht von außen, sondern von innen, aus seiner Rolle heraus, auf Augenhöhe. So kennt man ihn als türkischer Gastarbeiter Ali (Ganz Unten, 1985) oder – ganz aktuell – als Somali Kwami Ogonno (Schwarz auf Weiß, 2009). Für letztgenannten Film hat er sich mehrfach Kritik auch aus den Reihen Betroffener gefallen lassen müssen – auch das nichts Neues für den 67-jährigen Enthüllungsjournalisten. Da könnte man durchaus fragen: Nutzt sich das «Wallraffen» allmählich ab?
Im Falle von Unter Null lautet die Antwort «nein». Sicher, auch hier ist die Systemkritik absolut. Es geht nicht um differenzierte Problemanalysen, sondern um die Vorführung des Status Quo. Unmenschlich und fast schon kafkaesk muten die bürokratisierten Strukturen der Hilfseinrichtungen an, in denen Wohnungslose von Institution zu Institution weitergereicht werden – teilweise, indem sie nicht-zumutbare Entfernungen auf sich nehmen müssen.
Es ist die Frage nach der Würde, um die es Wallraff in jedem Moment geht. Schocks sind dabei durchaus beabsichtigt: Bunkerartige, unpersönliche Asylbauten und kotbeschmierte Bettdecken in Notunterkünften gehören ebenso zum Alltagsporträt der Obdachlosen wie die Brutalität auf der Straße. Feine Nuancen sind Wallraffs Sache eben nicht. Das mögen manche unlauter, pathetisch oder sozialromantisch nennen. Eines ist es jedoch nicht: unauthentisch. Denn Wallraff benutzt das Format nie, um die eigene Person zu exponieren. Stattdessen lässt er die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Individuelle Schicksale stehen im Fokus und führen so den ganzen Zynismus und Hohn vor, der sich hinter Begriffen wie «Armutskarrieren» verbirgt: In Zeiten der Wirtschaftskrise kann es jeden treffen. Auch das schwingt in Unter Null mit und macht den Film so brisant und sehenswert.
ped/news.de