Die Nullerjahre sind vorbei und so recht weiß noch niemand was von ihnen als popkulturelles Erbe bleiben wird. Wen werden wir in 20, 30 Jahren hören und denken: «Ach ja, so klang das damals»? Eine musikalische Spurensuche.
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Lester Maul ist eine Kunstfigur, die bissig, böse und aus dem Bauch heraus das aktuelle Geschehen exklusiv auf news.de kommentiert. Hinter der Figur stecken mehrere Kabarettisten. Ihre Beiträge entstehen unabhängig von der Redaktion. Sie sollen provozieren, amüsieren und orientieren – und bloß kein Blatt vor den Mund nehmen.
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Also diese Band da, die diesen tollen Titel da hatte, die werde ich nicht vergessen. Die sind klasse! Wie hießen die denn gleich?
Gesunder historischer Abstand ist normalerweise unabdingbar, um sich einer Epoche sicheren Fußes zu nähern. Bei den Nullerjahren, dem ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts, ist das kaum möglich. Das zeigt schon die Diskussion darum, wie es denn nun eigentlich zu nennen ist. Nullerjahre? 2000er?
Bei den vorangegangenen Jahrzehnten war das noch einfacher, nicht nur aus sprachlichen Gründen. Von den 70ern, 80ern oder 90ern glauben wir heute sehr genau zu wissen, wie sie waren, was sie ausgemacht hat. Kulturell, politisch, musikalisch. Doch was wird vom vergangenen Jahrzehnt bleiben? Welche Künstler werden wir auch in 20, 30 Jahren noch hören und denken: «Ja, so klangen die Nullerjahre.»
Keine Frage, das erste Jahrzehnt unseres Jahrhunderts ist ohne Digitalisierung nicht zu denken, auch in Sachen Musik. Das MP3-Format, durch iPod und Co. befreit und mobil gemacht, hat uns technisch geprägt. Und musikalisch? Im Nachhinein könnte man fast sagen, Michael Jackson sei einer der Überlebenden, doch bei genauem Hinsehen, hatte er seine große Zeit doch weit davor. Sein Tod war nurmehr der letzte Aufschrei, der seine Musik noch einmal ins Gedächtnis zurückgerufen hat. Der Sound des Jahrzehnts aber war ein anderer.
Vergänglichkeit als Merkmal
Es hilft auch wenig, sich durch die deutschen Charts von 2000 bis 2009 zu wühlen. Die finnische Band Him steht da Ende Januar 2000 mit Join Me an der Spitze, Band und Titel schon heute vergessen, ein Jahr später stürmten Atomic Kitten mit Whole Again nach oben, 2002 waren es Bro'Sis mit I Believe.
Doch legen wir hier einen Zwischenstopp ein, bei Bro'Sis, dem gecasteten Elend, das es gerade einmal auf fünf Karrierejahre brachte. Wenn etwas die Nullerjahre musikalisch geprägt hat, dann die Castingshows, von DSDS bis Popstars. Die Musik war dabei nicht entscheidend, von einigen Ausreißern wie Nu Pagadi mit ihrem verpoppten Darkrock oder Tobias Regner mit seiner markanten Stimme sind es allesamt Popgrüppchen und Interpreten seichten, meist englischsprachigen Schlagers, die für einige wenige Jahre Prominenz erlangten. Vergänglichkeit als Merkmal. Ungecastet, aber trotzdem in diesem Reigen dabei: Grup Tekkan, eine YouTube-Entdeckung, mit Wo bist Du mein Sonnenlischt.
Das Internet, der zweite Zwischenstopp. Denn nicht nur die Digitalisierung schlägt in diesem Jahrzehnt voll durch, das Netz erweist sich auch als geeignete Plattform für Nachwuchstalente – oder für kluge Plattenfirmen. Denn wer von dem Hype um Talente wie Esmée Denters (entdeckt von Justin Timberlake) oder David Sides mehr hat – der vermeintliche Nachwuchs (nicht wenige Traumkarrieren entpuppen sich als Fake) oder seine Entdecker – kann man sich wohl an einer Hand ausrechnen. Um die meisten YouTube-Talente herrscht schon nach kurzer Zeit wieder Ruhe.
Hip-Hop und Deutschrock
Weit weniger vergänglich zeigt sich – auch in Deutschland – der Hip-Hop. 2003 beginnt der Berliner Sido seine Karriere und macht den Gangsterrap salonfähig, es folgen bis heute erfolgreiche Musiker wie Bushido, Fler oder Massiv. Doch einiges bleibt auch auf der Strecke: Der Hamburger Hip-Hop etwa mit seinen Vertretern wie Fettes Brot, Jan Delay, Deichkind oder den Absoluten Beginnern. Sie alle: musikalisch tot oder abgewandert in andere Stile, Berlin ist zur Hood geworden, die Szene gibt sich international, die Texte aber bleiben deutsch, zuweilen sogar national, Migrationshintergrund hin oder her.
Das wäre der dritte Zwischenstopp, deutschsprachige Musik. Schon der erste Nummer-1-Hit des Jahrzehnts, Stefan Raabs Maschendrahtzaun, ist ein solcher, die Jahressinglecharts führt DJ Ötzi mit seinem Anton aus Tirol an. In diesem Jahr wird in Hamburg aber auch die Gruppe Wir sind Helden gegründet, die seitdem drei Alben herausgebracht und der deutschsprachigen Musik ganz ohne Quotenforderungen wieder nach oben verholfen hat. Auf diesen Zug springen etliche Bands und Musiker auf, von Revolverheld oder Mia über Madsen oder Polarkreis 18 bis hin zu Silbermond, Juli oder Xavier Naidoo, der seine Solokarriere bereits Ende der 90er begann.
Viele von ihnen haben sich seitdem etabliert, und sogar die Söhne Mannheims schaffen es 2005 noch einmal in die Albumcharts, ebenso wie Rosenstolz ein Jahr später oder Die Fantastischen Vier. Ganz zu schweigen von Tokio Hotel, denen inzwischen sogar international der Durchbruch gelungen ist. Und nicht umsonst kommt auch das erfolgreichste Album des Jahrzehnts von einem Deutschen: Kein Album verkauft sich besser als Mensch von Herbert Grönemeyer (2002), das 21 Mal Gold erhält.
Die Musikindustrie feiert ihre Helden
Der vierte Zwischenstopp: Durchbrüche, der Beginn großer Karrieren. Ob Pink, Robbie Williams, Lady Gaga oder andere – so viele groß angekündigte neue Stars wie im vergangenen Jahrzehnt gab es selten. Die Musikindustrie feiert ihre Helden, auf allen Kanälen wird beworben, was das Zeug hält, und so bringen es selbst Produzenten wie Timbaland, wohl einer der großen Gewinner der Nullerjahre, zu Promistatus, um deren Arbeit sich die Plattenfirmen reißen.
Plattenfirmen, der fünfte Zwischenstopp. Die Digitalisierung macht gerade den Großen zu schaffen, unabhängige Labels werden gegründet, mancher Künstler nimmt seine Vermarktung selbst in die Hand. 2007 macht die Band Radiohead Furore, als sie ihr Album In Rainbows zum Download anbietet und den Fans die Entscheidung überlässt, wie viel sie dafür zahlen wollen. Online ist die Qualität etwas niedriger, die hochwertigere CD kostet klassisch Geld. Und andere Künstler ziehen nach.
Andere Strukturen hingegen bröckeln. Das Musikfernsehen erweist sich in diesem Jahrzehnt als Auslaufmodell, ebenso wie Jugendkulturen. Der Hip-Hop wird von Szene-Experten als letzte verbliebene Massenbewegung anerkannt, daneben aber scheint ihre Zeit vorbei zu sein, ob Punk, Techno oder Rock. Womit wir beim sechsten und letzten Zwischenstopp auf der musikalischen Spurensuche wären: der Retro-Welle. Beginnend mit Bands wie The Strokes oder The Hives rollt sie im Rock seit Beginn der Dekade von den USA und Großbritannien um die Welt und wird seitdem von Mando Diao, The Vines oder The White Stripes, Kings of Leon oder den Arctic Monkeys in verschiedenster Form am Leben erhalten.
Comebacks wohin das Ohr hört
Und auch einige Altmeister können es einfach nicht lassen. Comebacks wohin das Ohr hört, The Police und Genesis, Led Zeppelin und Tina Turner, die New Kids on the Block und Take That, sie alle versuchen sich an Comebacks – mit mehr oder weniger Erfolg.
Womit wir wieder am Anfang wären, beim Erfolg, den Chartplatzierungen, diesem nichtssagenden Instrument, zumindest ohne gesunden historischen Abstand. Derzeit stehen dort etwa Ich + Ich mit ihrem Album Gute Reise ganz oben. Und man muss wohl kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass dieses Duo uns zwar noch ein wenig begleiten wird, als pophistorisches Gesprächsthema für das Jahr 2030 aber taugt es kaum.
Was also bleibt von diesem Jahrzehnt? Eine lebhafte Erinnerung an all die Castingshows, aber nur blasse Schatten von ihren Stars, ein letztes Aufbäumen des Hip-Hop vor seinem endgültigen Eintritt in den Mainstream und die Erinnerung an das vielleicht letzte Jahrzehnt, in dem Plattenfirmen noch den Markt diktierten. Und der Gedanke an eine Dekade, an deren Ende Michael Jackson starb, einer der letzten Großen des Musikbusiness. Machen wir das Licht aus, morgen ist auch noch ein Jahrzehnt. Gute Nacht.
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