Von news.de-Redakteur Christian Vock
Wissen Sie, wann Sie sterben? Nathan auch nicht, bis er Besuch von einem merkwürdigen Mann bekommt. Der Mystery-Thriller Ein Engel im Winter erzählt eine Geschichte über den Tod ohne Effekthascherei und Rührseligkeit.
Wenn Sie wissen könnten, wann Sie sterben, würden Sie es wissen wollen? Diese Frage stellt sich dem New Yorker Anwalt Nathan (Romain Duris), als in seiner Kanzlei ein mysteriöser Mann auftaucht. Doktor Kay (John Malkovich) behauptet, er könne sehen, wann jemand stirbt. Er besuche die Todgeweihten, um sie auf das Unvermeidliche vorzubereiten. Zunächst ungläubig, fasst Nathan Vertrauen zu dem Arzt und will wissen, warum er ausgerechnet zu ihm kommt. Ist er der nächste auf der Liste? Eine Spurensuche beginnt, die weit in seine Vergangenheit führt.
Der Roman Ein Engel im Winter von Guillaume Musso war in Frankreich das, was man getrost als einen Bestseller bezeichnen darf. Über 1,5 Millionen Mal ging das Buch über die Ladentheke. Im vergangenen Jahr wurde der Thriller dann verfilmt, nun erscheint er auf DVD. Regisseur Gilles Bourdos hat sich an an den Stoff gewagt. Gewagt, weil der Tod ein Thema ist, bei dem man so viel falsch machen kann, weil man gar nicht so genau weiß, was der richtige Weg wäre. Um es vorweg zu nehmen: Bourdos hat es richtig gemacht.
Ein Engel im Winter besticht vor allem dadurch, dass er dem Zuschauer Zeit lässt. Der Film setzt nicht auf den einfachen Schockeffekt, ebenso wenig auf Gefühlsseligkeit. Stattdessen schlängelt er sich entlang auf der Linie, die Drama und Thriller trennt, bis er sie ganz verwischt. Er zieht dahin und setzt gelegentliche Nadelstiche, um den Zuschauer wieder aus den Gedanken zu reißen. Er packt ihn bei den Fragen, die wir uns vielleicht alle einmal stellen: Was würde ich tun, wenn ich wüsste, wann ich sterbe? Würde ich anders leben? Was, wenn ich wüsste, wann ein anderer stirbt? Würde ich ihn warnen?
Ein Engel im Winter zieht aus genau diesen Fragen seine Spannung. Er berührt durch das Schicksal seiner Figuren (unter anderem Lost-Star Evangeline Lilly in ihrem Spielfilmdebüt) und abstrahiert scheinbar beiläufig die Handlung für den Zuschauer. Das gelingt ihm so raffiniert ohne den moralischen Zeigefinger, dass dieser umso störender wirkt, als er am Ende doch noch kurz erhoben wird. Dann, wenn der Film versucht, doch die Antworten auf seinen Fragen zu geben.
Bis zu diesem Punkt war man mit seinen Gedanken allein, konnte sich in den Tälern der Spannungskurve ausruhen und bei den zum Teil meditativen Bildern innehalten und über das Gesehene nachdenken. Etwas, was bei einem Film, der sich dennoch das Namensschild Thriller anheften kann, keine Selbstverständlichkeit ist. Doch warum hat Bourdos es nun richtig gemacht? Noch dazu bei einem Thema, das überhaupt nicht auf ein klassisches Happy End hinauslaufen kann? Weil er die Geschichte genau so erzählt. Weil er keine Hoffnung macht, wie auch. Weil er mit dem Tod streitet und ihn als das annimmt, was er ist: ein Teil des Lebens.
Titel: Ein Engel im Winter
Regie: Gilles Bourdos
Darsteller: John Malkovich, Romain Duris, Evangeline Lilly
Sunfilm Entertainment
Laufzeit: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum: 4. Dezember 2009 (Verleih), 8. Januar 2010 (Verkauf)