Mit 28 Jahren blüht US-Sängerin Alicia Keys auf. Die zwölffache Gewinnerin der Grammy-Musikpreise verabschiedet sich auf ihrer neuen Platte The Elements of Freedom von musikalischen Grenzen und zeigt ihre lyrische Ader.
Aus dem zarten R&B-Pflänzchen ist ein imposanter Rosenbusch mit Wurzeln im Soul gediehen. Ihre vierte Studio-CD ist weltweit als erstes in Deutschland herausgekommen. Premiere feierte die Veröffentlichung des Albums auf Keys Wunsch jedoch ganz legal im Internet. Dort ist es noch bis Dienstag kostenlos zu hören.
Zum Auftakt trägt Keys mit so viel Hall wie in einer Kirche den Anspruch und das Niveau der folgenden 13 Lieder vor. «Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.» Den poetischen Worten der New Yorker Schriftstellerin Anaïs Nin steht die Soul-Sängerin in nichts nach. «Veränderungen im Leben sind nicht immer bequem», sagte sie in einem Interview. «Aber es ist so wie die Verwandlung in einen Schmetterling. Man muss aus dem Kokon ausbrechen. Ich habe mich jetzt bestimmt halb aus dem Kokon geschält.»
Keys schält sich hörbar mit Schmetterlingen im Bauch und lässt ihre Fans dabei mitlauschen. Ein Echolot ortet auf der Hip-Hop-Nummer Love Is Blind die Orientierungslosigkeit einer leidenden Stimme, die ein wenig so wie Amy Winehouse klingt. Halb geschält entdeckt die Stimme aber gleich in der rockigen Soulhymne Doesn't Mean Anything die unendliche Leichtigkeit des Seins. Ein Synthesizer verknüpft für das folgende Gespann Try Sleeping With A Broken Heart und Wait Til You See My Smile Problem mit Lösung.
«Die Art, wie die Lieder sich entwickeln, machen einen ganz natürlich ‹high›», sagt Keys. «Die Hörer werden schockiert sein.» Die Platte «pustet Depressionen weg» - ob im Winter oder in der Liebe.
Ihr Bühnenname steht im Englischen für Klaviertasten und einen Schlüssel - zur Seele. «Dein Name spiegelt Deine Zukunft wieder», sagte Keys. Den Schlüssel zu ihrem Privatleben hat sie allerdings weggeworfen; nur wenig lässt sie nach außen. Die Tochter eines Afroamerikaners wuchs in einem ruppigen Viertel von Manhattan bei der Mutter auf, die schottische, irische und italienische Wurzeln hat. Dank der Mutter lernte sie Klavier, Gesang sowie die Musik von Mozart und Beethoven. Deren Verständnis, Lieder komplex und doch eingängig zu komponieren, eignete sich Keys an. Die Liebe zur Wiener Klassik trägt die Grundmelodie in That's How Strong My Love Is.
Das Wechselspiel von Liebe und Kraft sind Keys Themen. Wer ihr das privat gibt, verrät sie nicht. Sie deutete öfter an, dass Kerry «Krucial» Brothers mehr sei als nur ihr Langzeitproduzent. Den beiden gehört ein Haus in einem Vorort von New York auf Long Island. In den «Ofenstudios» brennen Räucherstäbchen; das Licht ist gedimmt; an den Wänden hängen Bilder von Billie Holiday, Ella Fitzgerald und Muhammad Ali. Hier entstand The Elements of Freedom.
Für zwei Songs musste die Sängerin jedoch aus ihren gemütlichen «Ofenstudios» heraus, um mit dem Ehepaar Beyoncé und Jay-Z zusammenzuarbeiten. Im Lied Put It In A Love Song rufen die Power-Frauen die Männer zum Bezirzen und schließlich auch zum Handeln auf. Mit Empire State Of Mind (Part II) Broken Down, eine Liebeserklärung an New York, legt Keys ihre Version vom Hit des Rappers vor, für den sie den Refrain komponierte. Aus Dank kommt er manchmal zu Live-Konzerten als Überraschungsgast. Dann sind die beiden ein musikalisches Traumpaar. Beyoncé dürfte neidisch sein.
Für Whitney Houston schrieb Keys nebenbei noch die Comeback-Single Million Dollar Bill. Im Mai kommt sie mit ihrer Welttournee nach Frankfurt/Main (9.), Hamburg (12.) und Oberhausen (13.).