Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Tatort-Zuschauer aufgepasst! In diesem Film passieren unfassbare Dinge. Ein Geist verfolgt Ivo Batic und verwandelt sich schließlich in den heiligen Sebastian. Klingt irre? Ist es auch.
Wenn sich zwei mögen und schon fast 20 Jahre zusammenarbeiten, dann darf man schon mal direkter werden. «Schön scheiße schaust du aus», sagt also der Leitmayr Franz (Udo Wachtveitl) zum Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec), der übel verschrammt im Krankenhaus liegt.
Er hat recht. Batic sieht wirklich furchtbar aus. Doch der Leitmayr weiß halt auch nicht, was sein Spezi durchgemacht hat. Und, obacht, jetzt kommt’s: Der Batic weiß das nämlich auch nicht mehr. Ist alles weg. Die komplette Erinnerung. Festplatte gelöscht. Amnesie, sagt der Arzt. Das könne dauern. Ein paar Stunden, Tage, Monate, vielleicht für immer. Und der Leitmayr? Der sagt auf einmal gar nichts mehr.
So muss ein Tatort beginnen, der sich endlich einmal abhebt von den ganzen Sozialarbeiter-Krimis, die zuletzt in der Reihe zu sehen waren. Missbrauchte Kinder, zerrüttete Ehen, Stasi-Altlasten - alles wichtige Themen, fürwahr. Aber Hand aufs Herz: Ermüdet hat uns dieser politisch überkorrekte Kram schon auch.
Wir sind die Guten heißt der aktuelle Fall des Münchener Duos. Wie soll man den Film beschreiben? Am besten als bayerisches Version von The Bourne Identity. Mit Ivo als Jason. Natürlich wird er nicht wie Matt Damon aus dem Meer gefischt. Schließlich sind wir in Bayern. Da müssen schon Berge her. Und genau so kommt es. Der Batic trottet wie ein Ötzi des Digitalzeitalters mit zerrissenen Klamotten durch eine blühende alpine Landschaft, kann sich an nichts erinnern - schon gar nicht an seine EC-Kartennummer - und bricht vor Hunger auf einem Supermarkt-Parkplatz zusammen.
Polizist unter Mordverdacht
Die Grundidee des Drehbuchs von Magnus Vattrodt und Jobst Oetzmann ist eine Art doppelter Verfremdungseffekt. Batic, der nicht einmal mehr weiß, wie er heißt, ist sein Leben als Polizist völlig fremd geworden. Fremd geworden ist Batic aber auch dem Zuschauer, der ihn zu kennen glaubte. Auf einmal macht er aber völlig verrückte Sachen und fällt sogar über Leitmayr her, würgt ihn und bedroht ihn mit der Dienstwaffe. So eine unberechenbare Type könnte doch auch einen Mord begangen haben. Den an einer jungen Drogenfahnderin etwa, die mit einem Genickschuss quasi hingerichtet wurde. Batic war der Letzte, der sie lebend sah. Außerdem hatten die beiden früher einmal ein Verhältnis. Für den LKA-Ermittler Stolze (Michael Mendl) Grund genug, um Batic sofort einzubuchten.
Der lebt dank Amnesie in einem mentalen Paralleluniversum. Ein Mann mit Kinnbart verfolgt ihn. Überall. Im Krankenhaus. Auf der Straße. Sogar im Gefängnis. Halluzination oder Realität? Jetzt ist er gaga geworden, denkt vorübergehend sogar sein Kumpel Leitmayr. Batic’ Welt, sie ist buchstäblich «ver-rückt». Regisseur Jobst Oetzmann fängt das visuell mit einem alten Trick auf. Die Kamera kippt ein bisschen zur Seite. Heraus kommen Bilder aus der schönen schrägen Welt.
Als schon alles verloren scheint, steht der Kinnbart-Geist plötzlich wieder neben Batic. Als heiliger Sebastian mit zwei Pfeilen in der Brust. Es wird katholisch. Die Vision des Schmerzensmanns ist wichtig. Sie führt Leitmayr auf die richtige Spur und Batic zurück in die Welt der Erinnerungen. Am Ende gibt es einen Showdown mit Parallelmontage und Split-Screen, wie das eben so geht in einem Film, der eher Thriller als Krimi sein will. Gebraucht hätte es diese Spielereien nicht. Sie sind bloße Masche. Trotzdem: Einen derart coolen und eleganten Tatort gab es lange nicht zu sehen.
Kampf dem Kinnbart-Dämon
Die Erzählkonventionen des Sonntagabendkrimis schubsen Vattrodt und Oetzmann mal eben lässig zur Seite, was sicher nicht jedem Tatort-Zuschauer behagen wird. Statt wie üblich akribische Ermittlerarbeit abzufilmen, setzt Wir sind die Guten auf eine Dramaturgie der Beschleunigung. Die Musik pulst, gönnt der Geschichte keine Verschnaufpausen. Alles ist in ständiger Bewegung, vor allem Batic, der läuft, flieht, seine Zelleneinrichtung zertrümmert und mit einem Feuerlöscher gegen den Kinnbart-Dämon kämpft.
Ganz selten schöpft dieser Tatort Atem. Und wenn, dann in Szenen, die ganz leise die Verbundenheit von Batic und Leitmayr zeigen. Wir sind die Guten ist auch so etwas wie ein Buddy-Movie, die Beschwörung einer Freundschaft. Wie Leitmayr Batic gegen den LKA-Mann Stolze verteidigt, wie er am Krankenbett sitzt, wie er halb beiläufig Batic die Schulter tätschelt, um ihn aufzumuntern - kleine, aber starke Gesten. So sind wir halt, wir Männer.
Tatort: Wir sind die Guten, Sonntag, 13.12., 20.15 Uhr, Das Erste
ham/hav/reu/news.de
Ja, für Reality-Fans war das ein dicker, ungeordneter Brocken und die Sozialarbeiter hatten vermutlich Herzrasen und wurden nervös ob des nicht linearen Handlungsverlaufs. Jedoch mit Abstraktionsvermögen und Interesse für die Kunstform FILM bot dieser Streifen Ansätze, wesentlich mehr als Sonntagabend-Sofa-Butterbrot-Unterhaltung zu sein. Dass so ein Krimi nicht massentauglich ist muss nicht verwundern in einer Gesellschaft, in der Theater, Literatur, Abstraktion Fremdworte geworden sind.
jetzt antwortenKommentar meldenSo einen Schwachsinn hab ich selten gesehen und auch nicht bis zum Schluß durchgehalten.
jetzt antwortenKommentar meldenEtwas übertrieben war das sohon,andererseits passt es gut in die allgemeine Hysterie.Was sollen sich die Autoren auch immer ausdenken damit etwas Neues entsteht das die Welt so dringend braucht.Die sind schon lange mit ihrem Latein am Ende.
jetzt antwortenKommentar meldenJa, bin ganz außer Atem: wirklich schrecklich! Spannender Thriller? da muss ich nur lachen, so einen Quatsch schau ich mir nicht mehr an. Bis ich mir 'nen Sonntagabend noch mal mit Tatort versaue wird eine weile vergehen müssen: da waren mir die 'Sozialarbeiter-Krimis' doch lieber. Tobias ich denke es ist besser diese Geschichten den Amis zu überlassen, die können solche 'Thriller' der untersten Kategorie auf'n Fliesband produzieren. Experiment total misslungen. sorry
jetzt antwortenKommentar meldenGequrlter Quatsch hoch drei.
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