Von Nina Jerzy
Drei Jahre nach dem Ende seiner Profi-Laufbahn hat der Wimbledon-Gewinner kein Problem mit dem Eingeständnis, Drogen genommen und aus Sorge um sein rutschendes Toupet sein erstes Grand-Slam-Finale verloren zu haben.
In seiner Autobiografie Open. Das Selbstporträt, die kürzlich erschienen ist und die er nun in Berlin vorstellte, schreibt der einstige Tennisstar von Depressionen, seiner von Beginn an zum Scheitern verurteilten Kurzehe mit der Schauspielerin Brooke Shields und dem letztendlichen Glück an der Seite der deutschen Tennislegende Steffi Graf, die er Stefanie nennt - oder auch Baby, abhängig von der Umgebung.
Graf hat ihrem Mann zufolge mit den offenherzigen Beichten kein Problem. Die Mutter seiner zwei Kinder sei zwar sehr auf ihre Privatsphäre bedacht. «Sie weiß aber, wie wichtig es mir ist, die Hand nach anderen Menschen auszustrecken», sagte der US-Amerikaner, der mit seiner Lebensgeschichte den Lesern über eigene Krisen hinweghelfen möchte: «Sie ist stolz auf mich.»
Drei Jahre und Tausende von Stunden hat Agassi nach eigenem Bekunden an dem Buch gearbeitet, das er zusammen mit dem Pulitzer-Preisträger J.R. Moehringer (Tender Bar) verfasst hat. Ausgehend von seinem letzten Match bei den US Open 2006 blickt Agassi auf sein Leben zurück: Den Drill durch seinen ehrgeizigen Vater, die Einsamkeit als 13-Jähriger im Tenniscamp von Nick Bollettieri, das er im Nachhinein als bessere Version eines Gefängnislagers beschreibt. Agassi begehrt gegen den Druck auf, wird gerade auch wegen seines rebellischen Auftretens berühmt.
Dass Fans seine exzentrischen Outfits nachahmen, irritiert den jungen Spieler: «Ich kann mir nicht vorstellen, wieso irgendjemand Andre Agassi sein will, weil ich selbst nicht Andre Agassi sein will», schreibt er. Dem extremen Stress begegnet der Mann aus Las Vegas, indem er auf dem Balkon eines Münchner Hotelzimmers Kleider und Schuhe anzündet.
Agassi verspricht in seinem am 9. November erschienenen Buch eine schonungslose Darstellung seines Lebens und meint damit weniger die Beichten über Methamphetamin und sich lichtendes Haupthaar. Deshalb habe er die Biografie nicht Open (Offen) genannt. «Ich lasse Sie buchstäblich so tief in meinen Kopf eindringen, wie es nur irgend geht», versprach Agassi. Das habe viel Mut erfordert. «Dieses Buch ist für mich eine Abbitte», sagte Agassi, der als bislang einziger Tennisspieler alle Grand-Slam-Turniere sowie die Goldmedaille bei Olympischen Spielen gewonnen hat.
1997 war Agassi auf Rang 141 der Weltrangliste abgerutscht, nahm regelmäßig Drogen und war emotional an einem Tiefpunkt angelangt. Damals habe er sich zum ersten Mal bewusst für seinen Sport entschieden und sich wieder an die Spitze zurückgekämpft, sagte Agassi. Mit einem Mal hätten sich auch die anderen Bereiche seines Lebens zum Besseren gewendet. Er habe eine Schule für benachteiligte Jugendliche gebaut, und das Tennis habe ihm seine Frau geschenkt.
Für seine privaten und beruflichen Erfolge musste Agassi nicht nur seelisch einen hohen Preis bezahlen. Wegen seines schlimmen Rückens schlafe er die meisten Nächte auf dem harten Boden, sagte die einstige Nummer eins der Weltrangliste, die in Berlin eine Halskette mit dem aus Buchstabenwürfeln gebildeten Spruch «Daddy rocks» trug. Außerdem benötige er einige Minuten am Morgen, um sich wieder aufzurichten: «Ich bin 39, aber mein Körper ist 79 Jahre alt. Aber das ist okay, ich bin glücklich.»
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