So., 12.02.12

Zukunft der Presse (3) U-Bahn statt Corbusierliege

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann

Artikel vom 10.12.2009

Helikopter gehören heute auch für Geo-Reporter nicht mehr zur Grundausstattung. Ab März 2010 wird es große Veränderungen geben, kündigt Chefredakteur Peter Matthias Gaede an. Schlaflose Nächte dürfte er trotzdem nicht haben.

«Wir sind nicht mehr die Insel der Seeligen», sagt Peter Matthias Gaede tapfer. Gaede ist Chefredakteur der Zeitschrift Geo und plaudert bei seinem Vortrag in der Leipziger Universität zu «Perspektiven des Journalismus» über die goldenen Geo-Zeiten - als man noch mit horrenden Recherchekosten Eindruck bei den Kollegen schinden konnte. Wer sich nicht gleich einen Helikopter mietete, wurde gar nicht erst ernst genommen.

Das ist jetzt natürlich nicht mehr so. Angesichts eines erodierenden Anzeigenmarkts gesteht auch Gaede: «Es wird ungemütlich». Doch im Vergleich zu vielen anderen Chefredakteuren auf dem Zeitschriftenmarkt kann sich Gaede noch recht entspannt zurücklehnen. Geo ist mit 3,3 Millionen Lesern das größte frei verkäufliche Magazin. Mehr Hefte verkauft nur noch der ADAC, das Abo des Autoclubs sei allerdings an die Clubmitgliedschaft gekoppelt, so Gaede.

Der Geo-Chef war am Mittwochabend in die Leipziger Universität gekommen, um die Zukunft des Journalismus auf dem Zeitschriftenmarkt zu beleuchten, nachdem in der Vortragsreihe schon FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher über Tageszeitungen und der Chefredakteur von Spiegel Online, Rüdiger Ditz, über Journalismus im Internet gesprochen hatten.

«Wir müssen kratzbürstiger werden»

Auch wenn Geo auf dem Zeitschriftenmarkt noch vergleichsweise gut dasteht, muss sich auch dieses Flagschiff des Zeitschriftenjournalismus für neue Zeiten rüsten. Für den März des kommenden Jahres kündigt Gaede große Veränderungen im Magazin an. «Wir müssen spitzer und kratzbürstiger werden, wir brauchen kleine hallo-wachs», sagt Gaede und verrät, dass die Magazinmacher künftig stärker auf Kolumnen setzen werden.

Sie reagieren auf eine neue Lesergeneration, die nicht mehr stundenlang in ihrer CorbusierliegeEin Corbusierliege ist eine Lederliege, die der Architekten und Möbeldesigners Le Corbusier entworfen hat. liegt, um im Geo-Heft zu blättern, sondern gestresst in der U-Bahn hocken. Dort ist es schwer, sie für seitenlange Reportagen zu begeistern. Auch Geo muss wohl oder übel kürzer und knackiger werden.

Die zunehmende Unkonzentriertheit der Leser macht Geo zu schaffen und beschert dem Vorzeigeblatt empfindliche Einbrüche in den Abozahlen. Was in den 1970er Jahren mit dem Anspruch begann, dem Leser eine «Reise im Kopf» zu bieten, wird künftig zum Kurztrip. Aber einen Hoffnungsschimmer gibt es für Journalisten, die sich gern seitenlang ausbreiten: «Wir bei Geo sind froh, dass es die Frauen gibt, die neigen nämlich mehr zur Belletristik», sagt Gaede.

Schutzräume für Kreative

Unter den veränderten Vorzeichen der Medienkrise müssen auch kreative Journalisten ökonomischer denken. Dennoch warnt der Geo-Chefredakteur davor, kreative Köpfe zu verheizen. Auf Kreative, die für ihre Aufgabe brennen, könne der Journalismus nicht verzichten, warnt Gaede und plädiert dafür, Schutzräume für sie zu schaffen.

Und selbst in düsteren Zeiten sieht das Gruner+Jahr-Magazin Licht am Horizont. Geo, einst von Spiegel-Kollegen als «Erdkunde-Magazin» verspottet, ist besonders mit Auskopplungen wie Geolino, Geo Wissen oder Geo Epoche erfolgreich. Das hat auch der Spiegel erkannt und macht Geo mittlerweile in diesen Segmenten mit Titeln wie Dein Spiegel oder Spiegel Geschichte Konkurrenz. «An Geolino ergötzen wir uns, das wirkt wie ein Antidepressivum», freut sich Gaede. Mit mehr als 260.000 Abos ist das Heft für Kinder erfolgreicher als die Bravo und Micky Maus zusammen, rechnet er vor.

Im Onlinebereich gibt es weniger Anlass zum Feiern: Geo.de ist noch ein «ganz kleines Pflänzchen», gesteht Gaede. Das liege in erster Linie daran, dass es bei Gruner + Jahr an Phantasie fehle, wie mit einem Onlinemedium Geld verdient werden kann. Besonders begeistert ist er vom Onlinejournalismus ohnehin nicht. «Wir werden weiterhin Erfahrungen sammeln, statt Meinungen zu ventilieren», verspricht er und übt sich im Optimismus: «Es wird weniger Printmedien geben, aber es wird sie geben.» Keine Frage, dass Gaede glaubt, dass Geo zu den Überlebenden gehören wird.

Der Vortrag von Peter Matthias Gaede war Teil 3 einer Ringvorlesung der Leipziger Universität. Es folgen Termine mit Georg Mascolo, Chefredakteur des Spiegel (13.1.2010), dem Verleger Konstantin Neven DuMont (20.1.2010) und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (angefragt, Februar 2010).

voc/news.de
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Zukunft der Presse (3): U-Bahn statt Corbusierliege » Medien » Nachrichten

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Leserkommentare (2)
  • Kommentar: 2
  • 10.12.2009 22:26
von
Mine
Antwort auf Kommentar 1

Genau aus diesen Grund habe ich mein Abo aufgegeben . Die Hefte die ich habe werde ich gesammt der Bücherei Vermachen .

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  • Kommentar: 1
  • 10.12.2009 12:29
von
Remmele

Vielleicht sind die Einbrüche bei den Abozahlen auch mit der zunehmend aufdringlichen Werbung -fest in das Heft eingebunden- zu erklären. Mich nervt das jedenfalls so sehr, dass ich nach vielen Jahren mein Abo aufgeben werde. Das ansonsten hervorragend aufgemachte Heft ist eigentlich wert gesammelt zu werden. Ich habe jedoch absolut keine Lust seitenweise Werbung zu archivieren und Rausreißen zerstört das Heft!

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