So., 27.05.12

Literatur im Nachtclub 07.12.2009 «Ich bin total geflasht»

Lauschen in Club-Atmosphäre: der literarische Nachtclub in Berlin. (Foto)
Lauschen in Club-Atmosphäre: der literarische Nachtclub in Berlin. Bild: news.de

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann, Berlin

Die Literatur geht aus: In Berlin hat ein literarischer Nachtclub eröffnet. Der reicht Lesungshäppchen zu Clubsounds und dramatischer Beleuchtung. Eigentlich eine gute Idee - wenn nur das Gequassel an der Bar nicht wäre.

Bässe wummern, dass der Putz bröckelt. Orangerotes Licht lullt rohe Betonwände gnädig ein. Der DJ klemmt sich den Kopfhörer zwischen Ohr und Schulter. Zwischen dem aufgeregt plaudernden, gut frisierten Berlin-Mitte-Volk: Ein Herr mit weißem Haar, vertieft in eine Verlagsbroschüre. An der Bar: Ein bebrilltes Ehepaar in kamelhaarfarbenen Mänteln und Pashimaschals – sie diskutieren über Literatur. An der Garderobe: Eine dünne Frau mit aschblondem Bubikopf und Hornbrille. Unter ihrem Arm trägt sie ein Buch.

Was auf den ersten Blick aussieht, wie eine typische Berliner Clubnacht, ist eine Verlagsveranstaltung. In den Räumen des Berliner Szeneclubs WMF gibt es jetzt einen literarischen Nachtclub. In schrammeligem Ambiente, zu Beats und Diskolicht werden kleine Lesungshäppchen gereicht. Veranstalter sind der Blumenbar Verlag und der Berlin Verlag in Kooperation mit dem Maxim-Gorki-Theater und dem WMF. Am Donnerstagabend war die Eröffnung, künftig soll der literarische Nachtclub regelmäßig, einmal im Monat stattfinden.

«Ich bin total geflasht», ruft Blumenbar-Verleger Wolfgang Farkas zur Eröffnung ins Mikrophon. Etwa 450 Menschen sind gekommen, um den ersten Abend des literatischen Nachtclubs zu erleben. In den heiligen Hallen der Berliner Clubkultur sammelt sich das «Who is who» der jungen Literaturszene. Nachwuchsschauspieler mit avantgardistischen Fellmützen treffen auf nervöse Einzelgänger in Pullundern. Dazwischen stöckelt eine dunkelhaarige Schönheit in einem funkelnden Paillettenkleid zur Bar. Wer im WMF ein- und ausgeht, wird ganz genau beobachtet. Über Weingläser und Bierflaschen hinweg huschen die Augen hin und her, während sich die Betrachter betont lässig auf den Sitzkissen lümmeln. Wer es lieber klassisch mag, nimmt auf einem der Hartschalenstühle Platz.

Ein DJ pustet die Ohren durch

Viele, die offenkundig keine geübten Clubgänger sind, rutschen etwas verschreckt auf den Stühlen hin und her, während der DJ ihnen die Ohren durchpustet. In wenigen Minuten soll die Lesung beginnen: Als Hauptact sind auf der Einladungskarte Alexander Schimmelbusch mit seinem Buch Blut im Wasser und Leif Randt mit Leuchtturm angekündigt. Der zweite Teil des Abends ist Texten und Liedern Leonard Cohens gewidmet.

Der literarische Nachtclub setzt einen neuen Akzent in einer Entwicklung, die immer mehr Gewicht bekommt: Literatur als multimediales Erlebnis. Statt schnöder Lesungen mit Schulaula-Charme und Wasserglas, bekommt die Literatur buntes Beiwerk. Auch auf der Frankfurter Buchmesse geht es längst nicht mehr nur um das Buch: Es wird jetzt auch gekocht und das schönste Mangakostüm gekürt. Menschen treffen sich zu Poetry-Slams, prügeln sich um Karten für Livelesungen des Hörspiels Die drei ??? oder lauschen Thomas Manns Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull unterm Planetarium-Sternenhimmel. Orientalische Menüs werden zu Märchen aus Tausend und einer Nacht verputzt. Die Gefahr ist allerdings, dass die Literatur dabei zu kurz kommt.

«Wenn auf der Buchmesse gekocht wird, geht das in den Bereich des Marketing. Beim literarischen Nachtclub ist das anders. Hier ist die Lesung für sich ein Wert», sagt Farkas. Es gehe ihm darum, Literatur mit dem Leben zu vereinen. «Vielleicht ist es das, was die Menschen als Gegengewicht zur Digitalisierung wollen: Der echte Moment des real lesenden Autors, ein Erlebnis, das nicht kopierbar ist», sagt der Blumenbar-Verleger.

«Das ist ja wie im Kindergarten»

Schön ist, dass sich dabei so viele Generationen treffen. Auch die Idee, Literatur mit Clubkultur zu verbinden, ist eine tolle Sache. Doch was gut gedacht ist, funktioniert im literarischen Nachtclub leider nur bedingt: An der Bar wird ohne Unterlass gequasselt. Die Hintergrundgeräusche sind so dominant, dass es selbst in den vordersten Reihen schwer fällt, den Autoren zu folgen. Die Zuhörer senken die Köpfe, mustern den speckigen Boden und recken ein Ohr in die Richtung, wo der Autor sitzt und liest. Viele verlassen frustriert und vorzeitig die Lesung. «Die sollen doch mit dem Quatschen bis zur Disko warten. Das ist ja wie im Kindergarten. Den Autoren gegenüber ist das sehr unfair», sagen zwei Damen echauffierend, während sie an der Garderobe resolut nach ihren Jacken greifen.

Leif Randt liest gerade aus seinem Buch Leuchtspielhaus. Seine Sprache ist glasklar, fast schon bürokratisch. Jedes Wort sitzt wie ein Dartpfeil in der Pressspanplatte. «Unsere Gesichter riechen nach Lichtschutzfaktor 20», liest er, untermalt von Gemurmel.

Wolfgang Farkas mahnt die Quasselstrippen mehrmals zur Ruhe, aber nach einer erschrockenen Pause flutet das Gemurmel schwallartig den Raum - bis den ersten Literaturfreunden der Kragen platzt: «Shhhht!», zischt es immer wieder bedrohlich. «Der Reiz ist, dass wir einen Ort geschaffen haben, wo nicht absolute Stille herrschen muss», fasst Farkas den Abend zusammen. Für den nächsten literarischen Nachtclub werde es allerdings noch etwas «Tuning» in Sachen Akustik geben. «Bis dahin müssen wir überlegen, ob wir die Bar eventuell etwas abseits aufbauen», überlegt er.

Strotoskopgewitter und Kitsch

«Mich hat es beim Lesen nicht gestört, dass an der Bar geredet wurde», sagt Autor Leif Randt. Obwohl ihm der Titel der Veranstaltung (Hardcover. Literarischer Nachtclub) etwas muffig vorkommt, ist er angenehm überrascht, dass eine Lesung ohne die «trockene, angestrengte Situation» funktioniert. «Ich habe aber auch nichts gegen klassische Formen. Die Präsentation muss Sinn machen. Ein aufgesetztes Stroboskopgewitter ist Kitsch», sagt er.

Die Schnitte zwischen Lesung und dem clubbigen Sound in der Pause sind hart. Der Umschwung vom stillen, reflektiven Moment der Lesung zu den wummernden Beats holpert wie in einem Musical. Die bayrischen Landtagsabgeordneten Heidi Wright und Harald Schneider stört das nicht. Für sie ist die Veranstaltung ein Abenteuer. Sie sind aus Bayern nach Berlin gereist und gönnen sich am Abend Berliner Literaturclubluft. «Wir würden durchaus noch einmal hingehen», sagt Heidi Wright fröhlich.

Der einzige, der dem Gequassel an der Bar etwas entgegen zu setzen hat, ist der Autor Franz Dobler. Seine Lesung bricht wie ein Gewitter über die Zuhörer herein: «Und an die Leute, die da die ganze Zeit reden: Ihr könnt euch verpissen!», donnert er. Missmutig war er bis dahin im Publikum umhergeschlichen, eine Cohen-Platte unter dem Arm. Jetzt entlädt sich, was er bis dahin aufgesammelt hat. Er stampft und brüllt, wiegt seinen Körper hin und her, die Blätter, von denen er die Leonard-Cohen-Gedichte abliest, segeln auf die Bühne. In vollendeter Bukowski-Pose - zerknautschter Anzug, ein Bier in der Hand, Kippe im Mundwinkel - poltert Dobler auf der Bühne und den Menschen an der Bar hat es zum ersten Mal an diesem Abend die Sprache verschlagen.

bjm/news.de
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