Sender von Abschaltung bedroht
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Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
31 Bürgerradios produzieren in Deutschland ihre werbefreie Alternative zum kommerziellen Radiomarkt. Die Politik fördert die Beteiligung der Bürger an der Medienlandschaft – außer in Sachsen. Hier droht den freien Radios Funkstille.
Jetzt geht es gegen die Radios! Dabei gibt es so schlechte Fernsehprogramme. Die Sender, die die produzieren sollten abgeschaltet werden. Zum Beispiel ARD, ZDF, RTL, SAT1...
Die Fenster des Redaktionsraums von Radio Blau sind beschlagen. Ein schmaler Gang schlängelt sich gerade so durch das kleine Zimmer. Und immer weiter werden Klappstühle herangeschafft, die letzten Quadratmeter besetzt. Menschen hocken auf den Fensterbrettern, lehnen im Türrahmen. «Eigentlich treffen wir uns nur einmal im Monat in dieser Stärke», sagt Susanne Leupold. «Aber in diesen Tagen kommen wir jede Woche zusammen.» Denn Radio Blau fürchtet um seine Existenz.
Zusammen mit den anderen freien Radios des Landes, Radio T in Chemnitz und Coloradio in Dresden, bespielen die Leipziger je 49 Stunden in der Woche die Frequenz des Klassiksenders Apollo. Bisher haben dessen Betreiber auch die Sende- und Leitungskosten der freien Radios bezahlt. Ende des Jahres läuft die Vereinbarung aus, die einst als Anschubfinanzierung für die freien Radios gedacht war. Die Übernahme der 40.000 Euro hat Apollo schon im Oktober gekündigt. Trotzdem wird ab 1. Januar zur Radio-Blau-Sendezeit nicht nur Rauschen zu hören sein, kündigt Pressesprecherin Leupold an. «Wir senden in jedem Fall weiter.» Die Rechnungen wollen die Radiomacher an die Sächsische Landesmedienanstalt (SLM) weiterleiten.
Obwohl zwischen Radio Blau und der SLM nur 20 Minuten Fußweg liegen, kam von hier bisher wenig Unterstützung. Das hat einen einfachen Grund, meint Geschäftsführer Martin Deitenbeck: Die SLM habe wiederholt angeboten, zwischen den freien Radios und den Betreibern von Apollo zu vermitteln. «Dieses Angebot ist noch nicht nachgefragt worden.» Ein Satz, über den Leupold sich aufregt. «Man muss die doch nicht extra einladen, die können ihre Moderatorenrolle auch so wahrnehmen.» Schließlich ist die SLM nicht nur Lizenzgeber von Apollo und den freien Radios. Sie war es auch, die zum Sendestart der freien Radios Mitte der 1990er Jahre vier Stunden wöchentliches Programm finanziert hat und diesen Anteil bis heute übernimmt.
Abschaltung von Apollo «Worst Case»
Die meisten Kosten jedoch tragen die Betreiber von Apollo, dem «Retortenradio der sächsischen Privatsender», wie Leupold es nennt. Sie meint, was viele denken: dass Radio PSR und R.SA, Hitradio RTL und Energy Sachsen den Klassiksender eigentlich nur aus einem Grund betreiben: um die UKW-Frequenz zu besetzen und Konkurrenz vom sächsischen Radiomarkt fernzuhalten. Konkurrenz, das wären zum Beispiel die Berliner von Motor FM gewesen, die 2004 starkes Interesse am sächsischen Markt, konkret an der Frequenz hatten, die letztlich Apollo bekam.
Sender wie Motor FM, die von vornherein privatwirtschaftlich organisiert sind, hätten sich allerdings gar nicht auf das Bereitstellen so großzügiger Fenster und damit die Reduzierung der Zeit, in der sie eigene Werbung schalten können, eingelassen, meint Nico Nickel. Er ist Pressesprecher von PSR und Energy Sachsen und hat verglichen mit seiner Kollegin vom freien Radio eigentlich das größere Problem: PSR und Energy stecken mitten in der Werbekrise - und der Betrieb von Apollo schlägt sich zusätzlich negativ in der Bilanz nieder. Dennoch haben die Sender Interesse daran, Apollo weiterzubetreiben. Die Komplettabschaltung des Senders sei der «Worst Case», sagt Nickel. Die schlimmste und letzte Lösung, die nur in Betracht käme, sollten alle Bemühungen, die Kosten zu senken, langfristig scheitern.
Schließlich könnte der Vorwurf dann auch lauten: Erst besetzen die Sender die Frequenz und schirmen sie vor der Konkurrenz ab, nur, um auf den richtigen Moment zu warten, Apollo abzustoßen. Denn 2014 wird die UKW-Ausstrahlung in Sachsen nach jetziger Lage beendet, frei werdende Frequenzen schreibt die SLM wegen dieser kurzen Zeit nicht mehr aus. Würde Apollo seine Lizenz jetzt zurückgeben und die Frequenz frei machen, müssten die sächsischen Privatradios also keine Konkurrenz mehr fürchten.
Freie Radios halten an UKW-Ausstrahlung fest
Apollo hat den freien Radios für die Zeit nach dem 31. Dezember 2009 inzwischen zwei Angebote gemacht: Wenn die Bürgersender auf einen Teil ihrer UKW-Zeit verzichten und erst am späten Abend senden, finanzieren die sächsischen Privatradios die UKW-Zeiten, das Webstreaming der Sender und bieten an, sie bei PSR oder Energy Sachsen zu bewerben. Auf einer Versammlung gestern gab es dann noch ein weiteres Angebot: Senden die Bürgerradios erst ab 21 Uhr, übernimmt Apollo weiterhin die Kosten für die vollen 49 Stunden Sendezeit pro Woche. Dieses Angebot ist allerdings befristet auf ein Jahr.
So oder so: In den frei werdenden Flächen will Apollo eigenes Programm machen. «Die große Hoffnung ist, dass wir Apollo so besser vermarkten und den Teil der enormen Kosten refinanzieren können.» Auch wenn die Zeit am Abend für den Werbemarkt im Radio bei weitem nicht die Bedeutung hat wie beispielsweise die Zeit zwischen sechs und zehn Uhr, würde ab 18 Uhr Werbung geschalten und Geld verdient, sagt Nickel. Allerdings refinanziert Apollo bisher schon nur etwa zehn Prozent der Kosten über Werbung.
Für Susanne Leupold von Radio Blau sind die Angebote, die Apollo gemacht hat, überhaupt gar keine. «Konzeptlos» sei die Sitzung im November gewesen, sagt sie nur knapp. «Inakzeptabel» schmetterte der Rechtsanwalt der freien Radios das neue Angebot ab, das gestern unterbreitet wurde.
Radio Blau will behalten, was es bisher hat - auch die teuren UKW-Frequenzen. Von dem Vorschlag, der ebenfalls im Raum steht, größtenteils oder gar ganz über Internet empfangbar zu sein, hält Leupold nicht viel. Die Motivation, nur im Internet zu senden, sei unter den Moderatoren gering. Außerdem gehe es um Zugangsmöglichkeiten, sagt sie. «Nicht alle haben eine starke Internetleistung. Aber jeder hat irgendwo ein Küchenradio stehen.»
Freie Radios: Regelung in Sachsen einmalig in der Republik
Nur 50 Kilometer vom Radio-Blau-Sendestudio in der Leipziger Innenstadt entfernt herrschen für Leupold nahezu paradiesische Zustände: Der Bürgersender Radio Corax sendet in Halle ein 24-stündiges Vollprogramm, vollfinanziert von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt. Das Paradies allerdings liegt nicht nur in der direkten Nachbarschaft: Sachsen ist überhaupt das einzige Bundesland, in dem die freien Radios nicht vom Land, sondern von der Privatwirtschaft getragen werden. Radio Blau will daher eine GesetzesänderungDer betreffende Passus im Sächsischen Privatrundfunkgesetz lautet: «Die Landesanstalt kann Offene Kanäle und Formen der nichtkommerziellen Veranstaltung von lokalem und regionalem Rundfunk ermöglichen.» Radio Blau schlägt vor, diesen Satz zum Beispiel durch das Wort «fördern» zu ergänzen, um den Fortbestand der Bürgerradios gesetzlich festzuschreiben., die auch die Landesmedienanstalt in Sachsen verpflichtet, für den Fortbestand der freien Radios zu sorgen.
Deren Geschäftsführer Martin Deitenbeck sieht sein Institut dennoch nicht in der Pflicht «Wir sind nicht Gesetzgeber. Da muss man sich die politischen Mehrheiten in Dresden suchen», sagt er. Die Politik in Sachsen habe einen anderen Weg gewählt, als die restlichen Bundesländer und: «Es gibt vernünftige Gründe, das so zu machen.» Statt der Bürgerradios, fördert die SLM die Sächsischen Ausbildungs- und Erprobungskanäle mit 1,6 Millionen Euro jährlich
Das hält Susanne Leupold für eine Ausrede und glaubt, dass eine Förderung der freien Radios in Sachsen politisch nicht gewünscht ist. Deshalb wird Radio Blau am Mittwoch vor dem sächsischen Landtag demonstrieren. Drinnen wird es in einer von der Opposition beantragten aktuellen Stunde um die Zukunft der Bürgerradios gehen – wieder einmal. Denn eine Änderung des Sächsischen Privatrundfunkgesetz zugunsten der freien Sender war schon mehrmals im Gespräch. Bisher sind die Bemühungen jedoch immer wirkungslos verpufft.
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Leserkommentare (3)
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jetzt antworten Kommentar meldenHallo Sefan! Danke für die Hinweise. Ich werde das nachprüfen und ggf. ändern.
jetzt antworten Kommentar meldenDanke für den ausführlichen Artikel! Allerdings gibt es bei Radio CORAX in Halle keinen hauptamtlichen Vorstand. Finanziert werden allerdings von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt (aus Rundfunkgebühren) u. a. die Sende- und Leitungskosten und vier Halbtags-Stellen. Das erscheint im Vergleich zur Situation in Sachsen sicher paradiesisch. Allerdings ist auch das viel zu wenig und es gibt einen weitaus höheren Bedarf um CORAX aufrecht erhalten zu können. Und die Diskussion im Landtag heute kommt nicht nur auf Antrag der Grünen zustande, sondern auch durch SPD und Linke.
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