Literatur im Nachtclub Keine Wasserglaslesung

Jenseits trockener Lesungen: Literatur wird in einem Nachtclub gefeiert. Im Interview mit news.de freut sich der Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller über kreative Lesungen, mahnt aber auch an, dass der literarische Text im Vordergrund stehen sollte.

Imre Török (Foto)
Der Autor und Journalist Imre Török ist in Ungarn geboren und aufgewachsen. Bild: Imre Török

In Berlin hat gestern ein literarischer Nachtclub eröffnet: Mit kurzen Lesungshäppchen, DJs, Clubatmosphäre und Tanzfläche. Was halten Sie davon?

Török: Ganz grundsätzlich meine ich, dass man Literatur nicht puristisch denken sollte. Literatur muss und darf nicht nur als Text zwischen zwei Buchdeckeln begriffen werden oder als Wasserglaslesung, bei der ein Autor nur vorträgt und dann wieder entschwindet. Über die Einzelheiten kann man sehr geteilter Meinung sein. Das kommt auf die Umgebung an und ob der literarische Text im Vordergrund steht oder nur als Beigabe verstanden wird – das spielt für mich eine große Rolle. Und wenn Sie von Lesungshäppchen sprechen, dann begreife ich das nicht als eine originär literarische Veranstaltung, sondern da spielt die Literatur eher im Hintergrund eine Rolle. Das finde ich aus der Autorenperspektive eher befremdlich und schade.

Literatur war eigentlich etwas, das man bislang privat und allein genossen oder auf Podien diskutiert hat. Was bedeutet es für die Literatur, wenn sie plötzlich mit Videos, Clubsounds und Diskolicht gefüttert wird?

Török: Es kann ein große Bereicherung sein, wenn der literarische Text im Vordergrund steht. Wenn ich zum Beispiel Lesungen mache und dabei die Störfaktoren zu groß sind - wenn im Hintergrund gequatscht wird und Musik läuft - stört das den Text und dann fühle ich mich unwohl. Ich finde, dass der Text dann nicht die richtige Würdigung bekommt.
Darüber hinaus gibt es ja schon seit langem viele Clubs und Treffen von literarisch Interessierten, die ein Buch gemeinsam lesen und im Anschluss darüber sprechen und diskutieren. Darin sehe ich eine Bereicherung für die Literatur. Bei einer literarischen Lesung geht es ja auch darum, dass die Leser nicht nur den Text lesen möchten, sondern auch die Stimme des Autors hören und seine Stimmung spüren wollen. Und bei einer solchen Veranstaltung gibt es die Möglichkeit, Fragen zu stellen und zu diskutieren.

Einer der Veranstalter des literarischen Nachtclubs, Wolfgang Farkas, sagt, er habe die Veranstaltung eingeführt, um Literatur und Leben zusammenzubringen. Ist denn die Literatur so lebensfern, dass man das so forcieren muss?

Török: Literatur ist überhaupt nicht lebensfern. Es gibt tausende Bücher die sehr lebensnah sind. Aber es ist zunächst einmal ein sehr interessantes Experiment, dass die Literatur so einen Weg beschreitet und dass man so an neue Leserschichten herankommt. In einer crossmedialen Herangehensweise sehe ich gar keine Beeinträchtigung der Literatur und ihrer Qualität.
Einen crossmedialen Zugang gab es schon im Altertum: Literatur, Theater und Sport wurden bei den Olympischen Spielen gemeinsam genossen. Natürlich gibt es die Gefahr, wenn Videos, Musik, Sound, DJs und was weiß ich noch alles zusammen kommen, dass dabei die eigentlichen Qualitäten der Literatur in den Hintergrund treten. Aus der Sicht eines Autors sollen und müssen die Aussage und die ästhetische Wirkung des Textes im Vordergrund stehen.

Muss man sich als Literaturbetrieb solchen neuen Ansätzen öffnen, um damit noch Leser gewinnen zu können?

Török: Nein, von «muss» kann keine Rede sein. Es kann interessant und schön sein, aber das literarische Buch und die literarische Lesung haben nach wie vor ein Gewicht und zwar ist das so stark, dass davon eine sehr sehr große Zahl an Lesern angesprochen werden.

Es gibt ja nicht nur den literarischen Nachtclub, auch auf der Frankfurter Buchmesse wird jetzt gekocht oder Mädchen laufen in Mangakostümen herum. Was glauben Sie, warum entwickeln sich solche Events gerade jetzt? Was sagt uns das über die Gegenwart und den Zustand der Literatur?

Török: Zum Teil ist das einfach eine Modeerscheinung. Es ist Experimentierlust dabei, es sind vielleicht auch Vermarktungsüberlegungen dabei. Unter Umständen spielt auch eine große Rolle, dass die neuen Medien für die Geschmacksbildung, die Wahrnehmung von Wirklichkeit eine sehr große Bedeutung gewonnen haben. Nach Film, Rundfunk und Fernsehen gibt es jetzt die Digitalisierung und das Internet. Dass die Literatur befähigt ist, mit diesen neuen Medien umzugehen und in Verbindung zu treten, spricht für die Qualität von Literatur und ihre Wandlungsfähigkeit.

Sehen Sie eine Verbindung zum E-Book, in Bezug auf die crossmediale Herangehensweise? Ist das etwas, von dem der Literaturbetrieb profitieren kann?

Török: Also, ich sehe eine Verbindung zu der Entwicklung, dass Literatur in Nachtclubs bei Discolight auftritt. Ein E-Book ist lediglich eine andere Darreichungsform. Zwischen dem gedruckten Buch und dem E-Book liegt eher ein technischer Unterschied, aber es hat nichts mit dem Auftreten von Literatur in Kombination mit diversen anderen Medien zu tun.

Aber es gibt ja grundsätzlich beim E-Book auch die Möglichkeit, Videos einzuspielen, Musik und Bilder mit aufzunehmen.

Török: Das wird sicherlich mit der Zeit auch kommen. Aber ein bebildertes, gedrucktes Buch gibt es ja auch schon seit langem. Natürlich eröffnen sich mit dem Internetzeitalter, mit der Digitalisierung noch viele ganz neue Möglichkeiten, die wir uns heute noch kaum vorstellen können.

Wie weit muss man sich den Gewohnheiten neuer Generationen anpassen? Muss Literatur schnell konsumierbar, bunt und stylish werden, wenn sie sich in Zukunft verkaufen will?

Török: Ich denke, dass es gut ist, wenn man einige Schritte auf die Gewohnheiten einer Generation zugeht, wenn man auf neue Lesegewohnheiten Rücksicht nimmt. Das schadet überhaupt nicht dem, was der Autor in seinem stillen Kämmerlein zu Papier bringt – oder heute in den Computer tippt. Dort entstehen die Ideen, dort entsteht der Kern dessen, was wir Literatur nennen. Wie ich dann damit auf neue Leserschichten zugehe, die mit verschiedenen Medien schon von Kindesbeinen an umgeht und andere Lesegewohnheiten entwickelt, als vor 20 oder 30 Jahren, bleibt dem jeweiligen Autoren überlassen. Ich sehe zunächst erstmal darin keine Gefahr, sondern eine interessante neue Möglichkeit, Literatur auch einer neuen Generation zu vermitteln.

Imre Török ist der Bundesvorsitzende des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Der 59-jährige Autor, Journalist, Dozent und Ghostwriter ist in Ungarn geboren und aufgewachsen. Als Jugendlicher floh er nach Deutschland. Török hat Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen studiert und war Schüler von Ernst Bloch.

voc/news.de

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