Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
Geborgte Geschichte, geliehene Gefühle – Falsches Leben, der aktuelle Fall des Leipziger Duos Saalfeld und Keppler, wirbelt den Staub der 1968 von der SED gesprengten Paulinerkirche auf. Wenn sich die Wolke verzogen hat, bleibt nicht viel mehr als heiße Luft.
«Es lastet auf dieser Zeit der Fluch der Mittelmäßigkeit», erkannte vor ein paar Jahrzehnten Kurt Tucholsky. Die Mittelmäßigkeit ist geblieben. Und sie wird unerträglicher. Leider findet sie ihren Platz immer öfter auch im Tatort. Ganz selten erhebt sich ein Fall über die Wonnen der Gewöhnlichkeit. Die besten Tatorte setzen Themen, bevor sie auf breiter Basis diskutiert werden. Mittlerweile hinken die meisten Fälle der Zeit hinterher. Da gilt auch nicht die Entschuldigung, dass sich Entscheidungsprozesse in Fernsehanstalten oft quälend lange hinziehen.
Falsches Leben sieht aus wie ein Tatort, bei dem der zuständige MDR-Redakteur am Drehbuch mitgeschrieben hat. Am Sonntag der Erst-Ausstrahlung findet im wiedererrichteten Paulinum der erste Gottesdienst nach der Zerstörung der Kirche statt. Der thematisch passende Krimi beginnt mit einer Brandstiftung. Ein Jugendzentrum wird abgefackelt. In den verkohlten Trümmern, zwischen den Pappmaché-Kulissen einer Theateraufführung von Romeo und Julia, findet die Polizei einen Toten. Ulf Meinert wurde offensichtlich umgebracht, als er den Zündler bei seinem Werk ertappte.
In der wahrscheinlich lächerlichsten Szene des Films steht Hauptkommissar Keppler (Martin Wuttke) auf einer Empore und blickt auf die Trümmerlandschaft. Neben ihm, auf dem Geländer, hockt ein Rabe. Der Galgenvogel krächzt vor sich hin, macht die Flatter und frisst schließlich Papiere aus einem silbernen Aktenkoffer. Keppler hetzt dem Tier hinterher und bricht dabei mit einem Bein durch den morschen Boden. Unter den Dielen kramt er eine goldene Rose hervor. Wie sich später herausstellt, stammt sie aus einem Grab in der Paulinerkirche. Eigentümer des Hauses ist nämlich der Kunsthändler Kleeberg (Dieter Mann), der hier einst sei Lager hatte.
Zu DDR-Zeiten verhökerte Kleeberg im Auftrag der Stasi Antiquitäten in den Westen. Auch Preziosen aus der zerstörten Kirche. Doch jetzt ist Kleebergs Firma pleite. Er braucht Geld und das Grundstück, das er vor ein paar Jahren billig an das Jugendzentrum verpachtet hatte. Rausklagen kann er seine Mieter nicht. Der Vertrag läuft noch ein paar Jahre. In so einem Fall müsste man schon nachhelfen. Warum nicht mit ein bisschen Brandstiftung?
Während sich Keppler um Kleeberg und dessen Tochter Nadja (Lavinia Wilson) kümmert, verfolgt Eva Saalfeld eine weitere heiße Spur. Sie führt zu Problem-Kid Mischa (Sergej Moya) und seinem Mentor Norbert Zirner (Volkmar Kleinert), einem ehemaligen Polizisten und Kollegen von Evas verstorbenem Vater. Weiterhin irrlichtert noch Thekla Carola Wied als Kunsthistorikerin Hannah Wessels durch den Film. Der Tote war ihr Sohn. Und auch sie verbindet eine dunkle Geschichte mit der Paulinerkirche. Als junge Studentin demonstrierte sie gegen die Sprengung, wurde verhaftet, beim Verhör misshandelt und schließlich inhaftiert. Ihr Kind wurde ihr weggenommen und landete im Heim.
Falsches Leben (Regie: Hajo Gies, Buch: Andreas Pflüger) nimmt sich die ganz großen Themen vor: SED-Willkür, Kulturbarbarei, Zwangsadoptionen, Schuld und Sühne. Viel zu viel für einen Film, der darüber hinaus auch noch einen Kriminalfall erzählen muss. Charaktere wie der ehemalige Stasi-Mann Zirner bleiben notgedrungen blass, erhalten kaum ein Profil. Schlimmer noch: Wirkliche Spannung kann durch die vielen Nebenstränge, die abgearbeitet werden müssen, kaum aufkommen.
Am ärgerlichsten ist aber, dass auch im siebten Fall des Duos Saalfeld/Keppler das Potenzial dieser Konstellation nicht ausgeschöpft wird. Dass Saalfeld und Keppler einmal verheiratet waren, sogar ein Kind miteinander hatten, will man nach diesem Tatort und einigen dümmlichen Wortgefechten der beiden über Parfum und das fortschreitende Alter (Er: «Die Rose ist richtig alt.» Sie: «So wie du») weniger denn je glauben.
Tatort: Falsches Leben, Sonntag, 6.12., 20.15 Uhr, Das Erste.
voc/news.de