Stadtblatt mit Weltruf
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Vor allen Dingen wirkt das Magazin klassisch, aber nicht verstaubt, man weiß mit der Zeit zu gehen. Im Juni dieses Jahres etwa brachte der Verlag – der New Yorker gehört heute zum Medienimperium von Condé Nast – die erste Ausgabe heraus, deren Cover von einem Künstler mit den Fingern auf dem iPhone gemalt worden war. Zeichner Jorge Colombo, der bereits seit 1994 für das Blatt tätig ist, sah darin fast nur Vorteile: Mit seinem modernen Hilfsmittel könne er erstens im Dunkeln zeichnen und zweitens unbemerkt in der Öffentlichkeit. Die meisten Menschen nähmen an, er lese seine E-Mails.
Andere Cover sorgten nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch für Aufsehen: Im Juli 2008 zeigte die Titel-Karikatur den US-Präsidenten Barack Obama als Muslim mit Turban, seine Frau Michelle in Uniform mit Afro-Frisur und Maschinengewehr über der Schulter, während hinter ihnen die Flagge der Vereinigten Staaten verbrennt. Die Demokraten waren gar nicht erfreut, dabei habe man damit, so rechtfertigte sich der New Yorker seinerzeit, eigentlich nur die Vorbehalte der Rechten gegen Obama darstellen wollen, die ihn als heimlichen Muslim und seine Frau als militante schwarze Bürgerrechtlerin sähen.
Die Redaktion zumindest hat sich nicht einschüchtern lassen. Anfang 2009, kurz vor der Vereidigung des Präsidenten, musste der schon wieder als «Cover-Girl» herhalten, dieses Mal in einer fast schon puristischen Szenerie, auf dem Weg ins Weiße Haus, links neben ihm eine Spur roter Blätter auf dem Boden, rechts eine Spur blauer, und Obama mittendrin, auf weißen, man könnte auch sagen, farblosen Wegen, weder als Vertreter der Demokraten, noch als Vertreter der Republikaner. Ein Mann der Mitte, so sah ihn der Zeichner.
Doch auch die Cartoons, die sich im Magazin selbst finden, sind legendär. So legendär, dass sich die Redaktion vor vier Jahren entschied, alle bis dahin erschienenen knapp 70.000 Zeichnungen in ein Buch zu packen. Herausgekommen ist ein Wälzer von fünf Kilo Lebendgewicht, erweitert um zwei CDs.
Ein Magazin mit Traumwerten
All diese Eigenarten machen den New Yorker zu einer der erfolgreichsten Zeitschriften der Welt, ablesbar nicht nur an der Auflage von gut einer Million Exemplaren, sondern vor allem an der sogenannten «renewal rate», der Anzahl der Leser, die ihr Abo Jahr für Jahr verlängern: Sie liegt nach Angaben des Audit Bureau of Circulations, das in den USA die Auflagenhöhe von Medien misst, bei 85 Prozent. Und der durchschnittliche Leser verbringt laut dem Analysebüro Mediamark 81 Minuten mit seinem Exemplar. Werte, von denen andere Medien nur träumen können.
Doch hinter der glänzenden Fassade herrscht nicht immer heile Welt. Lange etwa musste der New Yorker ohne eigenen Internetauftritt auskommen, galt Condé Nast doch bis weit ins neue Jahrtausend als Online-Muffel unter den Branchengrößen. Als das Magazin dann 2001 endlich seine eigene Homepage bekam, war man jedoch in der Redaktion noch lange nicht gut zu sprechen auf den Mutterkonzern. «Keine Strategie ist auch eine Strategie», zitierte der Spiegel einige New-Yorker-Insider. «Sei geizig und hoffe das Beste», orakelte der Industry Standard über den Internet-Kurs.
Heute aber, nach dem Relaunch von 2007, gehört die Homepage fest zum New Yorker dazu, mitsamt kostenlosem Archiv, Videos, animierten Cartoons, brillanten Blogs und allem, was ein modernes Medium online auffahren kann. Schlicht designt, passend zur Printvorlage, doch auf der Höhe der Zeit. Nur manchmal wirken die zeitweise recht umfangreichen Artikel etwas ungeeignet für das Medium Internet. Doch zum Glück muss man sich nur noch selten durch 31 Seiten scrollen und klicken, wie es 2001 noch für einen Text der Autorin Alice Munro der Fall war.
Deutsche Leser, und sogar Abonnenten, die nur außerhalb New Yorks lesen, haben jedoch ganz klar ein Problem: Die Ausgaben kommen mit deutlicher Verspätung. Hierzulande können das durchaus schon einmal zwei Wochen sein, selbst innerhalb der USA braucht das Magazin schon einmal mehrere Tage bis zum Empfänger. Die Themen aber, die der New Yorker setzt, sorgen dafür, dass er selbst dann noch nicht zum Altpapier gehört.
voc/reu/news.de
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