Stadtblatt mit Weltruf
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 11.12.2009
Der New Yorker, das Stadtmagazin der US-Metropole, ist weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. Mit seinen Reportagen, Essays und Illustrationen gehört es seit fast 85 Jahren zum besten, was der internationale Journalismus zu bieten hat. Ein Porträt.
Wäre New York nur eine Stadt, dann wäre der New Yorker nur ein Stadtmagazin. Doch der Big Apple ist eine Metropole, eine der schillerndsten überhaupt, für seine Bewohner der Nabel der Welt, wichtiger als Washington oder Hollywood. Und so hat sich auch das Magazin, das seinen Namen trägt, weit über seinen Ursprung hinaus entwickelt.
Schon ein Blick auf die Autoren, die seit der Gründung 1925 für den New Yorker geschrieben haben, lässt Großes ahnen: Woody Allen, Hannah Arendt, Truman Capote, Seymour Hersh, Steve Martin, J. D. Salinger, Susan Sontag oder John Updike – sie alle haben ihre Spuren hinterlassen in der fast 85-jährigen Geschichte eines der berühmtesten Magazine der Welt.
Dieser Ruhm gründet auch auf den Cover-Illustrationen. Die wohl berühmteste stammt vom 29. März 1976. View of the World from 9th Avenue von Saul Steinberg zeigt die leicht egozentrische Sicht eines New Yorkers auf die Welt, über den Hudson-River auf Kansas, Nebraska und Las Vegas und irgendwo, ganz hinten, hinter dem Pazifischen Ozean, auch auf China, Japan und Russland.
Für seine Illustrationen setzt der New Yorker seit jeher auf große Zeichner. Art Spiegelman etwa, Peter Arno, Gretchen Dow Simpson, Ronald Searle oder Sempé. Von Anfang an beschäftigt er nur die Crème de la Crème, teilweise über Jahrzehnte, mit einer selten zu findenden Kontinuität.
Nichts für alte Damen in der Provinz
Die ist auch den Art-Direktoren des Magazins zu verdanken, eine Position, die seit 1993 die Französin Françoise Mouly innehat. Die 1955 geborene Künstlerin und Designerin, die neben dieser Tätigkeit gemeinsam mit Art Spiegelman auch noch das Comic-Magazin RAW herausgibt, gilt als herausragende, aber nur wenig prominente Figur ihrer Branche. Im vergangenen Jahr schrieb der kanadische Kritiker Jeet Heer über sie: «Gibt es irgendjemanden in der Welt der Cartoons, der mehr unterschätzt wird als Françoise Mouly?» Sie könne wohl als wichtigste Comic-Herausgeberin der vergangenen 30 Jahre angesehen werden, doch er glaube, «wenn man den durchschnittlichen Comic-Fan oder sogar Cartoonisten nach den Namen einflussreicher Herausgeber fragen würde, Mouly käme ihnen nicht sofort über die Lippen.»
Dabei gehört sie gemeinsam mit Chefredakteur David Remnick, der sozusagen in fünfter Generation die Geschicke des Blattes lenkt, zu den prägenden Figuren des New Yorker. Sie ist verantwortlich dafür, dass die Cover des Magazins einen «manchmal aufregenden, oft urkomischen und immer aufschlussreichen Kommentar zu den Marotten unserer Zeit liefern», wie sie selbst 2000 in einem Interview mit der Zeitschrift Kulturberichte sagte.
Und Remnick? Der betonte, man werde die Komik auf keinen Fall vergessen, dieses wohl wichtigste Element, dass aus dem Stadtmagazin ein international beachtetes Blatt gemacht hat. Dabei ist Komik keinesfalls mit Witz zu verwechseln. Es ist ein subtiler Humor, mit dem Politik, Kultur und Gesellschaft aufs Korn genommen werden, weit über New York hinaus, spielt doch die Stadt selbst nur auf wenigen Seiten jeder Ausgabe eine Rolle.
Das Publikum indes, das der New Yorker anspricht, wäre in der US-Metropole durchaus gut aufgehoben. Weltoffen sollte es sein, gebildet, die Mischung aus Reportagen, Essays, Literatur, Lyrik und Satire ist ein manchmal durchaus schwer verdauliches, intellektuelles Paket, nichts für schlichte Geister jedenfalls. Der Gründer Harold Ross sagte über das Selbstverständnis seines Magazins: «It has announced that it is not edited for the old lady in Dubuque», es sei also nichts für alte Damen in Dubuque, einem dünn besiedelten Bezirk im Osten Iowas. Und bis heute gibt es selbst in den noch immer gesegneten USA kaum besseres auf dem Markt. Die manchmal altmodisch wirkende Akuratesse, mit der in den Büros am Times Square gearbeitet wird, sowohl journalistisch, als auch sprachlich und gestalterisch, sucht nach wie vor ihresgleichen.
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Zeichner Jean-Jacques Sempé, Vater der Kinderbuchserie Der kleine Nick, zeichnet wie ein Besessener zarte mehr ...
Sempé in New York ist ein fantastisches Zeugnis über den Zeichner, über New York und sein berühmtes mehr ...
2009 wird für Zeitungsverlage das schlimmste Jahr. Das prognostiziert zumindest der Jahresbericht zur Lage der US-Medien. mehr ...
Kaum ein Journalist hat die Presselandschaft derart geprägt wie Marion Gräfin Dönhoff, eine Frau mit Widersprüchen. Ein mehr ...
Der Online-Journalismus steht vor einer Wende: Auch deutsche Verleger haben angekündigt, künftig Geld für Artikel im Netz zu mehr ...
Qualität gibt es nur in der Zeitung, predigt FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher vor Leipziger mehr ...