So., 27.05.12

«Graffiti» 11.12.2009 Chris und sein Spielzeug

Chris Brown (Foto)
Chris Brown als Rächer der Graffiti-Szene: Das Cover seines neuen Albums. Bild: Sony

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Mit Chris Brown zurück in die 1990er: Sein drittes Studioalbum bedient sich musikalisch tief in den Schubladen der Musikgeschichte und kramt sogar Effekte wieder aus, von denen man gehofft hatte, sie für immer los zu sein – wie die Cher-Stimme oder den Modern-Talking-Beat.

Was für ein Cover! Da steht Chris Brown, einst als Shooting-Star des R&B gehypt, im schwarzen, hautengen Outfit und Lederstiefeln im Scheinwerferlicht, die Gitarre über die Schulter geworfen, als sei er Zwerg Gimli aus dem Herrn der Ringe, in der linken Cyborg-Hand eine silberne Spraydose. Und unten in der Ecke, unter dem typografisch vollkommen missratenen Schriftzug Graffiti, kauern feixend einige bunte Monster.

Das Bild, das Chris Brown da vermitteln will, bleibt vollkommen unklar. Und so witzelt man in einschlägigen Foren über das Erscheinungsbild des Sängers. Mal heißt es, er erinnere an Duck Dodgers, die Comic-Ente aus den 1950er Jahren, mal, er ähnele nun mehr seiner Freundin Rihanna als Chris Brown. Kurzum: Das Cover ist eine Katastrophe.

Und innendrin? Was hat Brown, der in den vergangenen Wochen eher durch seine heimischen Gewaltausbrüche Schlagzeilen machte, denn als Musiker, sich für sein drittes Studioalbum einfallen lassen? Die Kritiken zum Debut Chris Brown (2005) und seinem Nachfolger Exclusive (2007) fielen, trotz kommerziellen Erfolgs, eher mäßig aus. Von der immer gleichen Herzschmerzsoße war da die Rede, von netten, glatt produzierten Melodien, von fehlender Variationsbreite, aber, beim zweiten Album, immerhin von einer gewissen Eigenständigkeit und einer ordentlichen Performance.

Fragwürdige Texte und mächtig viel Herzschmerz

Graffiti nun ist nicht nur optisch ein Schritt zurück in die 90er. Schon der Opener I Can Transform Ya, produziert mit Lil Wayne und Swizz Beatz, beginnt mit science-fiction-artigem Gesurre und einem für Swizz Beatz erstaunlich unmotivierten Beat, über den Brown einen inhaltsleeren Text von schwarzen Kreditkarten und allem möglichen Luxus legt. «Anything you want I can I can get it for ya», heißt es da. Musikalisch gilt das kaum.

Auch Sing Like Me, das zweite Stück des Albums, bedient sich tief in den Sounds des vorangegangenen Jahrzehnts. Wabernde Synthie-Klänge, denen ein Beat folgt, der so aus jedem besseren Keyboard kommt, dazu der fragwürdige Text von Frauen, die nackt besser aussehen, zu vielen Frauen, die es ihm so schwer machen, eine einzige zu wählen. Und im Hintergrund säuseln die Pipes.

Man ist fast erleichtert, dass Crawl wenigstens solider Schmusepop ist, der es locker auf die nächste Kuschelrock-Platte schaffen dürfte. Zarte, kratzende Gitarren im Hintergrund, ein orchestrales Arrangement samt eingängiger Melodie und mächtig viel Herzschmerz mit Textzeilen wie «Until we're strong enough to jump, then we'll fly, until there is no end, so lets crawl, crawl, crawl, back to love, Yeah». Yeah!

Dilettanitischer Griff in die Retrokiste

Der Rest des Albums folgt dem Prinzip, alles auf Effekt zu bürsten. Die Beats bleiben fantasielos, die Instrumentierung zwar bombastisch (What I Do), aber wenig einnehmend, lediglich Take My Time überzeugt als R&B-Ballade, obwohl auch hier nach einiger Zeit die Synthies nerven, die Chris Brown offensichtlich als Spielzeug entdeckt hat und mit denen er in I.Y.A. sogar bis tief in die 80er-Jahre abdriftet, inklusive Modern-Talking-Schlagzeug, Windeffekten und Cher-Effekt bei den Background-Sängern. Das mag als künstlerischer Griff in die Retrokiste gemeint sein, wirkt aber schlicht dilettantisch.

Nach Ausflügen in die Disco-Szene mit einem Sample von Eric Prydz' Call On Me (Pass Out), einem recht passablen Falling Down und der hübschen Mischung aus Piano und verzerrter E-Gitarre in I'll Go endet das Album mit Girlfriend, einem Titel, der den Kreis zum Opener schließt und mit seinem treibenden Rhytmus zumindest tanzbare Musik liefert.

Seinem Titel wenigstens wird das Album gerecht. So bunt Graffiti ist, so bunt sind auch die 14 Tracks, so qualitativ unterschiedlich Graffiti ist, so weit driften auch die Kompositionen auseinander. Um sich auf Dauer im hart umkämpften R&B-Geschäft gegen Größen wie Usher zu behaupten, werden Alben wie dieses jedoch nicht ausreichen. Da braucht es doch mehr Fantasie, nicht nur bei der Gestaltung des Covers.

Interpret: Chris Brown
Titel: Graffiti
Plattenfirma: Sony
Spielzeit: 61 Minuten
Erscheinungsdatum: 11. Dezember 2009

amg/reu/news.de
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