Kleine Bissen vom «Big Apple»
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Von news.de-Redakteur Christian Vock
Artikel vom 11.12.2009
Über 100 Titelbilder hat Jean-Jaques Sempé für den New Yorker gezeichnet. Der Bildband Sempé in New York gibt einen fantastischen Einblick in die Zusammenarbeit zwischen dem französischen Zeichner und dem amerikanischen Stadtmagazin.
Der 17. August 1978 war nicht irgendein Datum. An diesem Tag gingen der französische Zeichner Jean-Jaques Sempé und das amerikanische Magazin The New Yorker eine ganz besondere Liaison ein. Zum ersten Mal erschien das weltberühmte Blatt mit einer Zeichnung von Sempé auf dem Cover. Mit dieser Ausgabe fiel der Startschuss für eine Zusammenarbeit, die sowohl den französischen Zeichner als auch das Magazin in den folgenden Jahrzehnten prägen sollten. 101 Titelbilder hat Sempé seitdem für den New Yorker gezeichnet. Diese Erfolgsgeschichte begann, wie so viele, zunächst mit einem Traum.
«Ich kaufte ihn (den New Yorker, Anm. d. Red.) am Kiosk an der Place de l'Opéra, und jedes Mal war ich wieder vollkommen überwältigt» Diese Zeichnungen hatten ein so hohes Niveau, waren wie aus einer anderen Welt, aus einer Welt, die für mich nie erreichbar sein würde, wie ich mir verzweifelt sagte. Aber ich habe von dieser Welt geträumt», erzählt Sempé dem Journalisten Marc Lecarpentier auf die Frage, ob er sich denn in seiner Zeit in Paris hin und wieder den New Yorker angesehen habe. «Ich bin immer schon ein Träumer gewesen, auch damals dachte ich nicht etwa: ‹Eines Tages werd ich's schaffen›, sondern: ‹Eines Tages bekomme ich eine Chance.»
Dieser kleine Ausschnitt des Gesprächs, das der französische Journalist Marc Lecarpentier für den Bildband Sempé in New York mit dem Zeichner geführt hat, zeigt zwei Dinge: Zum einen die fast ehrfürchtige Bewunderung, die Sempé dem Magazin entgegen brachte und zum anderen den Zweifel am eigenen Können, der den genialen Zeichner seine ganze Karriere lang begleitete. Als er von seiner Heimatstadt Bordeaux nach Paris zog, um mit seinen Zeichnungen bei den Zeitungen vorstellig zu werden, erklärt er diesen Schritt nicht damit, dass er unbedingt zeichnen wollte, sondern dass er unbedingt zeichnen lernen wollte. Ein Wunsch, der in ihm geweckt wurde, als er mit 17 Jahren zum ersten Mal die humoristischen Zeichnungen im New Yorker gesehen hatte.
Seitdem war es um ihn geschehen. Den Traum, die große Stadt am Hudson mit eigenen Augen zu sehen, erfüllte sich aber erst viele Jahre später, 1965. Sempé war sofort fasziniert vom Leben der Stadt, von ihren Bewohnern, von ihrer Geschwindigkeit und von ihrer Größe. «In New York», erzählt er «da fühlt man sich schon winzig.» Eine Beobachtung, die in so viele seiner Bilder einfließen und ein Markenzeichen werden sollte.
Die Seele des Augenblicks
Die Spannung zwischen groß und klein, der Stadt und ihren Bewohnern ist ein wiederkehrendes Motiv in Sempés Zeichnungen. Der großformatige Bildband zeigt nicht nur Sempés Titelbilder des New Yorkers, sondern auch zum Teil unveröffentlichte Werke. Hier wie dort bringt er Stimmungen auf den Punkt, reduziert seine Zeichnungen nicht auf eine einzige Pointe, poetisch formuliert, fängt er die Seele eines Augenblicks in einem einzigen Bild ein. Momente, in denen das große Ganze ausgeblendet scheint und sich damit der Fokus auf eine einzelne Szene zu richten scheint. Dadurch, dass er den Scheinwerfer auf einen einzelnen Punkt konzentriert, erzeugt er in seinen Bildern eine Spannung, die sowohl Mittelpunkt als auch dem Umfeld, je nach Betrachtungsweise, ihre Aufmerksamkeit widmet.
So entstehen nicht nur herausragende Zeichnungen, sondern nach und nach auch das Bild, das sich Sempé von New York macht. Kleine Stückchen, die der Zeichner sich während seiner Arbeit für den New Yorker vom «Big Apple» abgebissen hat. Dass er überhaupt zum New Yorker kam, geschah nicht durch Initiative Sempés. Er selbst hätte nie gewagt, bei dem Blatt vorzusprechen. Erst nachdem Edward Koren, der bereits für den New Yorker zeichnete, zu ihm kam und seine Zeichnungen dem Verleger vorlegen wollte, kam Bewegung in Sempés Traum und eines Tages kam dann die erhoffte wie befürchtete Nachricht von William Shawn, der Chef-Legende des Blattes: «Wir würden uns freuen, wenn Sie uns ein paar Zeichnungen oder Titelbilder schicken könnten ... was Sie wollen.» Damit war der Grundstein für eine Zusammenarbeit gelegt, die beide Seiten gleichermaßen befruchten sollte und von der Sempé im Gespräch mit Lecarpentier einiges zu erzählen hat. Anekdoten aus dem Innenleben eines der berühmtesten Magazine der Welt, über deren Chefs, allen voran William Shawn, und vor allem über die Art seiner eigenen Arbeitsweise.
Dabei entsteht ein Porträt des französischen Zeichners, das ihn als einen Künstler zeigt, der tiefsten Respekt hat vor allem, was künstlerische Qualität besitzt und der an sein eigenes Schaffen ebenso hohe Maßstäbe anlegt: «Schlechte Zeichnungen habe ich mir noch nie verzeihen können», urteilt Sempé über sich selbst und so, wie die Werke Sempés einen Eindruck der Stadt geben, so geben sie auch Rückschlüsse über den Zeichner selbst. Sempé in New York, das sind Bilder von New York und von Sempé, die man ohne diese großartige Zusammenarbeit so nie zu sehen bekommen hätte.
Titel: Sempé in New York
Diogenes Verlag
Hardcober Broschur, 320 Seiten
Preis: 49,90 Euro
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