So., 27.05.12

Buch «Payback» 06.12.2009 Die Kopf-Krise

F.A.Z.-Herausgeber und Bestsellerautor Frank Schirrmacher. (Foto)
F.A.Z.-Herausgeber und Bestsellerautor Frank Schirrmacher. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Christian Vock

Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Meister darin, schwelende gesellschaftliche Probleme zu bündeln und auszusprechen hat ein neues Thema gefunden: Die Angst vor der digitalen Überforderung.

Frank Schirrmacher geht es nicht gut. Er fühlt sich überfordert. Nun kann man sagen: «Na gut. Er ist ja auch nicht Leuchtturmwärter in der Südsee, sondern Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und auch sonst ein viel beschäftigter Mann.» Doch darum geht es ihm in seinem neuen Buch nicht.

Schirrmachers Sujet ist die tägliche Informationsflut, die uns in Zeiten von E-Mails, Twitter, RSS-Feeds und Co. zu ertränken droht. Der Untertitel Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen klingt zunächst nach der üblichen Selbstbemitleidung ob der überall im Netz und in dessen technischen Helfershelfern lauernden Gefahren. Doch bei der Lektüre des Buches stellt man schnell fest: Schirrmacher ist alles andere als ein Jammerlappen. Er ist ein Wissensjäger, abstrahiert und unterfüttert mit allerlei Studien seine Thesen. Und die lauten ganz grob: «Wir sind alle überfordert», «Bald werden nur noch wenige richtig lesen können», «Unser Hirn, ja die ganze Gesellschaft verändert sich durch die digitale Überlastung» und «Wir können Wichtiges von Unwichtigem nicht mehr unterscheiden.»

Frank Schirrmacher
Gegessen wird, was auf den Tisch kommt
Video: news.de

Schirrmacher ist einer, dem es bisher immer gelungen ist, schwelende Themen mit seinen, aus wissenschaftlicher Sicht nicht immer neuen Thesen, ans Licht einer größeren Öffentlichkeit zu zerren. Das hat er 2004 mit dem Methusalem-Komplott geschafft, als er sich des demographischen Wandels annahm. Zwei Jahre später wiederholte er den Medienhype in etwas milderer Form mit seiner Gemeinschaftsanalyse Minimum. Und auch mit seinem neuesten Werk Payback fasst er einen gesellschaftlichen Trend an, der schon seit längerem die Menschen umtreibt: Die Angst vor der eigenen Überforderung im digitalen Zeitalter.

Natürlich wissen wir das eigentlich alles selbst, spüren wir die Last der täglichen Informationsflut doch am eigenen Leib. Doch manchmal ist es schön, wenn ein anderer mal ausspricht, was man denkt. Doch Schirrmacher will mehr sein als das Sprachrohr der digital Selbstversklavten. Wie schon bei seinen früheren Werken geht es ihm nicht um eine Verteufelung oder um das große Bangemachen. Sein Blick richtet sich auf den Menschen und darauf, wie eine Gesellschaft auch in Zukunft anständig funktionieren kann.

Und dafür hat er Lösungen parat: Man muss wieder Herr über das eigene Hirn werden, Vertrauen aufbauen in seine eigenen Fähigkeiten wie Kreativität und Toleranz. So können wir es wieder schaffen, uns aus der Angst vor dem Unerwartetem, das wir mit all den technischen Spielerein auszuschließen versucht haben, wieder zu befreien, denn so Schirrmacher: «Es gibt einen Ausweg, der selten so gangbar schien wie heute: Die Perfektion der entstehenden Systeme hilft uns nur, wenn wir uns erlauben, weniger perfekt zu sein, ja aus unserem Mangel und unserer Unvollständigkeit etwas zu stärken, was Computer nicht haben und worum sie uns beneiden müssten: Kreativität, Toleranz und Geistesgegenwart.»

Bisher war es doch so, dass man aus dem, was es an technischen Möglichkeiten gibt, das aussucht, von dem man denkt, dass man es braucht, anstatt nach dem zu suchen, was einem wirklich hilft. Allzu oft gibt es die Lösung schon vor dem Problem, stehen wir Halt suchend vor einer übergroßen Auswahl an Wissensbruchteilen. Gegen all dieses Fast-Food-Wissen tritt Schirrmacher ein und fordert die Rückbesinnung, die eigene Mündigkeit.

Auch wenn Schirrmachers Thesen die Debatte um die digitale Informationsflut nicht entscheidend voran bringen werden, so lohnt es doch, über das Geschriebene nachzudenken. Gerade jetzt, da, und hier schließt sich der Kreis, Gedanken und noch dazu gute, nicht unbedingt die Währung mit dem höchsten Kurs sind. Lesen Sie also alleine schon deshalb Schirrmacher, solange Sie noch lesen können.

Titel: Payback
Autor: Frank Schirrmacher
Karl Blessing Verlag
November 2009
Gebunden, 240 Seiten
Preis: 17,95 Euro

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