Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Der kleine Mensch im monströsen Alltag: Zeichner Jean-Jacques Sempé, Vater der Kinderbuchserie Der kleine Nick, ist ein einfühlsamer Handwerker. Er arbeitet wie ein Besessener und schafft einfühlsame zarte Charakterstudien.
Er ist der Zeichner mit dem zarten Strich. Einfühlsam und manchmal auch grausam entlarvend zeichnet Jean-Jacques Sempé seine Figuren. Die meisten werden ihn als Vater der beliebten Kinderbuchserie Der kleine Nick kennen.
Sempé liebt das Absurde: Ein Clown, den seine Söhne einfach nicht ernst nehmen, weil er im Kostüm mit ihnen schimpft. Der gebeugte Wissenschaftler, der neben der vollgekritzelten Tafel sein Ei kocht. Der Kniefall eines Anzugträgers vor einem weißen Bild. Ein Mädchen, das vor der monumentalen Skyline in einem riesigen Loft in ihre Flöte bläst. Fast hätte man sie übersehen, so klein ist sie.
Sempés Figuren sind zarte Menschen mit zerbrechlichen Konturen, die in ihrer monströsen Umwelt verloren zu gehen scheinen und so stellt man sich den Zeichner selbst auch vor. Und tatsächlich muss er sich in New York genau so gefühlt haben: Er habe dort immer Angst gehabt, dass ihn die Menschen ansprechen würden – Sempé spricht doch kein Englisch.
Und auch der Ruhm will so recht nicht zu dem scheuen Mann passen. Seine Zeichnungen bestehen nur schwer vor der eigenen Selbstkritik. Er sei eigentlich nur ein bis zweimal im Jahr mit einem Blatt zufrieden, gesteht er. «Ich sehe in meinen Bildern immer nur die Mängel», verrät er selbstkritisch in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Die Öffentlichkeit scheut er, mit Journalisten spricht er äußerst selten und dann auch nur ungern. Doch aus seiner Menschenscheu schöpft Jean-Jacques Sempé seine humoristische Kraft: Einsamkeit sei die Basis für Humor, soll er einmal gesagt haben.
Alltag eines aufgeweckten Jungen
Den größten Erfolg feiert der französische Cartoonist mit seiner Figur Der kleine Nick, einer illustrierten Kinderbuchserie, die aus dem Alltag eines aufgeweckten Jungen erzählt. Die Bände haben sich fast acht Millionen mal verkauft. Die Geschichten hat er zusammen mit seinem Freund René Goscinny auf die Beine gestellt. Sempè hat die Zeichnungen gemacht, der Asterix-Zeichner Goscinny die Geschichten ausgebaut.
Sempé traf René Goscinny bei einer Presseagentur, wo er eine Zeichnung einreichte: Sempé war 23, Goscinny 29. Sempé war tief beeindruckt von dem sechs Jahre älteren Mann, der gerade aus Amerika kam und auch noch Englisch sprach. Beim Essen knüpften die beiden eine Freundschaft, die bis zum Tod des Asterix-Zeichners halten sollte. Goscinny spann die berühmten Geschichten Der kleine Nick weiter, die Sempé ersonnen hatte.
Der kleine Nick sind Geschichten aus einer Kindheit, die sich der heute 77 Jahre alte Sempé für sich selbst gewünscht hätte: «Weil ich ein trauriger Junge war, habe ich meine Zeit damit verbracht, an anderes zu denken, mich wegzuträumen. Der kleine Nick dagegen hat eine eher glückliche Kindheit, und ich habe sie so gezeichnet, damit man denkt, ich hätte auch so eine gehabt», erklärt er in einem Interview.
Sempé hat den Blick für das Besondere im Alltag: «Auf der Straße sieht man Menschen, die griesgrämig schauen, ein Mann in einer zu engen Jacke, vielleicht Mitarbeiter einer Versicherung, es ist heiß, er wirkt müde, aber er muss immer weitergehen, immer weiter. So etwas berührt mich sehr», hat er der Süddeutschen Zeitung verraten.
Handwerker der Empathie
Diese aufmerksam beobachteten Bilder produziert er erstaunlicherweise wie am Fließband: Einmal im Jahr hat Sempé einen neuen Bildband herausgegeben, manchmal sogar zwei im Jahr. Bei der Arbeit ist er diszipliniert und versteht sich «als Handwerker, der zeichnet». Deshalb kam er wohl auch mit dem als sehr ruppig geltenden Chef des New Yorker, William Shawn, gut zurecht. Der habe ihn einmal dazu gebracht, 50 Mal einen Arm in einer seiner Zeichnungen zu korrigieren, aber am Ende sei dann ein wirklich gutes Bild dabei herausgekommen, bemerkt Sempè zufrieden.
Seit 1978 zeichnet Sempé in unregelmäßigen Abständen für den New Yorker. Das Magazin ließ ihm in der Themenwahl freie Hand und obwohl er nur wenige Wochen in New York war und trotz seiner ständigen Angst, auf der Straße angesprochen zu werden, ist es Sempé erstaunlich gut gelungen, die Menschen im Big Apple zu porträtieren.
Wenn man die zarten Zeichnungen sieht, die leichtfüßig daherkommen, ist kaum zu glauben, dass Sempé gesteht, dass er bei der Arbeit regelrecht verzweifle. Immer wieder setze er neu an, Spaß mache ihm das nicht. Seit einem Skiunfall, bei dem er sich Gehirnblutungen zuzog und monatelang im Koma gelegen hatte, ist noch eine Widrigkeit hinzu gekommen: Sempé musste wieder lernen zu gehen, zu sprechen und auch zu zeichnen. Sein rechter Zeigefinger ist beinahe steif und so muss er, um den Stift führen zu können, die linke Hand hinzunehmen.
Bei diesem Kampf hat er einen Anker, an dem er sich festhält: Sempé arbeitet ausschließlich mit dem Füllfederhalter Atome 423. Der wird heute schon nicht mehr hergestellt, aber der schüchterne Zeichner hat sich selbstredend einen Vorrat angelegt und wir dürfen noch auf viele Zeichnungen aus dieser Feder hoffen.
voc/reu/news.de