Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Auffallend viele Filmemacher beschäftigen sich in Fernsehen und Kino mit ernsthaften Erkrankungen wie Aids oder Alzheimer. Auch die Glasknochenkrankheit wird thematisiert. News.de nennt weitere Beispiele.
Man sieht es Erwin Aljukic nicht an, auch wenn er im Rollstuhl sitzt. Der 32-Jährige wirkt dynamisch – und hat trotzdem ein Problem. Seine Knochen brechen schneller als bei anderen Menschen; er hat die Glasknochenkrankheit. Davon lässt sich der Schauspieler aber nicht unterkriegen – genau wie Frederic, den Aljukic in der ARD-TV-Soap Marienhof spielt und der in der Serie immer wieder durch sein freches Mundwerk auffällt. Die Krankheit wird in Marienhof zwar nicht näher thematisiert, aber sie schafft ein Bewusstsein dafür, was es heißt, mit dieser seltenen und erblich bedingten Bindegewebsstörung zu leben.
Betroffene sind in ihrer Beweglichkeit stark eingeschränkt. Deutlich wird dies auch in Kinofilmen wie Unbreakable (USA 2000), in dem der unzerbrechlich wirkende David (Bruce Willis) auf den an der Glasknochenkrankheit leidenden Comic-Fan Elija (Samuel L. Jackson) trifft. Oder in Die fabelhafte Welt der Amélie, wo Maler Raymond wegen seiner Glasknochenkrankheit nicht die Wohnung verlassen kann.
Krankheiten sind für viele Filmemacher ein dankbares Sujet. Man denke nur an Philadelphia, den ersten großen Hollywoodfilm, der sich 1993 kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit Aids-Kranken und Homosexuellen auseinandersetzte. Krankheiten schaffen die Möglichkeit, Schicksale zu erzählen, Betroffenheit zu schaffen und Leiden ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, die ansonsten wenig Beachtung finden.
Wie zum Beispiel die Schlafkrankheit – eine Form der Hirnhautentzündung, die vermutlich durch Viren ausgelöst wird und sich durch Tagesschläfrigkeit, Schlafzwang und Trübungen des Bewusstseins äußert. Die amerikanische Regisseurin Penny Marshall greift diese Krankheit indem Film Zeit des Erwachens auf, der 1990 mit Robert de Niro entstand.
Der Autist als Freak
Zwei Jahre zuvor, 1988, kam Rainman in die Kinos – mit Dustin Hofmann in der Hauptrolle, der einen Autisten spielt. Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung; die Betroffenen sind häufig auffallend ungeschickt, haben nur ein eingeschränktes Repertoire an Interessen und können kaum mit anderen in sozialen Kontakt treten.
Das Interesse der Filmemacher an dieser Krankheit ziehen aber vor allem die sogenannten autistischen Savants auf sich, Autisten also mit schier übermenschlichen Inselbegabungen – mathematische Genies oder überragende Gedächtniskünstler. Rainman wird als Freak bestaunt, bleibt aber ein Außenseiter, dessen Realität und Erlebniswelt dem Zuschauer fremd bleibt.
Nicht so in dem belgischen Beitrag Ben X aus dem Jahr 2008: Weite Strecken des Films präsentiert Regisseur und Schriftsteller Nic Balthazar aus der Sicht seiner Hauptfigur, dem unter dem Asperger Syndrom (eine leichte Form des Autismus) leidenden Ben. Das hat unter anderem den schönen Effekt, dass die Krankheit, die für Ben ja normal ist, nicht allzu sehr im Mittelpunkt steht, sondern nur den Hintergrund bildet für die eigentliche Story um Pubertätsprobleme, Mobbing in der Schule und Flucht in virtuelle oder Traumwelten.
Auch das Thema Alzheimer hat eine Reihe von Regisseuren zu sentimentalen Exzessen eingeladen. Aber die kanadische Regisseurin Sarah Polley schaut mit ihrem Film An ihrer Seite (2007) der Krankheit direkt ins Auge, ohne sie als dramatisches Gleitmittel zu benutzen – auch dank der Darstellung von Julie Christie, die die an Alzheimer erkrankte Fiona spielt und dem Zuschauer einen Eindruck davon vermittelt, was es heißt, allmählich in eine Welt des Vergessens zu verschwinden.
Krebs als Drama oder Groteske
Auch mit dem Thema Krebs beschäftigen sich gleich mehrere Filme – darunter der französische Beitrag Die Zeit die bleibt (2005) über einen Modefotografen, der erfährt, dass er schon bald an Krebs sterben wird. Oder der in diesem Jahr entstandene US-Film Beim Leben meiner Schwester, der nicht nur von den Begleiterscheinungen von Leukämie und Chemotherapie berichtet, sondern auch die Frage über körperliche Selbstbestimmung und die Möglichkeiten neuer medizinischer Verfahren wie der (in Deutschland nicht erlaubten) Präimplantationsdiagnostik beleuchtet. Auch der deutsche Film Ob ihr wollt oder nicht (2009) beschäftigt sich mit Krebs; er bezieht zudem klar Stellung zugunsten der Sterbehilfe.
Meist laufen solche Filme unter der Genrebezeichnung Drama oder Tragödie. Nicht so bei Regssieur Robert Schwentke, der das Thema Krebs in einer rabenschwarzen, grotesken Krankenhauskomödie verarbeitet. In Eierdiebe (2003) sagt der an Hodenkrebs ekrankte Martin «Tumor ist, wenn man trotzdem lacht.» Das mag manchem als ein respektloser Angriff auf die allgegenwärtige Betroffenheits- und Vertuschungskultur erscheinen. Aber Schwentke kann sich das erlauben, bei ihm selbst wurde vor einigen Jahren Hodenkrebs diagnostiziert.
Ein anderer Film kommt genau zur richtigen Zeit in die Kinos: Denn nie wurde in Deutschland so viel wie gerade jetzt über Depression gesprochen. Kurz nach dem Freitod des Nationaltorwarts Robert Enke zeigt der britische Kinofilm Helen der deutschen Regisseurin Sandra Nettelbeck auf einfühlsame und differenzierte Weise, wie komplex dieses Krankheit ist und wie hilflos die Betroffenen und ihr Umfeld sind.
voc/news.de