Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Disney kehrt zu seinen Wurzeln zurück und bringt in Zeiten der Animationsfilme einen handgemachten Zeichentrickfilm in die Kinos: Küss den Frosch. Die moderne Variante des Froschkönigs ist eine wundervolle Mischung aus Märchen und Musical – mit einem überragenden Krokodil an der Trompete.
Eine Geschichte, von der jeder meint, sie in- und auswendig zu kennen, taugt auf den ersten Blick kaum für einen Kassenschlager. Disney aber beweist, dass sich auch aus solchem Stoff echtes Popcornkino machen lässt. Man nehme: den Froschkönig, ein paar begabte Zeichner, einen schmissigen Soundtrack, das gewisse Quäntchen Walt Disney und einige innovative Neuerungen. Und schon wird aus dem biederen Märchen Küss den Frosch, ein zauberhafter Film – ja, trotz der ausgelullerten Floskel – für die ganze Familie.
Der spielt, so gar nicht märchenhaft, im New Orleans der 1920er Jahre. Jazz auf der einen, Armut auf anderen Seite. Die Hauptdarsteller: Prinz Naveen, ein gut aussehender Kotzbrocken – egozentrisch, verwöhnt und hochnäsig. Und Tiana, das genaue Gegenteil, ein Kind aus armen Verhältnissen, das hart schuftet, um sich eines Tages den Traum ihres Vaters, ein eigenes Restaurant, erfüllen zu können. Tianas Sandkastenfreudin Charlotte hat es da schon leichter. Dank ihres reichen und mächtigen Vaters, der ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, führt sie ein sorgenfreies Leben.
Der Besuch von Naveen in New Orleans lässt beide aufhorchen, Tiana und Charlotte. Die verzogene Göre, weil sie den vermeintlich reichen Prinzen – tatsächlich bekommt er von seinen Eltern keinen Pfennig mehr – sofort ehelichen will, Tiana, weil sie für die Hochzeit Krapfen liefern soll, ein Großauftrag, der ihr endlich das eigene Restaurant finanzieren könnte.
Krokodile, Hexen und Glühwürmchen
Doch natürlich hat in dieser Geschichte auch das Böse noch ein Wörtchen mitzureden. Dr. Facilier etwa, ein fieser Voodoo-Priester, der gemeinsame Sache mit Naveens Butler macht, um die Macht in der Stadt zu erobern. Also verzaubert Facilier beide, den Butler in Prinz Naveen und Naveen in einen Frosch. Der, womit wir wieder beim Froschkönig wären, erst dann von diesem Zauber erlöst werden kann, wenn er von einer echten Prinzessin geküsst wird. Doch woher die nehmen?
Also macht Naveen sich hüpfend und quakend auf, um Rettung zu suchen. Und die findet er auf dem Kostümfest, dass zu seinen Ehren gegeben wird, in Person von Tiana in einem Prinzessinenkostüm. Der kleine, schleimige Frosch – nein, pardon, das ist kein Schleim, das ist Sekret – bittet um einen Kuss («Komm, wir knutschen!»), bekommt ihn nach einigen schmerzhaften Diskussionen auch und – verwandelt Tiana ebenfalls in einen Frosch.
Nun also teilen die beiden ein Schicksal und wollen gemeinsam versuchen wieder Mensch zu werden. Mit Hilfe des Trompete spielenden Krokodils Louie, des Glühwürmchens Ray und der Sumpf-Hexe Mama Odie, der Königin des BayouAls Bayou werden in Louisiana die Sumpfgebiete bezeichnet. , wollen sie den Zauber brechen und machen sich auf eine gefährliche und unterhaltsame Reise. Denn natürlich will Facilier um jeden Preis verhindern, dass sie überhaupt ankommen.
Mitreißender Soundtrack und tolle Charaktere
Endlich, möchte man sagen, hat Disney wieder einmal einen echten Zeichentrickfilm produziert. Herrlich altmodisch, aber alles andere als verstaubt. In Zeiten der 3D-Filme und der Computer-Animationen greift die Firma aus dem kalifornischen Burbank wieder zu Handarbeit. Und die zahlt sich aus. Küss den Frosch ist ein stimmungsvolles Märchen, ausgestattet mit einem mitreißenden Soundtrack und witzigen und vor allem untypischen Charakteren: einer farbigen Heldin, die alles andere ist als eine typische Prinzessin und einem versnobten Helden, der dem Klischee des Märchenprinzen in wirklich allem widerspricht.
Zwar ist Cassandra Steen, die deutsche Stimme von Tiana, vor allem in den Gesangspassagen nicht ganz so überzeugend wie Anika Noni Rose im Original, wie auch Roger Cicero nicht ganz an Bruno Campos herankommt, Bill Ramsey als Krokodil Louie hingegen ist ein Volltreffer, ebenso wie Marianne Rosenberg als Mama Odie. Und auch so zwingen die Hits des Films den Fuß zum Mitwippen.
Zudem haben sich die Zeichner von Disney ein phantasievolles Szenario einfallen lassen. New Orleans und die Sümpfe Louisianas, Mama Odies Haus, ein alter Krabbenkutter, der kieloben in einen riesigen Baum eingewachsen ist oder die Praxis von Dr. Facilier mit ihren Masken und Geistern – all das macht Küss den Frosch zu einer wundervollen Neuinterpretation des alten Froschkönig-Märchens.
Düster und ernst, aber mit kindertauglicher Botschaft
Der Film aber hat auch seine Schattenseiten, wenn auch die Zielgruppe diese kaum interessieren dürften. Während alle Charaktere differenziert gezeichnet sind – lediglich bei Tianas Familie fällt hier und da die etwas zu dicke Strichführung auf – sind ausgerechnet die beiden Hauptpersonen, die Frösche, äußerst flach ausgefallen. Fast schon phantasielos hüpfen sie durch die Gegend, Mimik und Gestik, bei Dr. Facilier etwa höchst unterhaltsam, finden hier kaum statt. Zudem sind die Farben manches Mal vielleicht ein wenig zu bonbonbunt. Wie auch einige inhatliche Ungereimtheiten – etwa die Frage, warum Charlotte ihren Vater nicht einfach bittet, ihrer Freundin das Restaurant zu kaufen – düften solche Dinge jedoch wohl nur Erwachsenen auffallen.
Disney kehrt mit Küss den Frosch dennoch zu seinen Wurzeln zurück, vieles an diesem Film knüpft an Klassiker an. Dr. Facilier ähnelt frappierend dem bösen Zauberer Jafar aus Aladdin von 1992, szenisch erinnert der Streifen das ein oder andere Mal an Arielle, die Meerjungfrau von 1989, und die Musik kommt dem bisher unerreichten Dschungelbuch von 1967 durchaus nahe.
Eine Kopie ist Küss den Frosch dennoch nicht. Der Streifen ist Zeichentrickfilm, Märchen und Musical in einem. Doch er ist auch düsterer und ernster als viele seiner Vorgänger. Über die Freigabe ohne Altersbeschränkung ließe sich in einigen Szenen – etwa bei dem Besuch von Faciliers Voodoo-Praxis – durchaus diskutieren.
Die Botschaft indes ist so kindertauglich wie man es von Disney kennt. Harte Arbeit wird belohnt, Träumereien helfen nichts, böse Intrigen werden bestraft, und die Liebe, die ist ohnehin stärker als alle Äußerlichkeiten. Selbst dann, wenn man ein kleiner, grüner, schleimiger Frosch ist. Nein, pardon, das ist kein Schleim, das ist Sekret.
Titel: Küss den Frosch
Regisseur: John Musker, Ron Clements
Hauptdarsteller (Stimmen): Cassandra Steen, Roger Cicero, Marianne Rosenberg, Bill Ramsey
Spielzeit: 89 Minuten
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
FSK: ohne Alterbeschränkung
Kinostart: 10. Dezember 2009