«Leo Richters Porträt» Immer diese Journalisten

Daniel Kehlmann (Foto)
Misstrauen ist angebracht: Leo Richter wird von einem Journalisten heimgesucht. Bild: Rowohlt

Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Ein Autor wehrt sich gegen die Schublade, in die ein Literaturkritiker ihn stecken möchte. Daniel Kehlmanns Geschichte Leo Richters Porträt erzählt von der Angst eines Autors vor dem Blick eines Journalisten.

«Du sollst dir kein Bildnis machen», heißt es in den zehn Geboten und damit spricht die Bibel etwas an, das auch Atheisten beschäftigt. Im Grunde sträubt sich doch jeder dagegen, wenn andere Dinge sagen wie «Du bist immer so aufbrausend». Loriot treibt das wunderbar auf die Spitze: Im Sketch Feierabend wirft die Ehefrau ihrem friedfertigen Mann so lange vor, dass er aggressiv sei und nicht so schreien solle, bis er tatsächlich explodiert und brüllt «ICH SCHREIE DICH NICHT AN!»

In der Kurzgeschichte Leo Richters Porträt, die 2008 im Zeit-Magazin erschienen ist, schickt Daniel Kehlmann eine Figur aus seinem Roman Ruhm durch die Hölle: Der Literaturkritiker Guido Rabenwall möchte für ein renommiertes Magazin ein Porträt über Leo Richter schreiben. Ohne viel nachzudenken, willigt der Autor ein und sitzt in der Falle.

Rabenwall ist ein unangenehmer Zeitgenosse, der mit dröhnenden Hustenanfällen die Aufmerksamkeit aller Cafébesucher auf sich zieht und für das Porträt regelrechte Stalkerqualitäten entwickelt: Regelmäßig ruft er nachts um halb elf an, weil er noch ein paar Fragen hat, er horcht sämtliche Freunde und Familienmitglieder des Autors aus und schickt seitenlange Fragebögen. Nirgendwo kann Richter dem lästigen Journalisten entfliehen: Nach einer Lesung wartet Rabenwall an der Wand lehnend und beobachtet mit Adleraugen, wie Richter die Aufdringlichkeiten seiner Leser über sich ergehen lässt.

Irgendwann wird Richter eines klar: «Konnte es sein, dass seine Angst nicht so sehr der Sorge entsprang, Rabenwall könnte seine Geheimnisse entdecken, als der, dass er nicht genug Geheimnisse hatte?» Einfühlsam und mit feinem Humor beschreibt Kehlmann, wie Leo Richter mit dem sich herauskristallisierenden Bild des Journalisten umgeht. Das Gefühl des Ausgeliefertseins findet seinen Höhepunkt, als Richter selbst nicht mehr zu wissen scheint, wer er eigentlich ist.

Festgezurrte Bilder: Gift für die Liebe

Das Thema des Bildnisses ist in der Literaturgeschichte nicht neu: Der Schweizer Autor Max Frisch hat sich zeit seines Lebens mit dem Problem auseinandergesetzt. Seine These: Liebe heißt, sich kein festgezurrtes Bild vom Anderen zu machen, und deshalb fällt es uns auch so schwer, geliebte Menschen zu charakterisieren. Frisch geht aber noch weiter: Man solle andere Menschen überhaupt nicht in Schubladen stecken, fordert er. Wer ständig hört «Du kannst nicht tanzen», wird letztendlich tatsächlich zum Trampel auf dem Parkett – selbst wenn er vorher wie Fred Astaire steppte. Bei Kehlmann scheint sich der Porträtierte immer weiter aufzulösen, je mehr Informationen der Kritiker über ihn gesammelt hat.

Ein großartiger Kniff ist, dass der Kurzgeschichte in dem schlanken Buch ein Porträt hinterhergeschickt ist, das Adam Soboczynski, Redakteur beim Zeit-Magazin, über Daniel Kehlmann geschrieben hat. Dadurch ergeben sich schöne Anknüpfungspunkte. Adam Soboczynski schreibt erst einmal über die Misserfolge des Autors Kehlmann: entbehrungsreiche Jahre mit leeren Lesungsräumen und Zweifeln.

Der Journalist hat sich für das Porträt viel Zeit genommen: Über mehrere Jahre hinweg trifft er sich mit dem scheuen Kehlmann zum Tafelspitz in Wien oder zu Schweinefilet in Kreuzberg. Dabei entlockt er ihm genervte Äußerungen über Porträts, die auf der Grundlage einer kurzen Begegnung geschrieben wurden und Nichtigkeiten wie dem Essen eine übergroße Bedeutung zumaßen. Genüsslich, mit einer feinen ironischen Note erzählt der Journalist dann, was Kehlmann bei diesem Treffen so alles verspeiste.

Zwischen den Zeilen schwingt die zuvor gelesene Kurzgeschichte Kehlmanns mit und man fragt sich unweigerlich, welche Parallelen es wohl zwischen Kehlmann und Richter oder auch zwischen Soboczynski und Rabenwall gibt. Die beiden Texte ergänzen sich gegenseitig als ironischer Subtext: Unter der Oberfläche des einen schwingt der andere leise mit.

Skeptischer Blick, fliehende Haaransätze

Der Eindruck wird durch die sehr gelungene Illustration dieses Bandes noch verstärkt: Liegt das aufgeschlagene Buch mit dem Rücken nach oben, so gleichen sich die Zeichnung von Richter und das Foto von Kehlmann frappierend. Skeptisch werfen uns beide einen Blick über die Schulter zu.

Die großartigen, feingliedrigen Bilder stammen aus der Feder von Frank Stockton, der für Magazine wie Esquire, The New Yorker, GQ und Penthouse zeichnet. Den verunsicherten und mit sich hadernden Richter porträtiert er mit übergroßer Stirn und fliehenden Haaransätzen. Der Südkoreaner Heji Shin hat von Daniel Kehlmann viele schöne Denkerfotos gemacht, die überhaupt nicht gestellt und fast schon intim wirken.

Das ganze Paket aus Kurzgeschichte, journalistischem Porträt, Illustrationen und Fotografien ergibt ein sehr schönes Büchlein. Im höchsten Maße als Weihnachtsgeschenk geeignet, über das sich besonders Kehlmann-Fans, Journalisten und medienscheue Autoren freuen dürften.

Autor: Daniel Kehlmann
Titel: Leo Richters Porträt
Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 73 Seiten
Preis: 8 Euro
Erscheinungsdatum: 1. Dezember 2009

bla/news.de

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