Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
So ganz sind Tattoos noch nicht aus der Schmuddelecke raus. Doch auch im Fernsehen wird reichlich Image-Pflege betrieben. Und die großen Tattoo-Künstler aus den USA sind durchaus echte Stars. Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen.
Es ist noch gar nicht so lange her, da standen Tatöwierer am Rande der Gesellschaft, wurden in einem Atemzug genannt mit dem Pöbel, der sich in Hafenspelunken herumtrieb, mit Wilden aus fremden Ländern oder Häftlingen, denen ohnehin nicht über den Weg zu trauen war. Heute ist das anders, zumindest teilweise. Heute werden einige Tatöwierer Tattookünstler genannt. Und Tattookünstler sind Rockstars. So wie Kat von D.
Die 27-Jährige mit deutschen Vorfahren, die eigentlich den klingenden Namen Katherine von Drachenberg trägt und aus dem Nordosten Mexikos stammt, bringt alles mit für diesen Status. Sie ist die Freundin von Nikki Sixx, dem Bassisten der Rockband Mötley Crüe, sie hat Sex-Appeal und wirkt durchaus ein wenig verrucht, und natürlich ist sie von Kopf bis Fuß tättowiert, obwohl sie die Schmerzen während der Prozedur kaum aushält. Und: Kat von D hat ihre eigene Fernsehsendung, ihre eigenen Fans.
Begonnen hat ihre TV-Karriere bei Miami Ink, einem Format, das vom amerikanischen Sender TLC produziert wurde und hierzulande vom Männersender D-Max ausgestrahlt wurde. Nach Streitigkeiten ging sie 2007 nach Los Angeles, in ihr eigenes Studio, «High Voltage Tattoo», und machte mit einer eigenen Show weiter: L.A. Ink.
Tragik, Glück und Schicksal
Die beiden Formate sind Teil eines Trends. Miami Ink und L.A. Ink folgten international noch London Ink, in Deutschland kam Tattoo – Eine Familie sticht zu, eine Reality-Doku über ein Studio in – nein, nicht Berlin – Trier. Tattoo – Berlin sticht zu jedoch folgte prompt, ebenso wie Global Ink, eine Weltreise auf den Spuren der Tattoo-Kunst. Dazu kommen Spielfilme und Dokus wie das japanische Drama Irezumi oder den Dokumentarfilm Flammend' Herz.
Die Sendeplätze der Ink-Formate unterscheiden sich stark. Miami Ink etwa läuft derzeit täglich morgens um 10 Uhr, Tattoo – Berlin sticht zu wird Freitags zur Primetime ausgestrahlt, die anderen Formate laufen ab und zu einmal. Im Schnitt erreicht der Sender damit nach eigenen Angaben in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen eine Quote von 1,1 Prozent.
Der Plot in allen Formaten jedoch ist der gleiche, ob Metropole oder Kaff: Es geht um die Kunden, die Tätowierer und die Geschichten dahinter, es geht um die Schicksale der Menschen, die Auslöser, sich ein Tattoo stechen zu lassen, um Krisen und Todesfälle, tragische und glückliche Momente. Es menschelt einfach, es knistert auch schonmal. Und es tut weh, auch beim Hingucken.
Man könnte das, was in diesen Sendungen passiert, als Aufklärungsarbeit bezeichnen. Aufklärungsarbeit für ein Metier, das sein Schmuddel-Image abschütteln will. Und für die Emanzipation, ist Kat von D doch immer noch eine der wenigen Tattookünsterlerinnen, die es zu echter Prominenz gebracht haben.
Promis und ihre Tattoos
Um sie herum stechen sonst nur Männer. Ami James, Chris Núñez oder Chris Garver, sie allen haben einen Ruf über die Tattooszene hinaus. Bei den deutschen Ablegern indes kennt man eher die Kunden, Sido etwa, den Berliner Rapper, oder Mieze, sie Sängerin der Band Mia. Namen wie Daniel Krause, Alex Marhsall oder Jessie Fender sind kaum jemandem geläufig.
Dabei sind Tattoos keineswegs aus der Mode, wie man denken könnte, ganz im Gegenteil. Prominente wie David und Victoria Beckham, Angelina Jolie, Scarlett Johansson, Justin Timberlake oder Robie Williams, sie alle haben ein oder mehrere, missratene oder gelungene Tattoos. Und sogar die Modelbranche, in der es einst noch als undenkbar galt, mit verschandelter Haut den Laufsteg zu betreten, sind Tätowierungen heute nichts ungewöhnliches mehr. Beste Beispiele: Die Topmodels Gisele Bündchen und Heidi Klum.
Der Vorteil an Tattoos: Oft sind sie wirklich Kunst und gerade dann lässt sich wunderbar darüber streiten. Man kann sie lieben oder hassen, man kann sie gelungen finden oder eben nicht, jeder Tätowierer hat seinen eigenen Stil, ähnlich dem Duktus eines Malers. Für Fans der Ink-Serien ist das Zuschauen so etwas wie der Museumsbesuch früher war. Man schaut sich das Ergebnis an und fachsimpelt.
Und manchmal kann eine Sendung auch wirklich etwas bewegen. Wie im Fall von Kat von D, die dadurch nicht nur prominent und wohlhabend geworden sein dürfte. Auch ihre Eltern, einst christliche Missionare, hat sie inzwischen von ihrer Arbeit überzeugen können, wie sie Spiegel Online verraten hat: «Inzwischen sind meine Eltern glücklich mit dem, was ich tue. Und das hat sicher mit meiner Show zu tun. Meine Eltern dachten früher bei Tattoos an Drogen und Knast. Aber jetzt sehen sie, dass sich alle möglichen Leute tätowieren lassen, und dass jeder einen sehr persönlichen Grund dafür hat. Nach der ersten Episode rief mich mein Vater an und sagte: Kathy, ich hatte ja keine Ahnung, was du wirklich tust.» Nun weiß es die halbe Welt.
ped/news.de