Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Als der Sommer ging, kamen beim Fernsehen die großen Premieren. Die Sender setzten große Hoffnungen auf ihre vom Stapel laufenden Flaggschiffe: Kerner und Pocher sollten Sat.1 retten, Die Vorleser den Intellekt beim ZDF. Viel ist davon nicht geblieben.
Die Vorleser: Zurück in die Nische
Für das ZDF ging es um die Ehre: Nach Elke Heidenreichs Schmähkritik am Sender hatten die Mainzer der Moderatorin des Literaturmagazins Lesen! gekündigt und ihr Format beendet. Zehn Monate brauchte der Sender, um im Juli mit dem Nachfolgeformat Die Vorleser auf Sendung zu gehen.
Doch schon die Premierensendung fiel beim Publikum durch: 880.000 Zuschauer wollten Amelie Fried und Ijoma Mangold sehen – ein Marktanteil von 4,1 Prozent. Zuletzt schafften die beiden es mit Müh und Not über die Drei-Prozent-Marke – geradezu desaströs für eines der intellektuellen Flaggschiffe des ZDF. Besonders bitter: Zwar war auch Elke Heidenreichs Lesen! nie Quotenkönig, in den meisten Fällen aber lief es mit mehr als einer Million Zuschauer deutlich besser.
Die Kritiken trugen dazu bei, dass Die Vorleser zum Flop wurden: «Bieder wie ein Kaffeekränzchen» urteilte Spiegel Online, als «Einschlafhilfe» bezeichnete DerWesten die Sendung. Und news.de-Redakteur Christian Vock wurde durch die Premierensendung gepeitscht: «Ehe man es sich im Fernsehsessel gemütlich gemacht hatte, war die Fahrt auch schon vorbei.»
3nach9: Kein Skandal mit Charlotte Roche
Elke Heidenreich ist auch an einer weiteren Fernsehpremiere 2009 schuld: Amelie Fried folgte ihr im ZDF nach, weswegen der NDR auf der Suche nach einer neuen Partnerin für Giovanni die Lorenzo bei 3nach9 war. Die Wahl fiel auf Charlotte Roche. Trugen Politiker zunächst noch moralische Bedenken gegen die Feuchtgebiete-Autorin vor, ist es gleich mit der Premierensendung im September ruhig geworden um die Neue.
Die Zuschauer interessieren sich nicht stärker für die Sendung als vor Roches Zeit. Ebenso unbeeindruckt zeigten sich die Kritiker: «Recht brav» sei Charlotte Roche, war da zu lesen und dass «am Ende alles gar nicht so schlimm» war. Doch kann das Wort von «No news are good news», «keine Nachrichten sind gute Nachrichten» hier gelten: Zwar hat Charlotte Roche nicht das vom Sender erhoffte breite, öffentliche Interesse gebracht, doch macht sie ihren Job einfach gut, findet news.de-Redakteur Florian Blaschke: «Charlotte Roche ist wie geschaffen für eine Talkshow wie 3nach9», ist sie doch vor allem eines: authentisch.
Harald Schmidt: Viel Theater um wenig
Harald Schmidt mühte sich, nach seinem glücklosen Intermezzo mit Oliver Pocher zurück zum Intellekt zu finden. Knallharte Themen aus Politik und Kultur statt Nazometer sollte es geben. Und Theater: Zusammen mit dem Stuttgarter Schauspielhaus sollte das «Fernsehen mit Theater infiltriert» werden. Der Altmeister des Late Night kann es noch, so die Botschaft an Fernsehdeutschland.
Das aber wollte die Show Harald Schmidt zum Auftakt mehrheitlich nicht sehen: 1,39 Millionen Zuschauer schalteten ein, bei den 14- bis 49-Jährigen ein magerer Marktanteil von 7,2 Prozent. Einen Monat später war der Marktanteil dann schon beim gesamten Publikum auf diesem Niveau.
Von einem Flop ist dennoch nicht die Rede – weder seitens der ARD noch seitens der Kritiker. Sie lobten den neuen Schmidt fast einhellig. «Das ist glänzend», jubilierte Spiegel Online und auch news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann fand Schmidt zuweilen «richtig schön giftig».
Und die ARD? Die hält die Füße still – vielleicht weil ihr Moderator höchst selbst ein in der Branche ungewöhnliches Quotenziel ausgegeben hat: Er wolle, dass weniger als eine Million zuschauen. Und die sollten bitte alle einen hohen Bildungsstand haben. Hoffentlich hat er das nicht ironisch gemeint: Die Eine-Million-Marke hat er bald geknackt – nach unten, versteht sich.
Oliver-Pocher-Show: Außer Schweinegrippe nichts gewesen
Oliver Pocher war beleidigt. Bei der ARD habe man sein Talent neben Harald Schmidt nicht erkannt, deswegen versuche er es jetzt eben alleine, ließ er sich zitieren. Die Oliver-Pocher-Show startete Anfang Oktober auf Sat.1. Der in diesem Jahr stark gebeutelte Sender brauchte den Erfolg fast noch dringender als Pocher selbst – auch ein Grund für die medienwirksamen Moderatoreneinkäufe: Neben Oliver Pocher kam auch Johannes B. Kerner.
Zum Auftakt konnte Pocher Sat.1 nicht helfen: 1,53 Millionen Zuschauer wollten die Sendung am 2. Oktober insgesamt sehen, der Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen blieb mit 10,4 Prozent sogar noch unter dem eh schon schlechten Sat.1-Durchschnitt. Die zweite Sendung schaffte noch nicht einmal die Zehn-Prozent-Marke, im November dann der endgültige Tiefpunkt bei knapp sieben Prozent. Da musste schon die Schweinegrippe helfen: Wegen der konnte Oliver Pocher seine Sendung am vergangenen Freitag nur von zu Hause aus moderieren. Der Medienrummel um diese Aktion brachte Pocher 11,2 Prozent Marktanteil. Aber auch das ist unter Senderschnitt – zum Sat.1-Retter reicht es noch nicht einmal mit Hilfe des Virus.
Waren die Kritiken zu Pochers Premieren-Show noch vorsichtig optimistisch, hagelte es danach nur noch Tadel: «Seine Autoren haben leide keine guten Ideen», konstatierte welt.de neulich nüchtern. Und für stern.de steht fest, dass Pocher nur eines richtig gut kann: geschmacklos sein.
Kerner: Vom Heilsbringer zum Sorgenkind
Neben Pocher versprach auch der Wechsel Johannes B. Kerners zu Sat.1 bessere Zeiten. «Sat.1 ist überlebensfähig», verkündete der Moderator selbst vor dem Start seiner Show Anfang November – ganz so, als ziehe er das selbst in Zweifel.
Kerner ist für den überlebensfähigen Sender seitdem aber nur ein weiteres Sorgenkind – vor allem bei den Zuschauern: Seine Talkshow startete mit 6,5 Prozent Marktanteil deutlich unter Senderschnitt, rutschte in der zweiten Woche noch weiter ab und verlor in Woche drei den Sendeplatz am Montag. Nun darf Kerner zuweilen erst gegen Mitternacht ran. Eine Verzweiflungstat, schloss Sat.1-Geschäftsführer Guido Bolten doch genau das im Vorfeld ausdrücklich aus.
Wenn eine Sendung so kompromisslos bei den Zuschauern durchfällt, sind die Kritiken beinah unerheblich. Aber auch hier enttäuschte Kerner. Die Sendung sei «ein derart schlechter Abklatsch von stern TV» fand stern.de. Zwar kann man den Kollegen bei dieser Formulierung Befangenheit unterstellen, aber auch Spiegel Online meinte, dass Kerner «vor allem viel, aber nichts richtig» machte. Und news.de-Redakteur Florian Blaschke urteilte über die Kerner-Premiere: «Ein Straßenfeger sieht anders aus.» Welt Online ließ sich vier Wochen Zeit, was die Schlussfolgerung jedoch über Kerner nicht milderte: «Die Seichtigkeit erreichte ihren Tiefpunkt», hieß es.
bla/nbr/news.de