Susan Boyle singt Musikgeschichte
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Von Sebastian Döring
Artikel vom 01.12.2009
Sie wurde als Sängerin zum Weltstar, ohne ein einziges Lied veröffentlicht zu haben. Jetzt kommt Susan Boyles erste Platte - und das Fieber um die schottische Hausfrau steigt wieder. Denn diese Stimme ist echt und hat das Format für die Klassiker, die sie singt.
Von der schottischen Hausfrau über Nacht zum Weltstar: Das ist Susan Boyles Legende. Sie hat mit ihrer Stimme Millionen von Menschen in den Bann gezogen. Dabei veröffentlichte sie noch nicht mal ein eigenes Lied. Doch nun ist es soweit, kurz vor Weihnachten kommt ein Susan-Boyle-Album auf den Markt, und das Fieber steigt.
I Dreamed A Dream ist ab Freitag auch in Deutschland zu haben. Die Sammlung von Interpretationen weltbekannter Klassiker ist so häufig vorbestellt worden wie keine andere Platte je zuvor. Das Interesse an Boyle hat Ausmaße, die an Michael Jackson erinnern: Ihre Videos wurden mehr als 300 Millionen Mal auf dem Internetportal YouTube gesehen. Die Musikwelt steht Kopf.
Denn Boyle ist viel mehr als eine begabte Sängerin. Ihre Geschichte menschelt - wurde die 48-Jährige doch einst als «hässliches Entlein» verspottet. Als sie zu Beginn des Jahres in der TV-Castingshow Britain's Got Talent (das britische Gegenstück zum RTL-Format Das Supertalent) auftrat, galt sie noch als etwas wirre Hausfrau. Die Boulevardpresse stürzte sich auf die dickliche Frau mit dem krausen Haar. Der Hype um sie wurde so groß, dass Boyle zeitweise in einer Nervenklinik behandelt werden musste.
Wer das Album abspielt, bleibt schon beim ersten Lied hängen. Wild Horses, einen Klassiker der Rolling Stones aus dem Jahr 1971, singt die Schüchterne mit einem Selbstbewusstsein, einer Inbrunst und Aufrichtigkeit in der Stimme, wie es populäre Musik lange nicht mehr geboten hat. Boyle macht Gänsehaut. «Es war wichtig, dass ich alles fühlen konnte, was ich sang», sagt sie. Erfahrene Produzenten und Plattenbosse waren bei den Aufnahmen fassungslos.
Sie versprach der Mutter, «Jemand» zu sein - und wurde es
Boyle hält dem Musikgeschäft den Spiegel vor. Mit ihrer Stimme zeigt sie der Branche, dass der Gesang das zentrale Element eines Liedes ist - nicht das Aussehen, nicht das Marketing. In Britain's Got Talent wurde ein schlummerndes Talent geweckt, das ihre Umwelt lange unterdrückt hatte, wie Boyle sagt. Sie sei von Lehrern geschlagen, von Mitschülern gemobbt worden.
«Ich möchte dieses Album meiner lieben Mutter widmen, der ich ein Versprechen gab, ‹jemand zu sein›», schreibt Boyle mit kindlicher Handschrift in das beiliegende CD-Heftchen. Am 21. Januar dieses Jahres wurde sie «Jemand» über Nacht. In der britischen Talentshow überraschte der pummelige Wuschelkopf Jury und Zuschauer mit der Interpretation des Musical-Liedes I Dreamed A Dream. «Ich hatte Glück, dass ich genommen wurde. Das war eigentlich alles.» In der gleichen Show wurde auch schon der Sänger Paul Potts bekannt.
Auf dem Debütalbum beweist die Mezzo-Sopranistin das Repertoire ihrer Stimmkraft. In der langsamen Blues-Ballade Cry Me A River singt Boyle warnender und kräftiger als Ella Fitzgerald, für die das Lied 1953 geschrieben wurde. Julie London, die vor Fitzgerald den Song aufnahm, schaffte es nicht so gefühlvoll und erotisch hauchend wie Boyle. Sie liegt harmonisch in der Mitte beider Versionen.
Mit Madonnas Ballade You'll See ist die Schottin mehrfach beim Vorsingen in Wettbewerben gescheitert. Ihr Lieblingslied rühre sie immer wieder zu Tränen. Im Vergleich zum Original verleiht ihre glasklare Stimme dem Lied mehr Dramatik und Trauer - und gewinnt an Stärke und Selbstbewusstsein. Diese Reise schaffte Madonna selbst am Computer nachbearbeitet und mit unterstützender Zweitstimme nicht.
Boyles Platte ist eine Reise durch die Musikgeschichte. Sie verleiht den ausgewählten Liedern einen gewissen Glanz, den die Künstler ihnen ursprünglich nicht geben konnten oder wollten. Solche Stücke sind auch Daydream Believer von The Monkees (1967) und The End Of The World von Skeeter Davis (1962). Boyle singt zwar keine eigenen Lieder, aber das machen die meisten Popmusiker nicht mehr.
Eine Sache kann Susan Boyle allerdings noch nicht: sich so öffentlichkeitswirksam zu verkaufen, wie man es von Musikstars gewohnt ist. Doch gerade das macht ihren Charme auch aus. Als Anfängerin im Musikzirkus wirken ihre Bewegungen bei Live-Auftritten ungelenk und gelegentlich - wie auch ihre Stimme - zu impulsiv. Nun wird auch Boyle immer professioneller. Mittlerweile hat sie eine ordentliche Frisur, legt Make-up auf und stieg zur Veröffentlichung ihres Debütalbums sogar in ein schwarzes Paillettenkleid.
iwi/juz/news.de/dpa
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