Von Jelena Pflocksch
Marion Gräfin Dönhoff gehört zu den einflussreichsten Journalisten des 20. Jahrhunderts. Als sie 2002 im Alter von 92 Jahren stirbt, hat sie ein bewegtes Leben hinter sich. Eine Dokumentation rekonstruiert nun ihren Weg von der Gräfin aus Ostpreußen zur international angesehenen Publizistin.
Eine ältere Frau sitzt im Schnee und spuckt in hohem Bogen aus. Die Szene ist so typisch wie untypisch für eine Frau, deren Leben alles andere als konventionell war, und die nur schwer zu porträtieren ist. Der NDR hat sich an Marion Gräfin Dönhoff herangewagt und rekonstruiert anlässlich ihres 100. Geburtstages den Lebensweg der großen Dame in zwei Versionen. Die ARD zeigt die kürzere, 45-minütige Dokumentation heute um 23.30 Uhr. Am 27. Dezember strahlt der NDR um 12 Uhr eine doppelt so lange Version aus.
«Es war eine große Herausforderung, dieses reichhaltige Leben in 45 Minuten zu erzählen», sagt Autor Ingo Helm. Dieses Leben sei sogar so reichhaltig, dass auch 90 Minuten kaum ausreichten, ergänzt NDR-Redakteur Alexander von Sallwitz. Die Dokumentation Die Gräfin aus Ostpreußen – Das Leben der Marion Dönhoff vermeidet daher die chronologische Aufzählung der einzelnen Stationen auf deren Lebensweg. Vielmehr wurde eine Filmstruktur gewählt, die sich in einer Mischung aus Zeitzeugenerinnerungen, Spielfilmsequenzen und Originalbildaufnahmen der Persönlichkeit Dönhoff in all ihren Widersprüchen nähert.
Dönhoff wurde am 2. Dezember 1909 auf Schloss Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Da aus ihrem «ersten Leben», der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, laut NDR keine bewegten Bilder existieren, wurde diese Phase szenisch nachgespielt. Dabei kommen Schlüsselerlebnisse ihrer Kindheit und Jugend vor, wie Ausritte mit Cousine Sissi und Cousin Heinrich Graf Lehndorff oder Oberkutscher Karl Grender. Dönhoffs Beziehung zu den Eltern und zu ihrer behinderten Schwester Maria werden ebenso thematisiert wie ihre kommunistischen Aktionen, die ihr den Titel «Rote Gräfin» einbrachten. Ergänzt werden die Szenen durch Erzählungen von Dönhoff selbst und Weggefährten.
Widersprüche in der Persönlichkeit
«Wir mussten uns beeilen, zunächst die Aussagen der sehr betagten Zeitzeugen einholen», sagt Helm. So starb inzwischen Ralf Dahrendorf, der sich im Film an Dönhoff erinnert. Neben Freunden, Verwandten und Nachbarn kommen auch Dönhoffs Biografen Alice Schwarzer und Klaus Harpprecht zu Wort. An ihr «zweites Leben» nach dem Krieg, wie sie es selbst nannte, als Herausgeberin der Zeit, einflussreiche Journalistin und Bestsellerautorin erinnern sich Zeitzeugen wie Helmut Schmidt, Egon Bahr oder Theo Sommer sowie in der 90-minütigen Version auch Henry Kissinger und viele mehr.
Die Einteilung in «die zwei Leben» der Marion Dönhoff sei bewusst gewählt worden, sagt Produzent Stephan Lamby. «Ihr späteres Leben ist vor dem Hintergrund der Jugend in Ostpreußen zu verstehen.» Um beide Leben miteinander in Verbindung zu setzen, sei die Dokumentation so strukturiert, dass beide Teile ineinandergriffen und abwechselnd Rückblenden aus der Kindheit und aus der jüngeren Vergangenheit gezeigt würden, unterbrochen durch die Einordnung der Zeitzeugen.
Helm gelingt es, die verschiedenen Facetten im Charakter der Marion Dönhoff zu zeigen, wobei er sich auf die wichtigen Momente dieses ereignisreichen Lebens konzentriert. Zugleich schreckt er auch vor einer kritischen Betrachtung nicht zurück, wenn es darum geht, die Widersprüche in Dönhoffs Persönlichkeit zu hinterfragen. «Hat sie befürchtet, ihre weiße Weste zu beflecken?», wird im Film hinsichtlich der Tatsache gefragt, dass Dönhoff ihr Leben lang zur Nazi-Vergangenheit ihres Bruders Christoph schwieg.
Besuch in der verlorenen Heimat
Viele Überlegungen, die Dönhoff zu interpretieren, überlässt der Film den Zeitzeugen. Warum sie nie geheiratet hat, ob es einen Mann in ihrem Leben gab, warum sie mit Männern besser umgehen konnte als mit Frauen, dass sie als Chefin oft wie eine Gutsherrin agierte, dass sie selten Gefühle zeigte und doch eine warme Herzlichkeit besaß – all dies wird differenziert beleuchtet. Die Widersprüche in ihrem Leben werden von einer kontrastreichen Bildsprache begleitet, beispielsweise wenn das Bild rasant von den grünen Wiesen Masurens zum vom Krieg zerstörten Hamburg wechselt.
Der Film endet gelungen mit einem Besuch Dönhoffs in der verlorenen Heimat auf der Suche nach Spuren des elterlichen Besitzes. Damit wird einmal mehr Bezug auf ihre Zerrissenheit zwischen der Liebe zu Ostpreußen und dem Bestreben nach Aussöhnung genommen, die das Leben der Dönhoff kennzeichneten. «Vielleicht ist dies der höchste Grad der Liebe – zu lieben ohne zu besitzen», sagt Dönhoff im Film. Das Porträt endet unsentimental: «Sie ist 92 Jahre alt geworden.»
bla/voc/news.de/ddp