Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Nils Haack verkauft Stoffe im Internet. «Das geht nicht», hat er am Anfang gesagt bekommen. Stoffe müsse man fühlen und anfassen. Deshalb hat Haack für seinen Shop stoffe.de eine Software entwickelt, die das Anfassen ersetzen soll.
Sie handeln mit Stoffen im Netz. Wo liegen die Probleme beim digitalen Verkauf klassischer Kaufhausgüter?
Haack: Speziell bei Stoffen ist das natürlich die Haptik. Unsere Kundinnen wollen wissen, wie sich ein Stoff anfühlt, wie er sich bewegt oder wie er Licht reflektiert. Am Anfang haben wir immer gesagt bekommen: «Das geht nicht, das könnt ihr nicht machen.» Wir haben also angefangen, Muster zu versenden, die man zu Hause in der Hand hat. Außerdem muss der Verkauf online emotional gestaltet werden. Nur durch die genaue, realistische Präsentation unserer Ware können wir Enttäuschungen und Retouren vorbeugen.
Was genau meinen Sie mit emotionaler Darstellung?
Haack: Wir haben beispielsweise Produktvideos in unseren Online-Shop integriert, die ausgewählte Stoffe in Bewegung zeigen. Dank eines vor kurzem gelaunchten Features kann man zudem schon vor dem Kauf sehen, wie der ausgewählte Stoff nach der Verarbeitung zum Beispiel als Gardine, Tischdecke oder Kissen wirkt: Denn insbesondere Nähanfängerinnen können sich oft nicht vorstellen, wie das Muster des Stoffes in der Fläche aussieht. Die Darstellung bleibt auf dem Bildschirm natürlich zweidimensional. Aber wir wollen auch online der Vorstellung vom fertigen Produkt möglichst genau entsprechen.
Für das Blog kreative.stoffe.de senden Kunden ihre fertig genähten Kleidungsstücke ein, werden dort präsentiert und können Einkaufsgutscheine für stoffe.de gewinnen. Wie ist die Idee zum Blog entstanden?
Haack: Das kam über Rückmeldungen der Kundinnen, die uns gesagt haben: «Hier guckt mal, was wir aus euren Stoffen gemacht haben.» Da waren wir sehr begeistert und haben uns überlegt, wie man das einbinden kann. Wir wollten die Produkte präsentieren und uns gleichzeitig bei den Userinnen bedanken. Als Lösung erschien uns das Blog optimal.
Wie zufrieden sind Sie mit dem Verlauf des Projektes?
Haack: Sehr! Vor allem mit der Resonanz, die wir bekommen haben. Wobei man sagen muss, dass das rein wirtschaftliche Ergebnis natürlich schwer zu beurteilen ist, also ob die Leute nun wirklich daraufhin mehr gekauft haben. Das Blog hat uns aber gezeigt, dass für unsere Kundinnen mehr zählt als nur der Einkauf von Waren. Im Blog haben sie die Möglichkeit, mit anderen Nähfans in Kontakt zu treten, sich über ihre Nähideen auszutauschen und sich gegenseitig Tipps zu geben.
Es ist Ihnen also nicht wichtig, dass sich das direkt niederschlägt im Betriebsergebnis?
Haack: Naja, es ist natürlich ein Aufwand, der irgendwie finanziert werden muss. Aber wir sehen es hauptsächlich als Serviceleistung an, dass wir so etwas bieten können. Das Projekt ist nicht vor kommerziellem Hintergrund entstanden. Wir haben nicht gesagt: «Damit können wir unseren Umsatz um zehn Prozent steigern.» Das ist so gar nicht nachvollziehbar.
Trotzdem dann für ein solches Projekt Kapazitäten frei zu machen, ist mutig. Schätzen Sie Ihre Konkurrenz auf diesem Gebiet ähnlich beweglich ein?
Haack: Ich hoffe, dass das einer unserer Vorteile ist, da wir mit stoffe.de direkt im Internet angefangen haben und das Angebot darauf zuschneiden konnten. Wir haben als Konkurrenten viele alt eingesessene, reine Stoffverkäufer, die so langsam alle online gehen. Wir versuchen uns abzuheben, indem etwas auf der Seite passiert, die Leute aktiv an der Gestaltung mitwirken und unsere Produkte bewerten können.
Heißt bewerten und mitwirken auch, dass Kunden konkret Einfluss auf das Angebot im Shop haben?
Haack: Für uns ist das sehr wichtig. Wenn zum Beispiel gehäuft ankommt «Habt ihr dazu noch verschiedene Farben?» kümmern wir uns natürlich darum, unser Angebot entsprechend zu erweitern. Das ist aber immer ein Risiko und der Kunde bestimmt das Angebot letztlich immer maßgeblich durch sein Kaufverhalten.
Sie haben Erfahrungen im analogen Stoffvertrieb. Ist es online einfacher geworden, sich mit den Kunden auszutauschen?
Haack: Es ist sehr viel schnelllebiger geworden. Man selbst muss schnell reagieren und bekommt ebenso schnell die Antwort vom Kunden zurück. Ich kenne noch die Zeit, wo man über Messen gegangen ist und sich zweimal im Jahr mit dem Kunden getroffen hat. Insofern ist es online natürlich arbeitsintensiver, hat aber den Vorteil, dass man den Kunden sehr viel schneller begeistern kann.
Wie wichtig im E-Commerce-Bereich eine griffige Domain wie stoffe.de?
Haack: Fast entscheidend, für uns zumindest. Gerade am Anfang hat die Domain sehr viel geleistet: Es kam fester Type in traffic von Besuchern, die den Domainnamen direkt in die Adresszeile des Browsers eingegeben haben. Außerdem ist ein Domainname wie stoffe.de im Bereich der Suchmaschinenoptimierung von nicht unerheblicher Bedeutung. Und wenn die Leute zufrieden sind, ist der Satz «Das habe ich bei stoffe.de gefunden» auch sehr einprägsam.
Nutzen Sie Social-Web-Dienste wie Twitter oder Facebook?
Haack: Wir haben jetzt angefangen, bei Twitter aktiv zu werden. Da geht es darum, den Kunden noch schneller Informationen darüber zukommen zu lassen, was bei uns passiert. Was das angeht sammeln wir noch Erfahrung, aber die Resonanz ist bisher positiv.
Was genau meinen Sie damit?
Haack: Wenn die Meldung rausgeht, merken wir deutlich, dass der Traffic auf der Seite steigt.
Soziale Netzwerke sind kein Thema?
Haack: Facebook zum Beispiel sehe ich eher personenbezogen. Das würde beim Kunden auch nicht gut ankommen. Das ist eher etwas für den zwischenmenschlichen Kontakt ist, wo nicht unbedingt Kommerz hinein gemischt werden sollte.
voc/news.de