So., 27.05.12

«Anne Will» 30.11.2009 Das Lächeln der Ministerin

Anne Will (Foto)
ARD-Talkerin Anne Will.  Bild: ARD

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Harald Martenstein spricht von Wahnsinn, ein Student erzählt vom Bulimie-Lernen und Annette Schavan nimmt das Wort "Lust" in den Mund. Bei «Anne Will» wird über die Bildung diskutiert - ein Anlass für die Ministerin, das Märchenbuch herauszuholen.

Fast müsste man den Hut ziehen vor Annette Schavan. Nichts lässt die CDU-Bildungsministerin aus der Ruhe bringen. Weder von Anne Will und ihrem Thema «Wa(h)re Bildung - hast Du was, wirst Du was!» noch von SPD-Urgestein und Sozialpolitiker Rudolf Dreßler, nicht vom Tagesspiegel-Journalisten Harald Martenstein oder der PR-Beraterin und Mutter Astrid Nelke, und schon gar nicht vom Freiburger Studenten Ben Stotz, seit diesem Jahr Mitglied im Bundesvorstand des Sozialistisch-Demokratischen Studierendenverbands Die Linke.SDS.

Dabei wird derzeit im ganzen Land gegen Schavan und ihre Politik demonstriert, gegen den Bologna-Prozess und Studiengebühren, gegen mangelhafte Lehr- und Lernbedingungen an den Universitäten. Doch Schavan lächelt nur milde.

Was folgt, ist die ultimative Lobhudelei, ein Hochgesang auf die Lust aufs Studium, die Schavan entdeckt haben will, auf die Umstellung nach Bologna, die gut laufe. Und die 54-Jährige hat sogar die Chuzpe, die Studiengebühren hochzuhalten und zu behaupten, sie hätten die Studierenden selbstbewusster gemacht. Student Stotz kontert später halbherzig, der wichtigste Effekt von Studiengebühren sei in allen Ländern der Protest gewesen. Zwölf Fachhochschulen habe sie besucht, erzählt Schavan, und überall habe sie positive Eindrücke gewonnen. Es muss eine Märchenwelt gewesen sein, in der sie da zu Besuch war.

Reinstopfen, Auskotzen, Vergessen

Was Stotz berichtet und was auch Anne Wills Redaktion für die Einspieler recherchiert hat, klingt anders. Da ist von überfüllten Hörsälen die Rede und von miserablen Betreuungsquoten, von mangelhaft ausgestatteten Instituten und der Bürokratisierung des Studiums, da prägt Stotz den Begriff des Bulimie-Lernens, «in möglichst kurzer Zeit, möglichst unter großem Druck möglichst viel in sich reinzustopfen, nur mit dem Ziel, es nach der Prüfung wieder auszukotzen und wieder zu vergessen».

Dazwischen betreibt Anne Will auch selbst höchst unterhaltsame Bildung. Zitate-Raten etwa. Wer sagte beispielsweise: «Wenn in einigen Staaten (...) auch ‹höhere› Unterrichtsanstalten ‹unentgeltlich› sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen [zu] bestreiten»? Die Aufgabe gilt Dreßler und der scheitert: «Ich habe keine Ahnung, aber wenn sie mich so fragen, vermute ich, dass es jemand sein muss, der mir politisch näher steht als Frau Schavan.» Hoppla. Es wäre Marx gewesen, der erste und einzige echte Lacher des Abends. Und Dreßler kontert: «Ich vermute mal, dass selbst dieses Näherstehen für Karl Marx gilt.»

Es gibt sonst nicht viel zu lachen in der knappen Stunde. Gegen die offenkundige Realitätsblindheit Annette Schavans hilft auch der Versuch Harald Martensteins wenig, die Diskussion vom Geld wegzuführen, hin zu Punkten wie der Verschulung des Studiums, hin zu seinem Gefühl, die Bildung werde zu Tode reformiert. Was Martenstein da erzählt, erinnert ein wenig an das Plädoyer für den Bummelstudenten, das Adam Soboczynski kürzlich in der Zeit veröffentlichte. Ob ein Professor charismatisch ist, lasse sich eben in der bürokratischen Welt der Politiker nur schlecht in Käsekästchen malen, so Martenstein. Es gehe nicht darum, wie schnell jemand studiere, sondern in welcher Verfassung er den Arbeitsmarkt betrete. Es gehe um den Grad der Bildung, um Kreativität, um Persönlichkeit.

Englisch ist wie Zähneputzen

Von Persönlichkeitsbildung spricht auch Annette Schavan. Nur wie die vonstatten gehen soll in überfüllten Hörsälen und Seminaren, ohne anständige Betreuung und ausreichende Lehrmittel, das verrät sie nicht. Vielleicht sind ja die Fasttrack-Kids eine Lösung, die Kinder auf der Überholspur, wie ein Lernprogramm für Kleinkinder heißt, das auch eines der Kinder von Astrid Nelke besucht. Das aber sei erstens nicht ganz so dramatisch, wie der Einspieler glauben macht, zwei Stunden pro Woche lernten die Kleinen in dieser Gruppe, und zweitens sei Englisch heute wie Zähneputzen, so Nelke. Harald Martenstein nennt das schlicht Wahnsinn. Und Anne Will stellt noch die Frage, ob es da wirklich um die Kinder gehe oder nicht viel mehr um die Ängste der Eltern, nicht genug für ihre Kinder getan zu haben. Damit ist das Kapitel frühkindliche Bildung und internationaler Wettlauf abgehakt.

Es ist einer der vielen Punkte, bei dem an diesem Abend unbeantwortete Fragen bleiben. Zu viel wird konstatiert, zu wenig wirklich in die Zukunft geblickt, debattiert, nach Lösungen gesucht. Anne Will hat sich aber auch eine harte Nuss ausgesucht, mit einer beratungsresistenten Bildungsministerin in der Runde, die erstens nicht beantworten kann, warum die Politik eine Bildungsmisere wie die aktuelle überhaupt zugelassen hat, und die sich zweitens damit zu begnügen scheint, dass der «Gegensteuerungsprozess», wie sie das nennt, bereits begonnen habe.

Der Rest der Runde wiederum hat Schavan kaum etwas entgegenzusetzen. Gute Argumente genügen eben nicht in einer Diskussion, in der auf diese nicht eingegangen wird, und rhetorische Eleganz nützt nichts gegen eine Frau, die selbst mit 25 bereits promoviert hat und das gern als Maßstab für heutige Studenten nehmen würde.

Einzig Rudolf Dreßler trifft in einem kurzen Moment den richtigen Ton, als er von der Bildung als einem nationalen Problem spricht. Doch der Moment ist schnell verflogen. So wie auch die Wirkung dieser Debatte, die an einer Ministerin scheitert, für die die derzeitigen Proteste eine Naturgewalt sind, wie schlechtes Wetter etwa: «Studenten haben in jedem Jahrzehnt einmal gestreikt», sagt sie und lächelt milde. Stecken wir uns also einfach einen Schirm in die Tasche, für den nächsten Schauer.

tno/news.de
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