Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Coole Gangster, lässige Sprüche. Der große Bruder von Johnny Depp hat ein Buch geschrieben. Stadt der Verlierer ist ein Detektivroman. Das Setting: Die Filmbranche in Los Angeles.
Detektiv Spandau ist ein ganz harter Hund. Aus der Ruhe bringen lässt der sich nicht so leicht. Er trägt Cowboystiefel zu Armanianzügen und fühlt sich in Bars gern wie Jim Morrison. Früher hat er sich als Stuntman vor Autos geworfen und aus Fenstern gestürzt, jetzt bricht er sich nur noch in seiner Freizeit beim Rodeo den Daumen.
Spandau ist der Held in Daniel Depp's Roman Stadt der Verlierer. Ja, genau: Der Name kommt einem doch bekannt vor und tatsächlich ist der Autor der große Bruder von Hollywoodstar Johnny Depp. Daniel Depp ist Drehbuchautor und Produzent. Sein Drehbuch für Johnny Depps Regiedebüt The Brave war für die Goldene Palme in Cannes nominiert. Daniel Depp kennt sich im Filmgeschäft also gut aus und das nutzt er für seinen Roman.
Die Stadt der Verlierer ist Los Angeles. Dort soll Spandau den schnöseligen Schauspieler Bobby Dye beschützen, der einen Drohbrief bekommen hat. Schon bald stellt sich aber heraus, dass etwas ganz anderes dahinter steckt und Spandau braucht die Hilfe seines kampfsportbewanderten Freundes Terry. Auf den Leser warten eine Drogentote im Faltenröckchen, etliche Schlägereien, Verfolgungsjagden und jede Menge cooler Sprüche.
Zickige Agentin, hysterische Fans
Man hört sie geradezu, die knurrige Stimme des Erzählers, der zwischendurch effektvoll Zigarettenrauch ausbläst und die Kippe im Aschenbecher ausdrückt, bevor er mit dem nächsten Kapitel beginnt. Leider protzt der Autor doch zu sehr mit dem Nähkästchen der Filmbranche und auf überraschende Einblicke wartet man leider vergebens.
Daniel Depp zeigt nicht das glitzernde Hollywood, sondern die Fratze hinter der Schminke der Traumfabrik Film. Zickige Agentinnen, hysterische Fans und Schauspieler, die völlig betrunken am Set erscheinen. Trotzdem wirken die Figuren seltsam blutleer, sie strotzen vor Klischees: Der eitle Schauspieler, der lässige Detektiv. Die Frauen sehen natürlich alle hammermäßig aus und tragen Prada oder Givenchy. Liebhaberinnen entschwinden in den Sonnenuntergang.
Auch sprachlich ist vieles erwartbar: Den Erpresserbrief bezeichnet Spandau als «hübsche Bastelarbeit», Schaufeln werden «geschwungen», die Lage «gepeilt». Richtig schmerzhaft wird es in einer Sexszene, als die Frau sagt: «Komm zu Mama, Schätzchen». Sämtliche Floskeln der Filmbranche scheinen auf diesen 317 Seiten zusammengetragen zu sein.
Modetipps vom Anwalt
Schiefe Vergleiche wie «Sie […] hatte das Benehmen einer fleischfressenden Krustenechse» stören den Lesefluss. Wie hat man sich das genau vorzustellen? Was ist überhaupt eine Krustenechse? Und wie zum Teufel benehmen die sich denn? Auch bei den Dialogen ist Daniel Depp recht übermütig: «Für eine Frau, die sogar in einem Modell von Versace wie eine chassidische Jüdin aussieht, reißt du aber mächtig die Klappe auf, Schätzchen.» Daraufhin gibt der Anwalt der Hollywood-Agentin Modetipps. So redet doch kein Mensch. Aber vielleicht ist Hollywood tatsächlich so verrückt.
Und vielleicht ist das ja auch Absicht. Vielleicht will Daniel Depp damit die Oberflächlickeit und Inhaltsleere Hollywoods vorführen, vielleicht ist der harte Hund Spandau als Karikatur gedacht. Aber weil Depp Klischee an Phrase an Floskel reiht, ist das schlicht ermüdend.
Die Geschichte kommt nur sehr schwer in Gang, die ersten hundert Seiten halten sich damit auf, zu schildern, wie lässig sich die Protagonisten durch L.A. bewegen - mit einer schier endlosen Aneinanderreihung von vermeintlich coolen Sprüchen. Warum sich Spandau so für den schnöseligen Schauspieler engagiert, bleibt dabei irgendwie auf der Strecke. Aber bei einem Hollywood-Blockbuster ist die Glaubwürdigkeit einer Story mitunter ja auch nur zweitrangig.
Dafür lässt sich das Buch mit den spannenden und actionreichen Szenen mächtig viel Zeit. Auf Seite 140 ist noch nichts Nennenswertes passiert. Ein paar harmlose Prügeleien und eine Schießerei wird ruckzuck und äußerst gelassen gelöst. In Fahrt kommt das Buch in der zweiten Hälfte, da wird es sogar spannend und auch die Platitüden sind viel dünner gesäät. Im letzten Drittel des Buches gelingt Daniel Depp dann tatsächlich der Blick unter die Fassade und so hat er mit quietschenden Reifen die Kurve doch noch geschafft - wenn man denn bis dahin durchgehalten hat.
Titel: Stadt der Verlierer
Autor: Daniel Depp
Verlag: C. Bertelsmann
Seitenzahl: 317 Seiten
Preis: 19,95 Euro
Erscheinungsdatum: 9. November 2009