«Wir kriegen sie alle»
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Von news.de-Redakteurin Rieke Havertz
Artikel vom 26.11.2009
Qualität im Journalismus hängt von Kapazitäten ab. Und davon hat Spiegel Online vergleichsweise viel. So kann Chefredakteur Rüdiger Ditz vor Leipziger Studenten entspannt vermelden: Wir fischen in anderen Gewässern als die Konkurrenz.
Rüdiger Ditz ist ein relaxter Typ. Kann er auch sein. Denn anders als FAZ-Herausgeber Günther Nonnenmacher, der kürzlich dem Nachwuchs noch sein Leid klagte, kann der Chefredakteur des führenden deutschen Nachrichtenportals im Netz auf beeindruckende Zahlen verweisen: 620 Millionen Page Impressions im Oktober 2009, voraussichtlich 125 Millionen Visits im aktuellen Monat November. Irgendwann kriegen wir sie alle, ist sein Motto - ein Hauch von Selbstgefälligkeit weht durch den Saal. Aber die Marke Spiegel kann es sich leisten.
«Revolutioniert das Web den Journalismus?», diese Frage soll Ditz, der seit zehn Jahren bei Spiegel Online ist, beantworten. Kurz und knapp: «Wir revolutionieren die Darstellungsform, nicht den Journalismus - wir können es - salopp gesagt - zappeln lassen.» Bewegte Bilder, animierte Grafiken, Audiofiles. Die Möglichkeiten, es zappeln zu lassen, sind vielfältig. Aber auch der Branchenprimus hat Nachholbedarf.
Spiegel TV im Netz? Hat noch nicht wirklich gut funktioniert. Das gibt auch Ditz zu. «Wir gleichen immer noch einer Zeitung im Netz, da müssen wir uns nichts vormachen. Es sieht häufig noch sehr herkömmlich aus.»
Doch eine gute Geschichte mit allen Möglichkeiten zu präsentieren, die das Internet bietet, braucht Zeit. Für Onlinejournalisten ein hohes Gut. Die rund 100 Redakteure von Spiegel Online können es sich leisten, auch einmal länger an einer Geschichte zu recherchieren, der Großteil der Konkurrenz nicht. Als Konkurrenz sieht Ditz ohnehin nur bild.de - und die fangen andere User ein. «Content is king», der Inhalt ist der König - diese Devise gilt bei Spiegel Online. Dabei profitiert die Nachrichtenseite natürlich vom Flaggschiff Spiegel, das auch schon mal eine Geschichte an die Online-Kollegen abgibt.
Ohne die Symbiose zwischen Print und Online geht es nicht, ist Ditz überzeugt. Auf die Äußerung von Nonnemacher, faz.net sei kein Standbein im Geschäftsmodell des Verlags, reagierte Ditz mit Kritik: «Herr Nonnenmacher denkt in dieser Hinsicht meiner Einschätzung nach zu kurzfristig. Eine journalistische Marke muss junge Leute dort abholen, wo sie sind - im Netz.» Und am besten natürlich bei Spiegel Online.
Dank ihrer Werbeerlöse hat die Seite ein sicheres Standbein, doch darauf allein will sich Ditz nicht verlassen. Das vergangene Jahr hat gezeigt, wie schnell Anzeigenerlöse stagnieren - oder wie im Printbereich - dramatisch einbrechen können. Wie lange also kann es journalistische Inhalte im Netz noch umsonst geben? Ditz mag sich nicht festlegen. Jeder arbeite an einer sogenannten Paid-Content-Lösung, sagt der Branchenkenner. Und dann wagt er sich doch noch etwas hervor. Werde man in den nächsten drei bis fünf Jahren keine Lösung finden, werde es schwierig für journalistische Portale im Netz. Das zweite Standbein, es muss her - auch für den Branchenprimus.
Und wer weiß, vielleicht gibt es mittelfristig auch noch ein drittes Standbein für die großen Spieler. Noch greifen Spiegel Online und Co. die Regionalzeitungen nicht an. Aber nichts scheint unmöglich, wenn man Rüdiger Ditz glaubt. «Momentan macht niemand den Regionalzeitungen im Netz Konkurrenz. Aber wenn sich das ändert, müssen viele Verlage aufpassen, nicht weggespült zu werden.»
Der Vortrag von Rüdiger Ditz war Teil 2 einer Ringvorlesung der Leipziger Universität. Es folgen Termine mit Peter Matthias Gaede, Chefredakteur von Geo (9.12.), Georg Mascolo, Chefredakteur des Spiegel (13.1.2010), dem Verleger Konstantin Neven DuMont (20.1.2010) und ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender (angefragt, Februar 2010)
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