Von news.de-Redakteur Christian Vock
Lange bevor sich die Lafers, Olivers oder Schuhbecks auf den Bildschirmen tummelten, gab es bereits einen Mann, der den Herd vor die Kamera rückte und den Zuschauern Rezepte anpries: Clemens Wilmenrod. Das Erste zeigt nun sein Leben als Spielfilm.
Es wird eng auf Deutschlands Bildschirmen. Wohin das Auge blickt, sieht es Köche im Fernsehen die Löffel schwingen. Sie werben für Küchengeräte, ziehen missionierend durch fremde Restaurants und duellieren sich mit Amateuren in abendfüllenden Shows. Im Fußball nennt man so etwas Rudelbildung. Der Urknall der TV-Kochinvasion jedoch liegt lange zurück. Es war die Zeit, da das Fernsehen in Deutschland langsam das Laufen lernte. Kaum konnte es sich auf den Beinen halten, stand es auch schon am Herd. Verantwortlich dafür war dieser Mann: Clemens Wilmenrod.
Qua Geburt eigentlich Carl Clemens Hahn sieht er ein wenig aus wie Johann Lafer. Der eigenwillige Westerwälder war derjenige, der das Kochen in die bundesdeutschen TV-Haushalte brachte. Der NDR hat die Fernsehvita des Mannes verfilmt, mit einem gut aufgelegten Jan Josef Liefers in der Hauptrolle. Das Spielfilmporträt, das dabei entstanden ist, zeigt einen Mann, der immer mehr sein wollte als das, was man ihm zutraute, dessen Leben taumelte zwischen Selbstfindung und Selbstentfremdung.
Es ist die bieder-graue Nachkriegszeit. Hahn schlägt sich als Schauspieler mit Ein-Satz-Rollen am Theater durch, bis er endlich hinschmeißt, weil ihm die Chance für ein Vorsprechen beim Fernsehen verwehrt wird. Der Bonvivant mit der gestelzten Sprache und dem Charme eines Clark Gable für Arme sieht sich zu Höherem berufen. Er will mehr. Für sich und für seine Frau Erika (Anna Loos). Der wurde gerade der Job gekündigt und die Vermieterin will endlich ihr Geld sehen. Die Not ist groß, doch man liebt sich. «Erfolglos, untalentiert, zu alt», fasst Hahn seine Karrieresituation zusammen.
Da sieht er im Fernsehen eine Sendung, in der einer Schlange in Großaufnahme das Gift aus den Zähnen gedrückt wird. In seinem Kopf arbeitet es. Am Abend wird er zu seiner Gattin sagen: «Stell Dir vor, die Schlange wäre ein Omelett gewesen.» Die Idee zur ersten Kochshow im deutschen Fernsehen ist geboren. «Du kannst doch gar nicht kochen», erwidert Erika, doch das ist für den Schauspieler kein Grund. Beim damaligen NWDR findet seine Idee Gehör und so geht man sie zusammen an. Clemens vor der Kamera und Erika dahinter mit den Kochanweisungen. Am 20. Februar 1953, einem Freitag, um 21.30 Uhr heißt es dann zum ersten Mal: «Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch». So schnell und einfach seine Rezepte in der Zubereitung sind, so eloquent garniert er die Gerichte mit kleinen Geschichten. Mit der Hand rührt er im Topf, mit dem Mund im Herzen der bundesdeutschen Nachkriegshausfrau.
Mit viel Liebe zu den kleinen Nuancen haben Regisseur Kaspar Heidelbach und Drehbuchautor Lothar Kurzawa ein nostalgisches Fernsehfilmrezept kreiert, das Jan Josef Liefers in einer Weise nachkocht, mit der er der Person des Clemens Wilmenrod in seinen verschiedenen Facetten gerecht werden will. Er zeigt ihn als zerrissenene Figur, gefangen zwischen den eigenen Ansprüchen und der Erkenntnis, ihnen nicht gerecht werden zu können, als einen liebevollen Schwätzer, bei dem man nicht sicher ist, ob er wirklich daran glaubt, was er da immer so blumenreich von sich gibt. «Meine lieben goldigen Menschen», begrüßt er seine Zuschauer, um ihnen selbst kreierte oder selbst geliehene Rezepte in poetischen Zitaten vorzuführen, obwohl er von dem, was er da tut, eigentlich nicht die leiseste Ahnung hat. Ein Scharlatan, aber ein liebenswürdiger, der zu Hause vor sich hin köchelt und neue Kreationen zu erschaffen versucht. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
Er gilt als Erfinder des Toast Hawaii und der gefüllten Erdbeere, obgleich es natürlich mehr als töricht erscheint, die Urheberschaft für solch eine einfache Mehrfachleistung wie das Hineindrücken von Mandelblättchen in eine Erdbeere für sich beanspruchen zu wollen. Ein Problem, vor das Wilmenrod im Film wie im wahren Leben noch öfter gestellt werden sollte. Genauso wie vor den Vorwurf der Schleichwerbung. Wilmenrod selbst sieht sich als Künstler, der das Leben und den neu erworbenen Reichtum genießt, ohne an die Folgen zu denken. Um die Finanzen kümmert sich seine Frau und die durchschaut schnell die Regeln des Marktes und schließt zahlreiche Werbeverträge für ihren Mann ab. Finanziell gesehen, so will es der Film, ist bei ihr eher Schmalhans der Küchenmeister. Er, der großzügige Filou, sie, die Vernünftige. Ernie und Bert der TV-Küche, wenn man so will. Eine Diskrepanz, die das Auseinanderdriften der beiden Eheleute einläuten sollte.
An diesem langsamen Bruch hakt der Film ein, zeigt die Wandlung vom erfolglosen Schauspieler zum umjubelten Fernsehstar, dessen Stern jedoch wieder zu sinken beginnt. So schleichend wie die Beziehung des Paares auseinander geht, so schleichend verläuft auch die Spannungskurve des Films. Es gibt nur einen großen Knall im Leben des Clemens Wilmenrod, ganz am Ende, als er sich schwer krank das Leben nimmt. Dazwischen gibt es nur viele kleine Knallfrösche, mal bringen sie ihn in Fahrt, mal werfen sie ihn aus der Bahn.
Schlussendlich bleibt von Es liegt mir auf der Zunge ein widersprüchliches Bild des ersten Fernsehkochs Deutschlands. Über dessen Rezepte die heutige Generation TV-Köche mit Sicherheit die Nase rümpfen würde, denen er aber dennoch den Weg bereitet hat.
Es liegt mir auf der Zunge, 25. November, 20.15 Uhr, im Ersten.
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