Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Jeff Buckleys Album Grace hat Allüren: Es schwelgt in Melodien, ist aber auch exaltiert und unbequem. Die Platte hangelt sich von melodischem Gesang zu Hardrock bis zu psychedelischen Improvisationen und ist deshalb ein Meilenstein für die Singer-Songwriterszene.
Jeff Buckley's Grace ist kein Album, das man mal so nebenbei hört – beim Kochen oder Quatschen mit Freunden. Und auch auf Partys kann man es eigentlich nur auflegen, wenn sich die Schnapsleichen schon auf dem Sofa lümmeln.
Für Grace muss man sich schon Zeit nehmen. Das Album ist eine Diva: Es ist sperrig, vielschichtig und an einigen Stellen auch anstrengend. Das bedeutet aber auch, dass die Musik nicht so vor sich hindudelt, sondern sich eingräbt und den Hörer ganz in Beschlag nimmt. Jeff Buckley hangelt sich von introvertiertem melodischen Gesang zur Gitarre zu Hardrock, macht einen Abstecher in euphorische Improvisation, lässt sich in seinen ornamentalen Gesang fallen.
Neben der etwas verkopften Seite dieses Albums wird der Hörer aber auch mit so herrlichen Hymnen wie Hallelujah, Lilac Wine oder Lover, You Should Have Come Over belohnt. Allein wegen dieser drei Songs verdient Grace einen Ehrenplatz im CD-Regal. Und die kann man dann auch immer und immer wieder hören. Buckleys Hallelujah - im Original von Leonard Cohen - ist einer der schönsten Songs der Musikgeschichte. Er eignet sich für schlimmste Liebeskummerphasen aber auch für frisch verliebtes Schwelgen.
Lilac Wine beginnt mit den beschwörenden Zeilen: «I lost myself on a cool damp night / Gave myself in that misty light / Was hypnotized by a strange delight / Under a lilac tree» und fächert sich schwelgerisch aus. Selten war das Klagelied eines Verlassenen so berückend wie Lilac Wine. Im Original singt Nina Simone den Song, Jeff Buckley verleiht ihm eine emotionale Tiefe, die an einen Abgrund grenzt. Doch er suhlt sich nicht in verzweifeltem Selbstmitleid, sondern legt sich den Schmerz wie eine Decke um die Schultern.
Sein Song Lover, You Should Have Come Over birgt so schöne Textzeilen wie: «Looking out the door / I see the rain fall upon the funeral mourners / Parading in a wake of sad relations / as their shoes fill up with water.» Von einem Ort, der dem düsteren Kosmos von Tim Burton entsprungen sein könnte, flüstert uns Buckely seine Lieder zu.
Knotenpunkt der Singer-Songwriter-Szene
Grace ist Buckleys Studiodebüt. Es ist 1994 erschienen und sollte auch das letzte im Studio aufgenommene Album sein: Drei Jahre später ertrank Jeff Buckley im Mississippi, weil er beim Baden in den Unterstrom vorbeifahrender Schiffe geriet. Die Nachfolgerplatte von Grace befand sich damals noch im Demozustand und erschien posthum als Skizze mit dem Titel Sketches (For My Sweetheart The Drunk). Buckley war erst 30 Jahre alt, als er starb.
Jeff Buckley ist der Knotenpunkt für die Singer-Songwriter-Szene: Radiohead, Coldplay, Rufus Wainwright, Bright Eyes oder Ryan Adams nennen den so früh verstorbenen Musiker als wichtige Inspirationsquelle. Zeit seines Lebens hat Jeff Buckley allerdings versucht, aus dem Schatten seines ebenfalls früh gestorbenen Vaters Tim Buckley herauszutreten. Überall, wo der Sohn in Erscheinung trat, lag der Name seines Vaters schon in der Luft. Selbst das Schicksal des kurzen Lebens teilt er mit ihm.
Vor dem Hintergrund seines Todes wirken die letzten beiden Songs der Platte fast schon unheimlich visionär: «Got my red glitter coffin, man, just need one last nail», singt Buckley im Hardrock-Stück Eternal Life. Nach dem gitarrenlastigen Aufbegehren ist der letzte Song auf Grace eine opulente Erschöpfung, zu der die Drums puckern wie ein Herzschlag.
Interpret: Jeff Buckley
Titel: Grace
Label: Col (Sony Music)
Spielzeit: 54 Minuten