«Ich bin nicht der Kämpfer»
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Sehen Sie sich denn selbst als Held?
Wallraff: Ich lehne das ab. Wenn welche zu mir «Gewissen der Nation» sagen, dann sage ich: «Was müsste das für eine gewissenlose Gesellschaft sein, die meint, einem einzelnen das aufbürden zu müssen?» Ich habe viel zu viele Fehler. In einer Hinsicht kann man von mir lernen, ja, aber überhöht mich nicht. Ich habe ja auch meine Autobiografie angekündigt, nein, nicht angekündigt, mein Verlag hat mir das abverlangt, und da bin ich auch dabei, aber das soll erst nach meinem Tod erscheinen. Das ist auch eine Selbstenthüllung. Da soll auch nach meinem Tod kein Denkmal entstehen.
Haben Sie überhaupt noch ein Privatleben?
Wallraff: Eigentlich geht es nicht, und es waren immer sehr starke Frauen, die das schaffen, die mich auch vorher kennen. Ich habe fünf Töchter aus drei Ehen. Zwei Ehen sind mit daran gescheitert. Aber jetzt, Weihnachten, bin ich mit der Familie wieder zusammen, zwischendurch haben wir nur sporadisch Kontakt. Eigentlich sollte ich zölibatär leben, aber das schaffe ich nicht. (lacht)
Ist das ein Punkt, an dem Sie Ihre Arbeit manchmal bereuen?
Wallraff: Nein. Das ist meine Ausdrucksform, meine Möglichkeit. Ich würde heute sagen, manches hätte ich vielleicht noch intensiver, noch länger machen sollen. Ich hätte früh genug Sprachen lernen sollen, wo das noch leichter ist. Aber das ist schicksalhaft.
Das heißt, Sie haben nie daran gedacht, einfach aufzuhören?
Wallraff: Tot sind wir noch lange genug, nicht? Und das ist für mich auch eine Form, sich zu spüren. Ich bin nicht der Kämpfer. Aber wenn ich um mich herum ein übermächtiges Unrecht spüre, dann identifiziere ich mich. Und inzwischen habe ich auch andere Möglichkeiten. Was am Anfang fast zwanghaft war, mein Rollenverhalten, das ist jetzt Handwerkszeug. Ich wecke ja auch Erwartungen und Hoffnungen, sodass ich jetzt ein Projekt vorbereite, mit Gewerkschaften eine Stiftung oder ein Stipendium schaffe, wo jüngere Journalisten freigestellt werden, um dann in solche Bereiche reinzugehen.
So etwas ähnliches haben Sie ja bereits im vergangenen Jahr gefordert. Wie waren denn damals die Resonanzen aus der Presselandschaft?
Wallraff: Aus der Presselandschaft weniger. Es geht ja mehr um Einzelne, die das gerne machen würden, die aber den Freiraum nicht haben in ihren Medien.
Eigentlich wären Sie mit Ihrem moralischen Gewissen doch in der Politik viel besser aufgehoben, oder nicht? Haben Sie da einmal drüber nachgedacht?
Wallraff: Ja, ich hatte zweimal Angebote von Parteien. Ein sicheres Bundestagsmandat. Bei der einen Partei hätte ich gar nicht Mitglied werden müssen. Aber das ist für mich überhaupt keine Frage, das habe ich abgelehnt, ohne nachzudenken. Ich muss unabhängig sein und mich gegenüber der Partei, der ich vielleicht vorübergehend nahestehe, auch kritisch verhalten dürfen. Ich bin vielleicht meinem Parteiausschluss durch Nichteintritt zuvorgekommen. So eine Arbeit verlangt Unabhängigkeit und ich muss sagen, ich möchte mit keinem Politiker tauschen.
Das liegt aber nicht daran, dass Sie glauben, die Politik sei nicht durchschlagskräftig genug?
Wallraff: Ach, was heißt durchschlagskräftig? Ich kenne Politiker, die ich für sehr glaubwürdig halte. Aber das sind leider welche, die nicht das höchste Ansehen und den größten Spielraum haben. Es ist einfach nicht meine Welt und ich könnte mich auch keiner Parteiräson unterwerfen. Meine Arbeit ist ja politisch, sie ist auch parteiisch, sie ergreift Partei für die jeweils Schwächeren. Ich bin Lobbyist, teilweise, für diejenigen, die keine Lobby haben. Da würde ich über eine Parteimitgliedschaft leerlaufen.
Beim Rückblick auf Ihre Karriere denken viele wohl an Ihre Zeit bei Bild. Diese Zeitung geht ja recht offensiv mit Kritikern und Gegenspielern um, so ist Kai Diekmann etwa Mitglied der taz-Genossenschaft geworden. Hat man irgendwann einmal versucht, Sie sozusagen zu vereinnahmen?
Wallraff: Vereinnahmen nicht, aber es gab einen Chefredakteur, einen der Brutalos, der diese Hetze gegen Asylbewerber betrieb, Tiedje hieß der, der sich später rechtfertigte, das wäre nicht auf seinem Mist gewachsen, das sei der Verlagsleiter Prinz gewesen, der ihm sowas abverlangt hätte. Schlag- auf Schlagzeile ging das damals. Asylbetrug und wieder Zigtausende im Land und das endete dann mit der Schlagzeile «Das Boot ist voll», und danach gab es die Progrome in Mölln und Solingen. Und der rief mich mal irgendwann an, das weiß ich noch, als eine Kampagne gegen mich gestartet war und sagte: «Ich halte mich aus der Kampagne raus, wenn sie die Bild nicht ständig in der Öffentlichkeit dermaßen runtermachen.» Ich sprach damals bei den Boulevardzeitungen immer davon, der Leser hätte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ich weiß gar nicht mehr, was ich mit Pest gemeint habe. Dann brachte der doch tatsächlich den Vorschlag, ob ich nicht wenigstens von Pest und Lungenentzündung sprechen könnte (lacht). Das war drollig.
Und von anderer Seite?
Wallraff: Ganz früher gab es Versuche vom Arbeitgeberverband, da gab es Unternehmer, die hatten ihr Forum, wo sie sich mit Schriftstellern austauschten. Der eine nahm den Walser mit nach Hause, der andere den Wallraff, und da kam das Angebot von einem Unternehmer: «Hören sie mal, was sie da in der Gewerkschaftszeitung verdienen, da kriegen Sie bei uns das Zehnfache, da können Sie unter anderem Namen bei uns veröffentlichen. Sie können doch schreiben.» Das war so ein Versuch, aber das hat sich sehr schnell rumgesprochen, dass ich nicht käuflich bin.
Gibt es derzeit von der Arbeit mit jungen Journalisten abgesehen, ein Projekt, an dem Sie arbeiten?
Wallraff: Es gibt erst einmal die Nacharbeit, das Ganze durchzusetzen. Es gab auch Kampagnen, die haben versucht, das Buch verbieten zu lassen, ich habe heute noch mit Anwälten telefoniert, das ist jetzt wohl gescheitert. Das Buch ist vorher nicht durch Anwälte geprüft worden, das kann ich selber machen. Und wenn es soweit ist, verteidige ich mich auch selbst. Bei mir wachsen bestimmte neue Rollen. Und da habe ich einiges in Vorbereitung, aber das ist jetzt zu früh. Ich mach erst einmal ein bisschen Weihnachten.
Günter Wallraff, geboren am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei Köln, ist einer der renommiertesten investigativen Journalisten und Schriftsteller Deutschlands. Bekannt wurde er durch seine Reportagen über Missstände in verschiedenen Großunternehmen, der Bild-Zeitung und diversen Institutionen. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen Der Aufmacher – Der Mann, der bei «Bild» Hans Esser war (1977) und Ganz unten – Beschreibung des Schicksals von illegal eingeschleusten Arbeitern (1985).
voc/reu/news.de
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Haben Sie zugelassen, dass Teutopresse mit einem Foto von Wallraff Geschäfte gemacht (bei Verletzung des Urheberrechts). Wie kommt Teutopress ohne Zustimmung von Herrn Wallraff zum Urheberrecht?
jetzt antwortenKommentar meldenDarf teuropress aus Bielefeld ohne Ihre Zustimmung oder Auftrag für Wallraff-Fotos Rechnungen ausstellen?
jetzt antwortenKommentar meldenIch habe mich gemeldet aber von ihnen keine Antwort erhalten. Erneut Herrn Fahnemann angeschrieben. 31.01.2010
jetzt antwortenKommentar meldenWar die Antwort hell genug?
jetzt antwortenKommentar meldenDie Rechnung kam von einem Anwalt der teutopress aus Hamburg (nicht aus Bielefeld). Ich nahm an, dass Wallraff den Anwalt beauftragt hat, Verletzungen seines Urheberrechts zu verfolgen. Wie kann die Angelegenheit ausgeräumt werden? Ich bin natürlich daran interessiert, meinen Kommentar sofort zu löschen, falls Wallraff nichts damit zu tun hat.
jetzt antwortenKommentar meldenDie Rechnun kam von einem Bielefelder Anwaltsbüro.
jetzt antwortenKommentar meldenDie Rechnung habe ich bereits bezahlt und darf jetzt das Bild auf meiner HP belassen.
jetzt antwortenKommentar meldenWas wollen Sie denn noch konkret wissen?
jetzt antwortenKommentar meldenWär`doch schön und fair, wenn Klarsicht (Kommentar1)uns über den wahren Sachverhalt nicht im Dunkel stehen ließe!
jetzt antwortenKommentar meldenAchso, die Rechnung ist nicht von uns...
jetzt antwortenKommentar meldenHallo Klarsicht, ich bin Mitarbeiter von G.W. Können wir irgendwie in Kontakt treten damit Sie mir den Sachverhalt schildern könnnen? Bitte schreiben Sie eine Mail an folgende Adresse, ich habe sie für die Kontaktaufnahme eingerichtet. john.d2@gmx.de Viele Grüße, Büro Günter Wallraff
jetzt antwortenKommentar meldenLieber Bertil...dann bestelle ihm mal schöne Grüsse. Ich habe hohen Respekt vor ihm. Allerdings habe ich Jahrelang in afrika unter Farbigen gelebt, und leider festgestellt, dass es unter ihnen genau so viel Dummvolk gibt wie unter Weissen. Oft sogar noch schlimmer u. bis zum Radikalrassismus. Auch sorgen Migranten hier sehr oft durch ihr Verhalten selber für Vorurteile. Herr Wallraff hätte mit mir vorher mal für 1 Jahr die Wohnung tauschen sollen. Dann hätte er sich nicht umgefärbt. Hier kann man sehr gut beobachten das so einiges nicht mit rechten Dingen zugeht.
jetzt antwortenKommentar meldenDa stimmt was nicht! Ich bin mit G. W. befreundet und kenne ihn als liebenswürdigen und stets hilfsbereiten Menschen. Erstens: Nicht er selbst überwacht die öffentliche Verwendung seiner Pressebilder, sondern allenfalls sein Sekretariat. Zweitens: Kommt nicht klar zum Ausdruck, ob Klarsicht die 400 EUR zahlt und das Bild auf seiner HP belässt, oder ob er sich lieber abmahnen lässt und es entfernt. Drittens: In welchem Zusammenhang das Bild verwendet wird oder wurde bleibt offen. Ist dabei Werbung im Spiel, könnte sie ja unlauter sein. Also immer langsam mit die Pferde!
jetzt antwortenKommentar meldenEin Glück, das es den Wallraff gibt. Kein Anderer hat die Brutalität der kapitalistischen Arbeitswelt aus der Sicht der Arbeiterklasse so treffend beschrieben. Kein Anderer entlarvt so kompromisslos die Oberschicht, deren Denken und Handeln, deren maßlose Gier und Profitsucht so authentisch. Niemand versteht es besser, die Scheinmoral und Verlogenheit der Kirche und der BILD- Zeitung deutlich zu machen. Seit "Ihr da oben, wir da unten" ist er für mich der Größte. Weiter so, Günther. Wir brauchen Dich ! Ein Arbeiter
jetzt antwortenKommentar meldenSein Bild habe ich ohne sein Einverständnis auf meiner HP veröffentlicht. Für diese kostenlose Werbung hätte Wallraff sich freuen können. Doch stattdessen schickt er mir eine Rechnung über 400,00 Euro ins Haus. Als nicht gerade gut Betuchter war das ganz schön hart. Ich dachte nicht, dass ausgerechnet Wallraff so scharf auf mein Geld ist. Bisher kannt eich das nur von der Steuer.
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